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Ereignisse
1934
März

Streit um NS-Organisationen in Eissen

In Eissen kommt es 1933/34 zu starken Auseinandersetzungen zwischen den neuen NS-Organisationen und der katholischen Kirche, bei denen die Kirche als traditionelle Kraft in der weitgehend katholischen Bevölkerung (es gibt nur eine evangelische Familie!) deutlich mehr Unterstützung erhält als die NS-Organisationen. Im Mittelpunkt der Streitigkeiten stehen dabei als überzeugte Nationalsozialistin die Lehrerin Hoischen und der katholische Pfarrer Dewenter. Über die Situation vor Ort verfasst Hoischen vermutlich im März 1934 einen Bericht, der dem Schulrat von Warburg zugeht. Darin zeigt sie auf, dass die Bemühungen, in Eissen NS-Organisationen wie HJ, BDM, NS-Frauenschaft und NSV aufzubauen, dadurch erschwert werden, dass als Reaktion entsprechende Organisationen von katholischer Seite entstehen und potentielle Mitglieder abziehen.

So schildert sie, dass in Eissen zunächst nur eine Jungfrauenkongregation bestand und die Schuljugend nicht besonders organisiert war. Hier habe sie nun „aus Interesse am Aufbau des Staates und aus Liebe zur Jugend“ die HJ aufbauen und auch selbst leiten wollen. Dies wird ihr jedoch verwehrt und die Leitung im Juli 1933 einer jüngeren Kraft überantwortet. Deren Arbeit bleibt der Erfolg jedoch versagt, weil sie evangelisch ist und die Eltern eine katholische Führerin wünschen. Es tauchen deswegen auch „gewisse Unruhen“ auf. In der Folge entsteht Ende Juli der Plan, eine Gruppe des Luisenbundes zu gründen.

Am 19. September wird in Eissen die NS-Frauenschaft gegründet, deren Leitung Frau Hoischen übernimmt. Die Gründung erfolgt ohne Wissen des Pfarrers, was dieser, so die Aussage einer Anwohnerin, Frau Hoischen offenbar „sehr verübelt“.

Versuche vonseiten Hoischens, sich mit dem Pfarrer zu verständigen scheitern – ihrer Meinung nach, weil sich der Pfarrer entsprechenden Gesprächsangeboten entzieht.

Eine weitere Eskalation entsteht, als für den 8. Dezember die Gründung einer Jungschar bekannt wird – just an dem Tag, an dem auch eine Theateraufführung des WHW geplant ist. Manche Mütter sind darüber erbost, dass beides an einem Tag stattfinden soll, denn dann seien die Kinder zwar körperlich bei der kirchlichen Feier, mit dem Geist aber schon auf der Bühne. Die Kirche aber sei höher als der Staat.

Es entsteht nun, so Hoischen, eine „tiefe Kluft zwischen HJ und Jungschar“, vor allem auf religiösem Gebiet. HJ-Angehörige und deren Mütter werden nun auch von anderen Müttern wegen der Zugehörigkeit zur HJ zur Rede gestellt. Angeblich treten deshalb sogar acht Kinder aus der HJ aus, um sich der Jungschar anzuschließen. Einige kommen zwar wieder zurück, weil man sie angeblich in die Jungschar „hineingezwungen“ hat, doch können sie nicht verhindern, dass die Zahl der HJ-Mitglieder gegenüber der Jungschar marginal bleibt: Verfügt die Jungschar bald über 30 Mitglieder, hat die HJ lediglich acht.

Weiterer Streit entbrennt nun auch bald darüber, dass Hoischen den Jungschar-Angehörigen an den zwei Nachmittagen, an denen sie Treffen haben, Hausaufgaben aufgibt – was sie allerdings unbeabsichtigt tut, weil sie über die Treffen nicht informiert ist. Gleichwohl zieht sie sich den Unmut auch der Eltern zu und es erwächst der Vorwurf, sie würde die Jungschar „unterdrücken“.

Die Arbeit in der Schule wird für Hoischen nun zunehmend schwierig, und sie fühlt sich offenbar immer mehr ausgegrenzt: Fünf Erziehungsfaktoren, nämlich Elternhaus, Schule, Geistlichkeit, HJ und Jungschar hält sie für zu viel, wenn diese nicht zusammenarbeiteten. Dann würden sie „mehr zerstören als aufbauen“.

Bald erwächst auch der NS-Frauenschaft Konkurrenz. Im Frühjahr 1934 kommt es zur Gründung eines Müttervereins, der, so der Pfarrer, schon „ohne Vorstand“ bestanden habe. In der Folge treten Frauen, die sich ursprünglich für die Frauenschaft interessierten, treten nun zurück und werden stattdessen im Mütterverein Mitglied. Entsprechendes geschieht, als der örtliche Caritasverband als Alternative zur NSV wiederbelebt wird. Die Leute würden, so Hoischen, ihre Arbeit als NS-Frauenschaftsleiterin sowie als Ortsgruppenwalterin als „Gegenaktion gegen den Ortsgeistlichen“ sehen. Dazu würden auch Bemerkungen des Pfarrers beitragen, der von der Kanzel von „Ämtern und Pöstchen, die Vorteile bringen“ spricht und von „Leuten, die fleißig sind, nur nicht für die Kirche“. Dadurch würden auch Leute, „die sonst dem Erziehungswerk sich nicht entgegensetzen“, ihr in „unerhörter nie dagewesener Form […] Schwierigkeiten bereiten“. „Gewisse Elemente“ würde „geringfügigen Vorkommnissen in der Schule politische Färbung“ geben unter „Entfernung der Tatsachen“.

