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Ereignisse
1943
Februar

Der Sicherheitsdienst der SS berichtet

„Zur Frage: Schule und schulfremde Aufgaben im Kriege

Zahlreichen Berichten zufolge wird es als eine Selbstverständlichkeit angesehen, dass im Kriege die Schule schulfremde Aufgaben mitdurchzuführen habe. Je totaler die Einstellung der Heimat auf den Krieg werde, umso bereitwilliger würden auch Lehrer und Schüler die von der Führung zusätzlich als kriegswichtig gegebenen Aufträge durchführen. Alle Meldungen stimmen überein, dass diese zusätzlichen Sonderaufgaben umso bereitwilliger durchgeführt werden, je mehr sie wirklich auf die Kriegserfordernisse zugeschnitten sind.

Damit aber sei bereits das Problem aufgerissen, das im gegenwärtigen Augenblick einer Überprüfung bedürfe. So wie gegenwärtig in fast allen Lebensgebieten der Heimat nach Maßnahmen der Vereinfachung, der zweckmäßigen Zusammenlegung, der Beschränkung auf das Kriegswichtige gesucht und gestrebt werde, so sei auch für den Schulsektor die Zeit gekommen, die Schule von den vielerlei schulfremden Aufgaben zu entlasten, die als nicht kriegswichtig angesehen werden könnten.

Wie es z. Zt. an der Schule praktisch aussieht, sei an zwei Beispielen verdeutlicht. Sie sind keine Sonderfälle, sondern Normalfälle:

In einer Volksschule bei Köln mussten innerhalb von 14 Tagen folgende schulfremde Aufgaben durchgeführt werden:

1. Aufklärung der Eltern von 309 Schülern über die Diphterie-Schutzimpfung durch Vorträge des Schulleiters in 8 Klassen. Nach einigen Tagen mussten die sich weigernden Eltern besucht, aufgeklärt und bewogen werden, ihre ablehnende Haltung zu ändern.

2. Inzwischen mussten 309 Karteikarten ausgefüllt, 309 Bescheinigungskarten vorbereitet und nach Jahrgängen und Klassen alphabetisch geordnet werden.

3. Die Ortsgruppe der NSDAP beauftragte die Schule mit der Sammlung von unbrauchbaren Schallplatten.

4. Die Bürgermeisterei übertrug der Schule eine Bestandsaufnahme der Fahrräder des Schulbezirks. Die Erhebungsbogen mussten während der Unterrichtszeit nach Straßen geordnet an die Schüler zur Verteilung an die Haushalte ausgegeben werden. Nach 3 Tagen wurden die ausgefüllten Bogen wieder eingesammelt, nach Straßen und Hausnummern geordnet an die Bürgermeisterei zurückgegeben.

5. Der Reichsluftschutzbund übersandte der Schule 315 Merkblätter zum Verkauf an die Tierhalter.

6. Der VDA übermittelte der Schule Aufrufe zur VDA-Spende und Werbezettel zur Verteilung an die Haushaltungen. Die vorbereitenden Arbeiten mussten während des Unterrichts erfolgen.

7. An einem Tag fand die Abgabe der von den 309 Schülern gesammelten Altmaterialien in der Schule statt. Am folgenden Tag musste sich der Lehrer mit dem Abtransport und der Abrechnung mit dem Altstoffhändler beschäftigen.

8. An einem weiteren Tage wurden Heilkräuter gesammelt.

9. Die Bürgermeisterei ordnete eine Suchaktion nach feindlichen Flugblättern an, die durch die Schüler durchgeführt wurde.

10. Während des ganzen Zeitraumes mussten die Bodenbenutzungserhebungen in der Gemeinde durchgeführt werden. Die Schule erhielt 137 Erhebungsbogen, die mit Hilfe der Schüler an die Grundbesitzer verteilt und nach 8 Tagen wieder eingesammelt werden mussten.

Das seien aber keine besonders „schlechten“ 14 Tage gewesen, sondern es gehe praktisch immer so weiter.

Ein anderes Beispiel: Die Volksschule R. bei Marienbad hatte in einem Sommermonat folgende zusätzliche Aufgaben durchzuführen:

1. Geldsammlung (60 Rpf. Lehrmittelbeitrag), eine viele Stunden raubende Beschäftigung, da Feststellungen über Kinderzahl usw. getroffen werden müssen. In vielen Fällen mussten die Eltern schriftlich an ihre Zahlungspflicht erinnert werden.

2. Geldsammlung für das Volksdeutsche Kameradschaftsopfer: moralische Pflicht für jede Schule, viel hereinzubringen.

3. Die Beschaffung von Schulbüchern und Schulheften: Ausfüllung der Bestellscheine, Abstempelung.

4. Heilkräutersammlung : Trocknen der Pflanzen und Blätter, notwendige Eintragungen über die Beteiligung der einzelnen Schüler.

