Neue Berichte zum 28. Januar
Am 31. Januar 1934 verschickte der Kölner ND einen Bericht seines Leiters Studienrat Burscheid sowie dazugehörige Zeugenaussagen an das Generalvikariat, den Polizeipräsidenten, den Regierungspräsidenten, den Oberpräsidenten sowie an das Reichsinnenministerium. Der Bericht lautete:
„Bericht über die kirchliche Feierstunde der Neudeutschen in St. Aposteln am 28.1.34
Die alljährliche Ritterweihe der Neudeutschen war im letzten Jahr verschoben worden, weil die meisten Primaner durch Schulungslager abwesend waren« Entsprechend der Verordnung des Herrn Oberpräsidenten der Rheinprovinz vom 30.11.33 hatte die Polizeibehörde vor Weihnachten zweimal mündlich die Zusicherung gegeben, dass die Feier mit öffentlichem Aufmarsch am 28.1.34 stattfinden könne. Daraufhin wurde die Sache nach den Ferien den Jungen und deren Eltern bekanntgegeben und am Montag, den 22.1. schriftlich die polizeiliche Genehmigung nachgesucht. Am Donnerstag, den 25.1. wurde der öffentliche Umzug verboten. Noch am Abend erging ein Rundbrief an alle Gruppen, der das Verbot mitteilte und zu schweigendem Gehorsam aufforderte; alle sollten einzeln zur Kirche kommen.
Am Samstag, den 27.1. früh wurde die Polizeibehörde darauf aufmerksam gemacht, dass die Hitlerjugend zu störenden Gegendemonstrationen alarmiert sei, und um polizeilichen Schutz der kirchlichen Feier gebeten Nachmittags 14.30 Uhr gab der Herr Polizeipräsident mündlich und gegen 16 Uhr schriftlich Bescheid, dass die Feier nur in Zivil besucht werden dürfe. Auf die Bemerkung, dass dies nicht mehr allen Jungen mitgeteilt werden könne, erklärte der Herr Polizeipräsident, er werde es durch die Abendzeitungen bekanntgeben. Um zu tun, was wir konnten, gaben, wir sofort allen Gruppen die Meldung, dass die Jungen nur in Zivil kommen dürften. Da das polizeiliche Verbot nicht in den Zeitungen erschien und die Gruppen nicht mehr alle Jungen erreicht hatten, wusste eine Anzahl nichts von dem Kluftverbot und erschien zu der Feier in der Bundeskleidung (etwa 50 - 80).
Vor der Kirche standen Kolonnen Hitlerjugend und Jungvolk, zum Teil in geschlossenen Zügen, die von der Polizei nicht entfernt wurden. Stattdessen drängte man unsere Jungen bereits 15.40 Uhr in die Kirche.
Etwa 700 Jungen mit ihren Eltern, im Ganzen gegen 1.800 Gläubige, waren zur Feier versammelt, die einen würdigen Verlauf nahm. Es kamen eine ganze Anzahl Hitlerjungen in die Kirche. Während der ganzen Feier, bei dem feierlichen Segen liefen sie in der Kirche umher, musterten die Gläubigen, verließen plötzlich in Haufen die Kirche und kamen wieder. Draußen lärmten die Umzüge des Jungvolks und der Hitlerjugend mit Fanfarenstößen, Trommeln und Singen. Ein Trupp Jungvolk wurde von einem Polizeioffizier aufgehalten, als er laut singend am Portal der Kirche vorbeiziehen wollte. Die Eltern waren über all diese Störungen des Gottesdienstes aufs höchste empört.
Nach der Feier standen draußen Hitlerjungen in Haufen vor der Kirche. Die Neudeutschen mit ihren Eltern verließen, gedrängt von der Polizei, sehr schnell den Vorplatz der Kirche. Die Banner und Wimpel wurden vielfach von den Eltern mitgenommen, zum Teil im Auto, oder eingerollt von den Jungen fort getragen, wie es angeordnet war. Auf die Banner und Wimpel wurden allenthalben Überfälle gemacht, sogar auf die Autos, in einer Weise, dass eine Mutter, die ein Auto lenkte, ohnmächtig zusammenbrach. In der Mittelstraße kam es zu schwerem Zusammenstoß. Hitlerjungen unter Leitung der Stabswache stürzten sich auf die Banner, schlugen auf die Jungen ein, die Polizei griff stark ein, war aber teilweise machtlos. Ein höherer Führer widersetzte sich in frechster Weise drei Polizeibeamten, die seinen Namen feststellen wollten. Zwei Neudeutsche wurden ohne Grund von Hitlerjungen in ein Auto geschleppt und zur Gebietsführung gebracht.
