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Ereignisse
1934
Februar

Protest von Elternseite

Am 1. Februar 1934 richtete der städtische Baurat Beitzen folgendes Schreiben an den Hauptschriftleiter des „Westdeutschen Beobachters“ und den Kölner Polizeipräsidenten:

„Zu Ihrem Artikel mit großer Überschrift ‚Unerhörte Provokationen katholischer Jugendverbände‘ in No. 37 Ihrer Zeitung, gestatte ich mir mitzuteilen, dass die dort geschilderten Vorgänge am Sonntag anläßlich der kirchlichen Feier von Neudeutschland in der Apostelnkirche in keiner Weise mit den eingehenden Beobachtungen meinerseits übereinstimmen. Nichts ‚von geschlossenen und singenden Gruppen, von Verteilen von Flugblättern und Zeitungen, von entrollten Wimpeln und Fahnen (außerhalb der Kirche), von Propaganda für die kath. Jugendorganisationen und von unerhörten Beleidigungen der Hitlerjugend‘ war wahrzunehmen. Dagegen war positiv festzustellen das durchaus zurückhaltende und bescheidene Auftreten der Neudeutschen auf dem Wege zur Kirche und von der Kirche.

Auf der anderen Seite hatte man schon 2 läge vorher gehört, dass von Seiten der H.J, etwas gegen die Feiernder Neudeutschen geplant und beabsichtigt war. Dementsprechend war am Sonntagnachmittag festzustellen, dass schon lange vor Beginn der kirchlichen Feier eine große Menge Jungvolk und Hitlerjugend auf dem Apostelnkloster gegenüber der Kirche Aufstellung genommen hatte, dass weiter ein großes Lastauto mit Fanfarenbläsern und Sprechchor ständig die Straßen Hahnenstr., Neumarkt, Mittelstr., umfuhr, wodurch die Feier in der Kirche gestört wurde, ebenso wie durch das Verhalten der in der Kirche anwesenden Hitlerjugend, dass weiterhin bei Schluss der Feier, während die Teilnehmer aus der Kirche strömten, ein geschlossener Zug der H.J. mit Trommeln und entfalteten Fahnen über Apostelnkloster an der Kirche vorbeizog, um dann ostentativ vor dem Gebäude des Braunkohlesyndikats geschlossen Aufstellung zu nehmen, während die Polizei nur die Kirchenbesucher zum Weitergehen aufforderte und drängte. Die weiteren anschließenden Vorgänge und Vorfälle habe ich leider nicht aus nächster Nähe selbst genau beobachten können.

Aber gegenüber der Feststellung; dass die Neudeutschen sich in durchaus korrekter- und normalerweise auf den Nachhauseweg begeben haben, sah ich, dass an der Kreuzung Mittelstr. und Benesisstr. Angehörige der H.J. (ca. 10) eng um einen Führer herumstanden und augenscheinlich von diesem Weisungen bekamen, nachdem von Neudeutschen nichts mehr zu sehen war. Dass weiterhin Hitlerjungens im Laufschritt die Benesisstraße entlang liefen in der Richtung, in der sich Neudeutsche entfernt hatten. Wie mir neben zahlreichen anderen Vorfällen berichtet ist, sind alsdann dort in der Nähe der Ehrenstr. Neudeutsche von Hitlerjungens, die hinter ihnen herkamen, gewaltsam angehalten worden, unter ihren Mänteln nach Kluft und Abzeichen (auch in den Taschen) untersucht, wobei ihnen solche Abzeichen abgenommen wurden, und es sind ferner 2 Neudeutsche gewaltsam festgenommen, im Auto nach dem Haus der Gebietsführung Volksgartenstr. weggeführt und dort festgehalten.

Nach all den Umständen und Beobachtungen des Nachmittags sind die in Ihrem Artikel enthaltenen Beschuldigungen gegen die Neudeutschen gänzlich unbegründet und es wäre nur zu wünschen, dass durch eine strenge und unparteiische Untersuchung die Wahrheit festgestellt und vollständige Klarheit geschaffen würde über die Schuld an diesen beschämenden Vorgängen in einem geordneten Staate und im katholischen Köln.

Aus lauten und empörten Ausdrücken aus dem Publikum auf den Straßen war deutlich zu erkennen, welchen Eindruck das Verhalten der H.J. am Sonntag auf die Öffentlichkeit gemacht hat, und wenn meine Beobachtungen richtig sind, so wird jeder ordnungs-und wahrheitsliebende Mensch nicht nur die Vorfälle an sich, sondern ebenso die Berichterstattung in ihrer Zeitung tief bedauern und verurteilen, im Interesse unseres Vaterlandes, unserer Jugend und nicht zuletzt der ersehnten Einigkeit.“

Die Schreiben blieben laut handschriftlicher Notiz von Beitzen ohne Antwort. Am gleichen Tag richtete er ein – allerdings abweichendes und ausdrücklich als „persönlich“ gekennzeichnetes – Schreiben an Regierungspräsident zur Bonsen, in dem es hieß:

„Anknüpfend an Ihre kürzlich in Münster i.W. bezüglich der katholischen Jugendverbände gestatte ich mir ergebenst Ihre Aufmerksamkeit auf die Vorfälle am letzten Sonntag anlässlich der kirchlichen Feier von Neudeutschland in St. Aposteln zu lenken. Gegenüber der Bericht in Nr. 37 des Westdeutschen Beobachters habe ich der Schriftleitung die in Abschrift beiliegende Äußerung übersandt. Die Feierstunde in St. Aposteln war für alle, die sie miterlebt haben, wirklich etwas Erhebendes und Ermutigendes, wenn man solche Jungens sah, mit solcher religiöser und staatsaufbauender Überzeugung und wenn man mit innerer Bewegung Ihr Lied anhörte ‚Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu‘.“

Zwei seiner vier Söhne, so fuhr Beitzen fort, seinen NDler und hätten dem Bund bisher „die Treue gehalten“. Er empfinde für die Haltung „Hochachtung“, zumal die „sich bei den verschiedensten Gelegenheiten sich zeigenden Verhältnisse in der HJ. wirklich zu keinem anderen Schritt raten“ könnten. „Für eine Einigung der deutschen Jugend“ habe er „vollstes Verständnis“, „aber nicht auf diesem Wege und ohne notwendige und wirksame Sicherung in religiöser Beziehung“. Ein derartiges Verhalten der HJ gebe „nicht nur zu vielerlei Bedenken Anlass, sondern auch zu Befürchtungen, dass dadurch ein dauernder Schaden herbeigeführt und das Trennende in unserem deutschen Volke nur umso größer wird“. Und weiteres Ungemach drohe: „Wie schon jetzt bekannt wird, sind für kommenden Sonntag seitens der HJ angebliche Gegendemonstrationen in größerem Rahmen gegen die angeblichen Vorgänge am letzten Sonntag in Vorbereitung.“

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