Menü
Ereignisse
1934
Dezember

Lagebericht des Bonner Oberbürgermeisters

Am 22. Dezember 1934 schreibt der Bonner Oberbürgermeister in seinem Bericht über die politische Lage an die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Köln u.a.:

„8. Katholische Kirche:

Innerhalb der katholischen Kirche wird seit Wochen eine starke Propaganda für die kath. Jugendvereine betrieben, an der sich auch die hier gedruckten katholischen Kirchenzeitungen beteiligen. Im Brennpunkt der Propaganda gegen die Staatsjugend steht immer noch Rosenbergs Mythos, aus dem Auszüge veröffentlicht werden, durch die man dann nachweisen will, dass die Erziehung der Staatsjugend im antichristlichen Sinne erfolgt. Gleichzeitig benutzt man zu Propagandazwecken Auszüge aus öffentlichen Reden der Staatsjugendführer und Veröffentlichungen nationalsozialistischer Zeitungen, in denen Sätze gegen das Christentum enthalten sind.

III. 3. Staatsjugendtag

In steigendem Maße ist in den letzten Wochen zu beobachten, dass die Eltern ihre Kinder, welche dem Jungvolk und dem BDM angeschlossen sind, von den Veranstaltungen dieser Gliederungen am Staatsjugendtag zurückhalten und zur Schule schicken. Um die Schule von vornherein vor dem Verdacht zu bewahren, als begünstige sie diese Erscheinung, haben Erhebungen stattgefunden um festzustellen, worauf die Einstellung der Eltern und auch der betreffenden Schüler und Schülerinnen zurückzuführen ist.

Nach den eingegangenen Mitteilungen können die Gründe wie folgt zusammengefasst werden:

1.Es wird Klage geführt über die Führung beim DJV bezw. beim BDM. Die Jungvolk- und BDM-Führer(innen) seien vielfach nicht in der Lage, ihre Aufgabe, den Staatsjugendtag sinngemäß auszufüllen und die nationalpolitische Erziehung sicherzustellen, zu erfüllen. Sie besäßen nicht die genügende Autorität, um die Mitglieder zusammenzuhalten, sodass wiederholt beobachtet werden konnte, dass sich Jungen an den betreffenden Tagen aufsichtslos herumtrieben. – Die Benachrichtigung über den Dienstplan erfolge teilweise zu spät.

2. Gemessen an der Art des nationalpolitischen Unterrichts in der Schule am Staatsjugendtag erscheint den Schülern der Aufenthalt in der Schule interessanter als die Mitarbeit in ihrer Gliederung, sodass sie lieber den Unterricht hören wollen und ohne Beurlaubung von Seiten der Gliederung dem Dienst fernbleiben.

3. Wenn der Dienst nachmittags angesetzt wird, wissen die Eltern nicht, wie sie ihre Kinder in den Vormittagsstunden beschäftigen sollen und schicken sie dann zur Schule.

4. Weitere Schwierigkeiten bei der Ausgestaltung des Staatsjugendtages entstehen infolge schlechter Witterung. Entweder stehen für solche Fälle nicht genügend Heimräume zur Verfügung oder, wenn es doch der Fall ist, fehlt es an einem geeigneten Plan, die Zeit voll und ganz auszunutzen und interessant zu gestalten. Wird bei schlechter Witterung Außendienst angesetzt, dann halten manche Eltern ihre Kinder zurück, weil sie nicht in der Lage sind, für genügende und entsprechende Kleidung zu sorgen.

5. Ebenfalls erscheint manchen Eltern der Ganztagesdienst als zu anstrengend für die Kinder, sie fürchten für ihre Gesundheit. Die Versorgung für den Ganztag mit Butterbroten erscheint ihnen teurer als die Verpflegung zu Hause. Teilweise benötigen die Eltern ihre Kinder am Samstagnachmittag außerdem für Besorgungen verschiedenster Art. Wenn jedoch der Dienst bis 6 Uhr ausgedehnt wird, so haben sie dazu keine Möglichkeit mehr.

Es ist zu befürchten, dass diese Gründe geeignet sind, der Durchführung des Staatsjugendtages Abbruch zu tun und das Ansehen der HJ und des BDM zu gefährden.

Es wäre zu prüfen, ob die Schwierigkeiten sich durch eine stärkere Heranziehung der Schule bezw. Lehrerschaft bei der Ausgestaltung des Staatsjugendtages beheben lassen, um auf diese Weise steigende Unzufriedenheit auf Seiten der Elternschaft und Unlust und Gleichgültigkeit auf Seiten der Schüler und Schülerinnen zu beseitigen.“

Baum wird geladen...