Soweit bis jetzt bekannt ist, gelang es den Angreifern ein Banner einen Wimpel und einen Speer zu rauben. Das Banner wurde von Hitlerjungen entrollt durch die Straßen getragen: über Severinstraße – Bonner Straße-Bonner Wall nach Lindenthal zur Kerpener Straße.
An der Herz-Jesu-Kirche wurde ein Neudeutscher beim Eintritt in die Sakramentskapelle überfallen und niedergeschlagen.
Allgemein war die Beschimpfung der Neudeutschen: ‚Falsche Augendiener, geht nach Rom, Ihr schwarzen Hunde, Vaterlandsverräter!‘
Gegenüber der Meldung des Westdeutschen Beobachters von Montag-Morgen - Nr. 37 - sei festgestellt:
1.) Die Jungen, die in Kluft erschienen, handelten ohne Kenntnis des Verbotes.
2.) Es sind keine geschlossenen Gruppen singend durch die Stadt gezogen. Dass einzelne Gruppen von 10 - 20 Jungen sich zusammenhielten, teils um Erwachsene sich scharten, war durch die dauernde Überfallgefahr geboten.
3.) Nirgendwo sind Zeitungen oder Flugblätter verteilt worden. Nur in der Kirche wurden die Programme für die Feier ausgeteilt und am Schluss eingesammelt. Daher wohl diese Nachricht!
4.) Die Banner sind sämtlich eingerollt fortgeschafft worden. Die Hitlerjugend hat das geraubte Banner auf dem Bonner Wall entrollt und dann durch die Straßen getragen.
5.) Die Jungen waren angewiesen, jede verletzende Bemerkung zu unterlassen und haben sich nach allgemeinem Urteil musterhaft verhalten und den Weisungen der Polizei Folge geleistet Wohl haben verschiedene Eltern und unbeteiligte Passanten ihrem Unwillen über das Verhalten der Hitlerjugend scharfen Ausdruck gegeben.
In die Heime der Neudeutschen - Gabelsbergerstrasse 19 - versuchten am Abend Hitlerjungen verschiedentlich einzudringen. Noch 23 Uhr nachts wurden sie dabei überrascht.
Am Montag, den 29. zwischen 21 und 22 Uhr wurden alle jungen Leute, die das Canisiushaus verließen, von Hitlerjungen angehalten und nach Christusabzeichen untersucht.
Die Einzelheiten des Berichtes sind genau, geprüft und durch eine Reihe schriftlicher Zeugenaussagen belegt.“
Hans Striefler legte noch am 28. Januar folgenden Bericht über die Ereignisse nieder:
„Die Feier in der Apostelkirche war gegen 17.30 Uhr zu Ende. Langsam strömten die Menschenmassen durch die beiden engen Türen auf den Apostelmarkt. Dort forderten Polizeibeamte sofort zum Weitergehen auf. Wir - etwa 10-15 – Neudeutsche wollten zwei eingerollte Banner (Gaubanner und Gruppenbanner) und einen eingerollten Wimpel in die Wohnung unseres Gruppenmitgliedes H. Strunk, Alte Wallgasse 28, bringen. Etwa 50m waren wir der Mittelstraße entlanggegangen, als wir ganz plötzlich gegenüber dem früheren braunen Haus hinterrücks von Hitler-Jungen überfallen wurden. Mit dem Rufe: ‚Nehmt die Banner‘, stürzten sie sich auf uns. Wir wurden gründlich mit Fausten bearbeitet. Heinz Strunk stürzte nieder. Die übrigen verteidigten die Banner oder hielten sie aufgerollt fest. Nach wenigen Minuten griffen drei Polizeibeamte ein, die uns sehr energisch aus unserer bedrängten Lage befreiten. Mehrere von uns liefen mit den Bannern durch die Mittelstraße, Benesisstr. Richtung Ehrenstraße. (Bei dem Überfall wurde ein Wimpel abgenommen.) Der andere Teil der Gruppe blieb abwartend in der Benesisstr. stehen. Die Stabswache der HJ sammelte sich Ecke Benesisstr./Mittelstr. um dann hinter den Jungen mit den Bannern herzulaufen. Darauf machte ich sofort einen Polizeibeamten aufmerksam. Immer mehr Hitler-Jungen und Passanten strömten nach. Die Polizei blieb in der Mittelstr. Wir begaben uns daraufhin auch zum Hause des Heinz Strunk. Nach kurzer Zeit gingen etwa 5 Jungen in Mänteln mit hochgeschlagenem Kragen von dort aus zum Canisiushaus. Aber unterwegs in der Benesisstr. begegneten uns wieder Mitglieder der Stabswache und andere Neudeutsche. Es entstand ein Wortwechsel zwischen diesen. Die Neudeutschen wurden Verräter usw. geschimpft. Im Verlauf dieses Wortwechsels wurden zwei unserer