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Ereignisse
1934
Januar

Vikar von Wiedenbrück kritisiert Schirch

In Wiedenbrück äußert sich Vikar Inkmann Anfang Januar 1934 in einer Sonntagspredigt kritisch über Reichsjugendführer Baldur von Schirach, den er nicht für geeignet hält, die HJ auch im christlichen Sinne zu führen. Vom Sturmbannführer des Sturmes IV/174, Muhl, in seiner Eigenschaft als Sonderbeauftragter beim Landratsamt über die Sache befragt, gibt Inkmann die Bemerkung auch zu und fügt hinzu, dass er nicht eher Ruhe geben werde, bis die katholische Geistlichkeit „in der Frage der Zulassung und unbehinderten Tätigkeit der kirchlichen Vereine, wie sie nach dem Konkordat ihnen zustehe, wieder frei sei“. Alle anderen katholischen Geistlichen dächten wie er. Als Muhl darauf bemerkt, „dass die Geistlichkeit heute mehr Freiheit habe als je und der Führer Adolf Hitler doch auch Katholik sei“, erwidert Inkmann, „dass die katholische Geistlichkeit früher ganz andere Freiheiten genossen habe als heute, und dass Hitler Katholik sei, bezweifle er doch sehr“.

Über den Vorfall fertigt Muhl am 10. Januar 1934 einen Bericht an den Referenten der Standarte 174 in Bielefeld an und fügt als Einschätzung hinzu, er halte eine derartige Einstellung eines katholischen Geistlichen, der zudem stark in der katholischen Jugendbewegung tätig sei, für „staatsgefährdend“. Zudem habe er ermittelt, dass durch die Inkmannsche Predigt die Auffassung über Schirach in weiten Kreisen der Bevölkerung Fuß zu fassen begonnen habe. Derartige Bemerkungen gehörten nicht auf die Kanzel, da sie „rein politischer Art“ seien – dies sei auch die Auffassung des gesamten Sturmbannes. „Sie sind dazu angetan, gefährlich aufzuwiegeln und bringen neues Misstrauen gegen die Reichsführung in das Volk, umsomehr, als hier in rein katholischer Gegend solchen Ausführungen von Geistlichen auf der Kanzel leider viel zu sehr geglaubt wird.“ Daher seien „schärfste Maßnahmen“ geboten.

Inkmann bringt die Sache nun seinerseits auf der Dekanatskonferenz am 3. Januar 1934 zur Sprache und lässt sich anschließend vom Vorsitzenden der Konferenz, Dechant Strunz in Gütersloh, schriftlich bestätigen, dass alle Pfarrer und Vikare, die an der Konferenz teilgenommen haben, einstimmig erklärt hätten, sie könnten in der Äußerung zu Schirach keine politische Ansicht sehen. Vielmehr seien sie der Ansicht, „dass, wenn ein führender Politiker – in diesem Falle der Reichsjugendführer Baldur von Schirach – sich auf religiöses Gebiet begäbe und dabei nach katholischer Auffassung einen falschen Standpunkt verträte, die Widerlegung dieses falschen religiösen Standpunktes nicht Politik genannt werden könnte“.

Dies teilt Inkmann auch dem Landrat in Wiedenbrück mit, der darüber am 18. Januar 1934 in einem Schreiben an den Regierungspräsidenten in Minden berichtet. Hier kommentiert er die Äußerung Inkmanns allerdings dahingehend, dass die Predigt seiner Meinung nach darauf abgezielt habe „gegen den Eintritt in die HJ Stimmung zu machen“. Außerdem fügt er hinzu, dass Inkmann Angehörige der HJ, die Messdiener sind, vor die Wahl gestellt habe, in der HJ zu bleiben oder als Messdiener auszuscheiden.

Vermutlich Anfang März 1934 tritt der Landrat erneut mit dem Regierungspräsidenten in Kontakt und rät nun eine Versetzung Inkmanns an. Dies teilt der Regierungspräsident am 6. März 1934 dem Erzbischof von Paderborn mit und bittet, die Versetzung möglichst rasch vorzunehmen, da die Stellung Inkmanns „eine immer schwierigere werde“.

Am 20. März findet eine Besprechung zwischen u.a. dem Regierungspräsidenten und Domprobst Simon statt, auf der Simon darum bittet, von einer Versetzung Inkmanns zunächst abzusehen und ihm statt dessen einen jungen Geistlichen zur Seite zu stellen, dem die Sorge für die katholischen Vereine allein übertragen wird. So könne sich Inkmann auf die „reingeistlichen Dinge, insbesondere die Seelsorge“ beschränken. Mit diesem Vorschlag ist der Regierungspräsident einverstanden, möchte jedoch zuvor die Angelegenheit mit u.a. dem Kreisleiter besprechen.

Dem Vorschlag wird schließlich stattgegeben. Am 30. August 1934 teilt der Landrat dem Regierungspräsidenten in Minden mit, dass die Betreuung der katholischen Vereine in Wiedenbrück nun dem Vikar Hagemann übertragen worden sei. Vikar Inkmann sei seither „nicht in die Erscheinung getreten, insbesondere hat nicht beobachtet werden können, dass er öffentlich irgendwie gegen den Nationalsozialismus aufgetreten wäre“.

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