Als Beispiel bringt sie einen Vorfall, an dem Jungschar und Jungfrauenkongregation mit 60 bis 80 Angehörigen nach Peckelsheim gegangen sind und unterwegs durch auswärtiges Jungvolk aufgehalten wurden. Dieses Vorkommnis sei mit ihr in Verbindung gebracht worden. Sie habe tags darauf mehreren Kindern wegen fehlender Hausaufgaben Strafarbeiten aufgegeben, und daraus sei dann das Gerücht entstanden, sie habe der ganzen Jungschar zusätzliche Aufgaben gegeben. Dieses Gerücht sei durch den Gemeindeboten, dessen Pflegekind tatsächlich eine Strafarbeit aufbekommen hatte, verbreitet worden. Derselbe habe sie dann beim Überbringen eines Schreibens derart angeschrien, dass sie ihn des Hauses habe verweisen müssen.

Nach diesen Vorkommnissen verstehe sie nun auch , warum die Frauen aus Peckelsheim, Niesen, Willebadessen und Lütgeneder lieber nach Eissen zur Frauenschaft kommen, als selbst eine Ortsgruppe aufzubauen und sich derartigen „Misslichkeiten“ auszusetzen.

Zum Schluss bittet Hoischen ihre vorgesetzte Behörde, die Missstände zu beseitigen, damit sie ihre „Erziehungsarbeit im Sinne des Führer“ durchführen könne.

Der Schulrat von Warburg spricht daraufhin am 19. März 1934 zunächst mit der Lehrerin und anschließend mit Pfarrer Dewenter. Dieser erklärt, er habe mit den abfälligen Bemerkungen von der Kanzel nicht die Lehrerin gemeint; diese habe das nur auf sich bezogen: „Wem der Schuh passe, der ziehe ihn an.“ Mit dem Führer des Jungvolks, dem Lehrer O. habe er doch Frieden. Kritisch bemerkt er jedoch, dass die nationalsozialistischen Organisationen „interkonfessionell“ seien. Im katholischen Eissen sei ein evangelisches junges Mädchen Führerin des BDM. In den interkonfessionellen Verbänden habe er keine Möglichkeit, die Mitglieder religiös zu betreuen.. Daher sei es seine Pflicht als Seelsorger, weiterhin für die katholischen Verbände einzutreten, selbst auf die Gefahr hin, dass er von seinem Posten entfernt werde.

Der Schulrat erklärt Dewenter daraufhin, dass der nationalsozialistische Staat Wert darauf lege, dass die Jugend in seinem Geiste erzogen werde. Diesem Zweck diene die Arbeit in der Schule und ergänzend dazu in den nationalsozialistischen Organisationen. „Wenn diese Arbeit durch Gründung konfessioneller Organisationen […] untergraben würde, so könne der Staat solches nicht zulassen. Unruhe und Wirren würden sonst die Folgen sein. Der Nationalsozialismus unterstütze die Religion, das positive Christentum. Daher sei es zu begrüßen, wenn auch Geistliche sich, ohne dass ihre Konfession Schaden litte, in den Dienst des Nationalsozialismus stellten und ihm nicht entgegenwirkten. So wie die Dinge in Eissen lägen, ginge es nicht weiter, da ein Riss in die Jugend hineinkäme und der Lehrerin die Durchführung ihrer erzieherischen Aufgabe erschwert bzw. unmöglich gemacht würde. Warum könne in Eissen nicht Friede und Ruhe sein wie in den Nachbargemeinden.“

Dewenter erklärt daraufhin, das läge an der Lehrerin. Daraufhin bricht der Schulrat das Gespräch ab und nimmt noch einmal Rücksprache mit Hoischen. Dieser empfiehlt er, doch auch noch einmal mit Dewenter zu sprechen, was sie jedoch ablehnt, weil dies zu „keinem Erfolge führen würde“.

Der Schulrat hält die Gesprächsergebnisse am 22. März 1934 in einem Bericht an die Abteilung für Kirchen und Schulen beim Regierungspräsidenten in Minden fest und bemerkt dazu, dass die Zustände in Eissen „unhaltbar“ seien und er eine Besserung nur durch eine Versetzung des Pfarrers für möglich halte. Der Pfarrer sollte dann durch eine Persönlichkeit ersetzt werden, „die zum mindesten sich zurückhält und der Arbeit in den nationalsozialistischen Organisationen freien Raum gewährt“.

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