Jungen - Kurt Weber und Werner Jansen - von der Stabswache festgenommen und zu einem Personenwagen abgeführt. Es hieß, die Jungen sollten zum Gebietshaus gebracht werden. Wir und viele Passanten äußerten sich sehr erregt über diese empörende Freiheitsberaubung. Man rief von allen Seiten nach Polizei. Aber erst nach Minuten traf ein Polizeibeamter ein. Er ließ sich den Tatbestand berichten und forderte die Menge auf, auseinanderzugehen; sonst unternahm er nichts. Sofort wollten wir dann zu drei Jungen P. Vorspel fernmündlich benachrichtigen. Deshalb gingen wir in eine naheliegende Wirtschaft. Es folgten uns aber sofort 2 HJ-Leute, daraufhin standen wir davon ab. Zu zweien gingen wir über die Ehrenstraße weiter Richtung Hohenzollernring. Die beide n Hitlerjungen folgten uns. Auf dem Ring gesellten sich noch einige hinzu. Wir bleiben an Schaufenstern stehen. Sofort sammeln sich die HJ-Leute um uns und beschimpften uns: ‚Augendiener‘ usw. Wir gingen weitert Hohenzollernring, Habsburgerring, Hohenstaufenring. Dort wollten wir in die Sakramentskapelle der Herz-Jesu-Kirche gehen. In der Tür war H.K. Schöller hinter mir, plötzlich bekam er einen Stoß gegen die Brust und danach in der Kirchtüre einen furchtbaren Schlag gegen das Nasenbein. Darauf taumelte er nieder. Seine Nase blutete stark. Er setzte sich erschöpft einige Zeit in eine Bank. Als wir vor die Türe traten, hatten sich dort Leute angesammelt, die heftig auf die Hitler-Jungen schimpften. Diese waren aber schon verschwunden. Wir begaben uns daraufhin zu unserem Heim in der Gabelsbergerstraße. „
Zeugenaussage Jakob Steffen:
„Der Unterzeichnete wohnte am Sonntag dem Gottesdienst in der Kirche St. Aposteln bei. Auf dem Heimweg war er Zeuge folgender Vorkommnisse:
Ich sah wie in der Apostelnstraße einem Trupp von 4 oder 5 Jungen eine Fahnenstange von einigen Jungen, die die Hitler-Jugenduniform trugen, gewaltsam entrissen wurde. Ein Hitler-Jugend-Führer, der mir begegnete, machte mich darauf aufmerksam. Er gab mir höflich folgenden Bescheid: ‚Da kann ich nichts dran ändern. Ich kenne die Jungen nicht. Die gehören nicht in meine Gruppe.‘
Währenddessen entriss man den Jungen, die verschüchtert in der Straße standen, auch das Fahnentuch, das einer unter seinem Mantel trug. Es war ungefähr 17.50 Uhr.
Die Jungen trugen keine Bundestracht. Sie hatten zivile Mäntel an. Sie waren ruhig ihres Weges gegangen und hatten nicht auf Zurufe von Seiten der Hitler-Jugend reagiert.
Für die Wahrheit des Berichtes trete ich ein.“
Zeugenaussage Andreas Mevissen zum Vorfall „Kurt Weber-Werner Jansen und Hitler-Jugend“:
„Die obengenannten Neudeutschen wollten mit einigen Kameraden durch die Benesisstr. nach Hause gehen. Dabei wurden sie aber von einem Trupp Hitler-Jungen (15 - 20 Mann)angehalten und ohne weiteres umringt, sodass sie sich nicht mehr wehren konnten. Darauf wurden sie in die Mitte genommen und zu einem Auto geführt, das Ecke Mittel- und Benesisstraße stand. Beide wurden hinten in den Wagen gesetzt und von Hitler-Jugend weggefahren in Richtung Ehrenstraße. Beide Jungen haben sich nichts zu Schulden kommen lassen.“
Eine anonyme Zeugenaussage (Namensnennung auf Wunsch der Polizei):
„Auf der Severinstraße begegnete mir eine Gruppe Hitler-Jungen. Diese trugen eingerollt ein blau-grünes Banner. Das fiel mir auf. Mein Freund und ich marschierten neben ihnen mit über Severinstraße – Bonner Straße.
Auf dem Bonnerwall wurde das Banner entrollt. Wir zogen weiter durch die Volksgartenstraße am Gebietshaus vorbei, Pfälzer-,Mosel-, Zülpicher-, Kerpener Straße, Lindenburg. In der Nähe des Lindenthalgürtels ging ich fort.
Auf der Bonnerstraße kam ein Personenauto mit Hitler-Jugend besetzt .Ein Mitglied der Stabswache fragte: ‚Habt Ihr ein Banner?‘ Die Frage wurde bejaht. Das Banner war blau – grün. Auf der einen Seite das XP - Zeichen, auf der andern Seite drei Kronen und auf einem Dreieck 5+3+1 Tropfen.
