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Ereignisse
1934
März

Starke katholische Jugendarbeit in Lüchtringen erschwert HJ-Aufbau

In Lüchtringen wird der Aufbau der HJ bis März 1935 stark erschwert, weil es vor Ort einen sehr aktiven Vikar gibt, der es erreicht hat, dass fast alle Schulkinder der von ihm geführten katholischen Jugend angehören. Da HJ und BDM dort auch keine geeigneten Führerpersönlichkeiten mit einer ebenbürtigen Autorität haben, gelingt es der nationalsozialistischen Jugend nicht, der Arbeit des Vikars etwas entgegenzusetzen. Über die Lage in Lüchtringen verfasst der Landrat von Höxter am 16. und 22. März 1935 zwei Berichte an den Regierungspräsidenten in Minden, in denen er darüber hinaus über die kritische Haltung des Vikars zu Rosenberg und Schirach anspricht. Seine Informationen hat der Landrat über den Schulrat erhalten, den er gebeten hat, sich bei den Lehrern in Lüchtringen „vertraulich über diese Zustände zu informieren“. Anschließend teilt der Schulrat dem Landrat folgendes mit:

„Im Laufe der Besprechung teilten mir die Lehrpersonen dann mit, dass um die Zugehörigkeit dr schulpflichtigen Kinder zu nationalsozialistischen und anderen Jugendverbänden ein erbitterter Kampf geführt werde, und als Hauptgegner der HJ und des BDM wurde der Vikar Weißenfeld bezeichnet. Dieser erklärt s. Zt. dem Lehrer Pg. Kayser, solange Adolf Hitler noch Rosenberg und Baldur von Schirach dulde, müsst er als Geistlicher im Interesse der Kirche den nationalsozialistischen Jugendverbänden schärfsten Kampf ansagen. […] Die […] Lehrpersonen sind übereinstimmend der Meinung, dass durch das Verhalten des Vikars viel Unruhe und mancher Streit in die Gemeinde getragen wird.“

Der Landrat bemerkt dazu, dass sich die „ohnehin politisch schwierige Gemeinde Lüchtringen“ durch das Verhalten des Vikars, in einen „Zustand ständiger politscher Nervosität“ befinde. Der Vikar sei ein „ein außerordentlich aktiver Mann“ und spiele im Gemeindeleben sowie insbesondere im katholischen Vereinsleben eine bedeutsame Rolle. Als besonders problematisch sieht er dabei an, dass dem Vikar „insbesondere auf dem Gebiet der nationalsozialistischen Jugendverbände […] ein ebenbürtiger und bei der Bevölkerung mit gleicher Autorität ausgestatteter Gegenspieler nicht gegenüberseht“. Daher sei in Lüchtringen „mit dem Nationalsozialismus nur sehr schwer weiterzukommen“.

In einem weiteren Schritt spricht der Landrat dann selbst einmal mit Vikar Weißenfeld und stellt ihn wegen der Anschuldigungen, die gegen ihn seitens einiger Lehrer vorgebracht wurden, zur Rede. Dabei gibt dieser zu, eine kritische Haltung gegenüber Rosenberg und Schirach zu haben, kann den Landrat jedoch davon überzeugen, dass er keine generelle gegnerische Haltung dem NS-Staat gegenüber einnimmt. Er fühle sich, was die katholischen Verbände angeht, leidglich verpflichtet, den Weisungen des Erzbischofs gemäß diese Verbände möglichst fest aufzubauen.

Dabei ist es Weißenfeld nach eigenen Angaben gelungen, als Bezirkspräses für das Dekanat Höxter etwa 98 Prozent der weiblichen und 95 Prozent der männlichen katholischen Jugend in seinen Verbänden zu haben. Diesen Erfolg schreibt er nicht zuletzt der Tatsache zu, dass ihm auf Seiten der nationalsozialistischen Jugendverbände keine „irgendwie geeigneten Führer“ gegenüberstehen, so dass die Jugend „ihm ganz von selbst zuläuft“. Dazu komme die speziell in Lüchtringen „für die Bewegung wenig förderliche Persönlichkeit des örtlichen Hoheitsträgers“.

Der Landrat sieht als Fazit des Gesprächs keinen Anlass für eine Versetzung des Vikars. Dies würde seiner Ansicht nach nichts an der Situation ändern, vielmehr würde sie bei einem möglichen Nachfolger binnen Kurzem wieder ähnlich sein. Er empfiehlt lediglich, dass dem Vikar in seinen Äußerungen eine „größere Zurückhaltung“ anempfohlen werde, die bei seinem „außerordentlich lebhaften und impulsiven Wesen z.Zt. zu wünschen übrig lässt“.

Das „Kernproblem“ könne nur durch eine grundsätzliche Regelung der Frage der katholischen Verbände und der HJ gelöst werden.

Der Regierungspräsident beschließt auf der Grundlage des Berichts des Landrats, vorerst nichts gegen Weißenfeld zu veranlassen (Schreiben an den Landrat vom 10. April 1935). Er wünscht jedoch, dass der Vikar weiterhin beobachtet wird und ggf. erneut über ihn berichtet wird. Zudem soll der Kreisleiter über Weißenfeld informiert werden.

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