Der Sicherheitsdienst der SS berichtet
„Äußerungen von Kindern und Jugendlichen über die politische und militärische Lage
Die Meinungsäußerungen von Kindern und Jugendlichen über die allgemeine politische und militärische Situation verdienen insofern Beachtung, als die Jungen und Mädel im Allgemeinen das nachreden, was sie zu Hause im engsten Familienkreis an Nachrichten und Ansichten „aufgeschnappt“ haben. Verschiedentlich haben Lehrpersonen die Schüler und Schülerinnen in einer mündlichen Aussprache oder in Schulaufsätzen zur Wiedergabe dessen aufgefordert, was die Kinder an politischen Äußerungen gehört haben. Derartige Aufsätze, die z. B. unter der Überschrift „Wovon die Leute sprechen“ aufgegeben wurden, geben eine bemerkenswerte Übersicht über die Themen und Tendenzen der politischen Gespräche, wie sie von den Kindern zu Hause, in den Läden und Verkehrsmitteln mit angehört werden.
Aus neuerer Zeit liegen derartige schriftliche und mündliche Äußerungen von Schülern und Schülerinnen aus dem Sudetengau und aus Bayern vor.
1. In der dritten Klasse einer Knabenhauptschule im Sudetengau hatte der Lehrer die Jungen über die Bedeutung der Feindpropaganda aufgeklärt und sie anschließend aufgefordert, in Form eines Aufsatzes niederzuschreiben, was sie an Äußerungen gehört haben, die nach ihrer Ansicht auf die feindliche Propaganda zurückzuführen seien.
Auffällig ist, dass in einer ganzen Anzahl von Aufsätzen davon geschrieben wurde, dass einzelne Soldaten durch Geschenke an ihre Vorgesetzten oft Urlaub bekämen, andere aber wiederum gar keinen. Die Offiziere lägen rückwärts, äßen viel und gut, während der einfache Soldat vorn im Graben seine Haut hinhalten müsse und obendrein schlechtes Essen bekomme. In der deutschen Wehrmacht herrsche Bestechlichkeit und „Spendage“. Ein Teil der Jugend habe zum Ausdruck gebracht, dass sie diese Redereien in vielen Fällen für wahr hielten.
In den Äußerungen der Jungen spielt ebenso der angebliche Gegensatz zwischen den „ Großen “ und den „Kleinen “ in der Heimat, mithin klassenkämpferische Tendenzen, eine Rolle. So wurde geschrieben, in der Heimat werde Bürgermeistern und anderen Amtspersonen alles zugesteckt, die „Großen“ verführen das Benzin bei Hamsterfahrten, Nachbarschaftshilfe werde nur bei angesehenen Leuten geleistet u. dgl. „Die Bonzen müssen jetzt alle barfuß gehen, damit man ihnen nichts in die Schuhe schieben kann.“
Zur Kriegslage wurden vielfach sehr pessimistische Parolen wiedergegeben, z. B.:
«Heuer müssen wir hungern, weil die Kartoffelernte so schlecht ausgefallen ist.»
«Die Deutschen müssen schon mit Kindern Krieg führen.»
«Der Rückzug ist ein Zeichen der Schwäche der deutschen Wehrmacht.» «Der Krieg werde bald zu Ungunsten Deutschlands beendet sein. Fast alle westdeutschen Städte seien zerstört. Die Engländer und Amerikaner würden einen 17-stündigen Gasangriff auf Berlin unternehmen. Noch im Winter 1943 breche Deutschland zusammen.»
Von der Verbreitung gewisser politischer„ Witze“ zeugt die Wiedergabe folgender Parolen in einigen dieser Aufsätze:
«Die Sonne geht im Westen unter und Hitler geht im Osten unter.» «Der Führer habe am Grabe Hindenburgs gestanden und gesagt: ,Steh auf, Du edler Streiter, Dein Gefreiter kann nicht weiter’.»
«Wenn wir den Krieg verlieren und kommen zu Russland, dann können wir gleich bei Deutschland bleiben.»
2. Auch die in einem Vorkursus einer bayerischen Bau- und Ingenieurschule von durchweg siebzehn- und achtzehnjährigen Schülern geschriebenen Aufsätze über die Themen „Was spricht die Heimat?“ und „Was sagt die Front?“ gewähren einen aufschlussreichen Einblick in die politischen Gespräche der Bevölkerung. Nahezu übereinstimmend werde in den Arbeiten die „Stimme der Front“ optimistisch, die Stimmung in der Heimat dagegen als im krassen Gegensatz befindlich aufgezeigt. In zahlreichen Aufsätzen kommt zum Ausdruck, dass die Volksgenossen den Krieg als verloren ansehen. Ferner taucht in vielen Aufsätzen das Gerede von einer Sonderbehandlung Bayerns seitens der Feindmächte nach einem Verlust des Krieges auf (Donaumonarchie unter Einschluss Bayerns u. dgl.). Ein sechzehnjähriger Schüler schreibt:
«Wenn man die Äußerungen in der Stadt sowohl als auch auf dem Lande hört, so müsste man glauben, dass wir am Ende unserer Kräfte sind. Beim Landvolk, das sich im Gegensatz zum Städter nicht über die Ernährungsläge zu äußern braucht, stößt man auf solche, die glauben, dass die Länge des Krieges und das stetige Zurückgehen im Osten unser Ende sein werden. - Bei der Stadtbevölkerung ist es genauso. Da hört man den einen sagen: ,Wenn nur endlich der verdammte Krieg zu Ende wäre’, worauf der andere meint: ,Ja, es ist nun mal so, wenn man glaubt Kriege führen zu können und man versteht es nicht’.»
Ein Siebzehnjähriger äußert sich:
«In der Heimat dagegen kann man immer wieder Leute hören, die sagen, es hat doch keinen Zweck mehr. Die Engländer und Amerikaner würden uns alle Städte zusammenwerfen, und es wäre besser, wir würden nachgeben. Schlechter ginge es uns ja unter denen doch auch nicht. Wenn der Russe gewinnen würde, würden England und Amerika nicht zusehen, wie er Europa verwüstet, sondern sie würden gegen ihn in den Kampf ziehen und ihn aus Europa hinauswerfen. Also hätten wir den Russen gar nicht zu fürchten.»
3. Dass die Jugendlichen die negativen und pessimistischen Äußerungen und Parolen der Erwachsenen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern sich teilweise zu eigen machen, ergibt sich aus einem Fall, der aus dem katholischen Süd-Oldenburg gemeldet wird. Einem Jungen, der an einem Musterungslager für die Lehrerbildungsanstalt teilgenommen hatte und nach der Rückkehr erzählte, dass der Unterricht an der Lehrerbildungsanstalt erst im nächsten Frühjahr beginnen werde, wurde von Klassenkameraden entgegengehalten:
«Im nächsten Frühjahr brauchst Du nicht mehr zur Lehrerbildungsanstalt, dann haben wir den Krieg längst verloren und die Nazis sind schon alle an die Wand gekommen.»“