Ein Junge, der vorüberging, rief der Schar Zu: ‚Habt Ihr die Fahne den PX abgenommen?‘ Einer aus der ersten Reihe antwortete: ‚Ja, das haben die uns geschenkt.‘
Der zweite Zeuge verließ den Zug schon auf der Volksgartenstraße. Ich bürge für die sachliche Richtigkeit meiner Aussagen.“
Zeugenaussage Anna Steeger:
„Am Sonntag, den 28., fuhr ich mit dem Auto zur Apostelkirche, um an der Feier der Neudeutschen teilzunehmen. Ich stellte den Wagen in die Benesisstraße. Nach der Feier ging ich mit meinem Sohne Hans dorthin, er trug einen Wimpelspeer, ich hatte das Banner eingesteckt. Unterwegs wurde mein Sohn wegen des Speeres belästigt. Ich ließ ihn einsteigen, hielt den Speer fest. Darauf versuchten Hitler-Jungen mit Gewalt mir den Speer zu entreißen. Es gab ein langes zähes Ringen. Vergebens suchte ich Schutz bei einem SA-Mann, der mir erwiderte: ‚Gegen die Staatsjugend kann ich Ihnen nicht helfen.‘ Ein fremder Herr nahm sich meiner an und erbot sich, den Speer zu sichern. Da mir vor Aufregung die Kräfte schwanden, wurde ich ohnmächtig und von den Umstehenden in den Wagen getragen. Große Menschenmengen waren empört Zeugen des Vorgangs. Mit Hilfe fremder Leute und der Polizei konnte ich nach Hause gebracht werden.
Ergänzend möchte ich meiner Entrüstung Ausdruck geben über das freche Verhalten dar Hitler-Jungen in der Apostelkirche während des Gottesdienstes. Sie liefen störend in der Kirche hin und her. Ich sah, wie einer in meiner Nähe über die heilige Handlung höhnisch grinste.“
Zeugenaussage Eugen und Herbert Mevissen:
„Um 17.30 Uhr war unsere Feier zu Ende und die Leute strömten aus den engen Ausgängenmit den engen Ausgängen, um sich nach Hause zu begeben. Kurz nachdem wir aus der Kirche kamen, wurden wir (ca. 10 Mann unserer Gruppe) von der Polizei aufgefordert, uns nach Hause zu begeben. Dieser Aufforderung wurde Folge geleistet. Doch wir hatten uns kaum 50 m zur Mittelstraße entfernt, als wir plötzlich von Hitler-Jugend umringt wurden und von deren Seiten das Kommando kam: ‚Banner abnehmen!‘ Darauf wurden wir tätlich angegriffen, und man versuchte, uns die eingerollten 2 Banner und 1 Wimpel zu entreißen. Wir verteidigten die Banner, bis hereingerufene Polizei uns aus der bedrohlichen Lage befreite. Dann begaben wir uns zu unserem Gruppenmitglied Heinz Strunk, Alte Wallgasse 28, wo wir unsere Räder untergestellt hatten, um von hier aus nach Hause zu fahren. Da wir aber noch den Wimpel und einige Jungen vermissten, begaben wir uns auf die Suche nach diesen.
Wir gingen auf Umwegen zur Apostelkirche, um einen zweiten Zusammenstoß mit der Hitler-Jugend zu vermeiden. Unverrichteter Sache wollten wir wieder zur Wallgasse zurückkehren, wurden aber auf diesem Wege wieder aufgehalten und belästigt. Man schrie uns zu: ‚Vaterlandsverräter!‘ und ‚Geht nach Rom, ihr schwarzen Hunde!‘. Ferner wollte man uns von der straße verdrängen. Nach Entgegenhaltungen unsererseits, dass wir doch auch Deutsche wären und wir uns also nicht ohne Grund von der Straße verdrängen ließen, versuchte man, uns gewaltsam auseinanderzutreiben. Wir widersetzten uns eines so unerlaubten Vorgehens, bei welcher Gelegenheit wir in ein Handgemenge gerieten und zur Notwehr gezwungen wurden. Dabei wurden zwei unserer Leute wie Schwerverbrecher abgeführt, ohne dass wir es verhindern konnten. Nachdem ein SS-Mann hinzukam, gelang es diesem, das tätliche Vorgehen der Hitler-Jugend gegen uns zu unterbinden. Darauf zogen wir schnellstens zu Strunk, Alte Wallgasse, uns zurück. Mittlerweile hatte vor dem Hause eine solche Menge Hitler-Jugend sich angesammelt, dass es uns unmöglich war, mit unseren Rädern das Haus zu verlassen.“