ND-Vater protestiert
Am 7. Februar 1934 ließ der ND-Vater Joseph Pollmann aus Köln dem Generalvikariat ein schreiben zukommen, in dem es u.a. heißt:
„In den letzten Wochen häufen sich in der Öffentlichkeit Angriffe und Erniedrigungen gegen Einrichtungen und das Wirken der katholischen Kirche und damit gegen die Träger der katholischen Kirche in einer Weise, dass mich die Empörung packt, namentlich wenn ich an den Schmerz denket, der Ihnen in viel höherem Grade bereitet wird.
Der Aufmarsch, der sich am Sonntag in den Straßen Kölns vollzog, mit der Jugend Kölns, ist nicht ernst genug zu nehmen, da er lebhaft an eine Propagandamethode erinnert, die in den bewegten Zeiten des Umbruchs üblich war. Einmal galt es dem Oberbürgermeister Dr. Adenauer, dann den Juden, heute war es ein Vorstoß gegen die katholische Jugend, besser gesagt, gegen deren Führung, da man jene ja als irrgeleitet ja verhetzt bezeichnet. Als Vorwand zu diesem gewaltigen Aufmarsch wird die kirchliche Feier der katholischen Jugendbünde in der St. Apostelnkirche am Sonntag vor 8 Tagen bezeichnet. Ich war Teilnehmer dieser Feier, die sich mit einer kleinen Schar tapfer aber bescheiden auftretenden Jungmannen ganz im kirchlichen Rahmen, ohne ein nach außen in Erscheinung tretenden Gepränge, abspielte. Von Provokation war keine Spur festzustellen, sie wäre ja auch sinnlos gewesen und höchst unkatholisch. Eine meiner Söhne ist in der Bewegung.“ Pollmann fuhr fort: „Entweder ist Christus der Führer der Jugend, oder er ist bei ihr ausgeschaltet. Ein Nachgeben in der Frage der Jugendführung scheint mir demnach ein Verzicht darauf. Unsere nächste Zukunft im kirchlichen Leben wird aber so sein, wie die heutige Jugend kirchlich ist. Eine beklemmende Frage ist mir deshalb, ob die Kirche die Jugendführung ohne kraftvolle Erfassung der Zügel ihre Wege gehen lassen wird, oder ob sie den mächtig vorwärts treibenden Kräften der Loslösung vom kirchlichen Einfluss ein mutiges und eindeutiges Veto entgegenstellt.“
Der Grund seiner Besorgnis, so der Vater, beruhe auf konkreter Erfahrung: „Am Montag hatte mein Sohn im Anschluss an den Unterricht in der Berufsschule Religionsstunde. Seine Klassenkameraden setzten ihn den ganzen Tag als Ausfluss ihrer wilden Eindrücke aus dem vortägigen Demonstrationszuge einem wahren Trommelfeuer von Beschimpfungen als Neudeutscher aus. In der Religionsstunde gingen nun die Vertreter der Hitler-Jugend so weit, an den geistlichen Religionslehrer verschiedene Fragen über seine Einstellung und Meinung der HJ-Bewegung gegenüber der katholischen Kirche zu stellen. Der Befragte hätte diese Fragen restlos ausweichend beantwortet. Das mag politisch klug gewesen sein, aber es war alles andere als Jugendführung, in der nichts-Widerlicher wirkt als feiges Zurückweichen. Die Enttäuschung meines Sohnes über sein Erlebnis , das er mir berichtete, war so groß, dass ich ihn aufrichten musste, indem ich ihm sagte: Ein Junge, der Christus als Führer sich erkoren hat, ist immer in der Majorität.
Wäre es möglich, dass den geistlichen Jugendbetreuern aufgegeben wird, der nach Klarheit ringenden katholischen Jugend das gleiche zu sagen, wenn eine offene Antwort auch vom Gegner gefordert wird.“