5. Altstoffsammlung: notwendige Buchführung über das Sammelergebnis von jedem einzelnen Schüler.

6. Eine ganztägige Flugblättersammlung.

7. Eine ganztägige Schulung des NSLB.

8. Eine ganztägige Turnschulung.

9. Eine ganztätige Junglehrerschulung.

10. Eine zweitätige Suchaktion nach Kartoffelkäfern.

11. Sammlung der Rinderschwanzhaare, Belehrung über den Zweck, Organisation, Buchführung über den Erfolg.

12. Sammlung von Ebereschenbeeren, Buchführung über den Erfolg.

13. Sammlung von Hagebutten, Buchführung über den Erfolg.

Die Zusammenstellung dieser „Sonderaktionen“ gibt aber insofern noch kein vollständiges Bild, weil zu diesen Sonderaktionen die laufende „ normale Einziehung von Beiträgen“ hinzukommt, vornehmlich für

1. den VDA (Kameradschaftsopfer),
2. den Volksbund für die Kriegsgräberfürsorge,
3. die Deutsche Schulgemeinde,
4. Schülerunfallversicherung,
5. örtliche Fördervereine,
6. die Erhebung des Schulheimpfennigs,
7. die Erhebung des Jugendherbergspfennigs,
8. die Erhebung des Lehrmittelbeitrages,
9. die Einkassierung der Schulspargelder,
10. den Verkauf von Eintrittskarten für Veranstaltungen (Theater, Konzerte, Vorträge usw.),
11. den Vertrieb von Postkarten, Tierschutzkalendern, Jugendherbergskalendern und Schülerzeitschriften.

Daneben laufen die „üblichen Verwaltungsarbeiten“ und Vortragstermine, so z. B.:

Abkommandierung von Schillern zu verschiedenen Lehrgängen, Wehrertüchtigungslagern, zum Ernteeinsatz, zur Kinderlandverschickung, Vorladung von Schülern durch die Wehrmeldeämter und Meldeämter des RAD, Durchführung von ärztlichen Untersuchungen und Berufsberatungen, Werbevorträge der 3 Wehrmachtsteile, des RAD und einzelner Berufsgruppen. Die Gesundheitsämter fordern die Erstellung von Impflisten, die HJ. Aufstellungen über die in das Jungvolk aufzunehmenden Schüler, die Arbeitsämter die Ausfüllung von Karteikarten und entsprechende Charakteristiken der zur Entlassung kommenden Schüler für die Berufsberatung, die Wehrmacht Gutachten über die Offiziersbewerber usw.

Die Lehrer selbst haben außerdem eine Fülle von Nebenbeschäftigungen, auf dem Lande in vielen Fällen bis zu 10 Nebenämter. Einige Normalfälle als Beispiel:

Lehrer H.: Stellvertretender Kreiswalter des NSLB, Kreiskassenwalter des NSLB, Zweigstellenleiter der Krankenkasse und der Sterbekasse des NSLB, Kreisfilmstellenleiter der NSDAP, Ausbildungsleiter im RLB, Kreisvertrauensmann des Volksbundes für die Kriegsgräberfürsorge, Kreispropagandaobmann und Kreissozialreferent im NS-Reichskriegerbund, Kreissachbearbeiter für Schülerzeitschriften, Kreisobmann im Imkerbund.

Hauptlehrer G.: Vertreter des Ortsgruppenleiters, Standesbeamter, Gemeinderat, Kreisabschnittsverwalter des NSLB, Leiter des Arbeitskreises zur Lehrerfortbildung (Leitung und Unterricht an 3 Schulen - Volks-, Haupt- und ländliche Berufsschule).

Lehrer X. in B.: Organisationsleiter der Ortsgruppe B, Zellenleiter der NSV in C., Schriftführer der Kriegerkameradschaft, Beigeordneter und Kassenprüfer der Gemeinde, Kreissachbearbeiter für den Seidenbau, Sachverständiger für Bienenseuchen in 6 Gemeinden.

Lehrer J. in T.: Zellenleiter der NSDAP, Zellenwalter der NSV, Ortsgruppenschulungsleiter, Kreisamtsleiter der NSDAP, Kreispropagandaredner, Kreisschulungsredner, Reviergruppenführer im RLB.

Lehrer X. in B.: Ortsgruppenleiter, Amtsvorsteher, Luftschutzleiter von 5 Gemeinden, Gemeindekassenverwalter, Ortsgruppenpropagandaleiter, Organisationswalter und Kassenwalter der NSV.

Hauptlehrer X. in B.: Ortsgruppenpropagandaleiter, Ortsgruppenkassenleiter, Ortsgruppenfilmstellenleiter, Ortsbeauftragter für Volkstumsarbeit und Überwachung der Fremdstämmischen, Sachbearbeiter für Jugendhilfe (NSV), Vertrauensmann des NSLB, VDA-Gruppenleiter, stellvertr. Ortsleiter des Reichskolonialbundes, Beigeordneter, Kreisheimatpfleger, Verwalter der Volksbücherei.

Lehrer S. in D., 42 Jahre, schwerkriegsbeschädigt, Verlust des rechten Armes: Leiter der Karten- und Bezugsscheinstelle, Örtsgruppenschulungsleiter der NSDAP, NSV-Jugendwalter, Kameradschaftsführer der NSKOV, Kameradschaftsführer im NS-Reichskriegerbund, Kreisgruppenleiter des VDA. Stud. Rat Dr. A. in B.: Kreisredner der NSDAP, Ortsgruppenschulungsleiter, Hauptstellenleiter im Rassepolitischen Amt, Kreisamtsleiter im Rassepolitischen Amt, Kreissachbearbeiter für Geschichte im NSLB, Sachbearbeiter für bäuerliche Sippen- und Quellenkunde beim Reichsnährstand, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde, staatlicher Pfleger für geschichtliche Bodenaltertümer im Kreis R. Stud. Rat Dr. G.: Kreisschrifttumsbeauftragter der NSDAP, Leiter der Hauptstelle Büchereiwesen im Kreisschulungsamt der NSDAP, Sonderbeauftragter für die Wehrmachtsbuchspende, Leiter der Partei- und Kriegsarchive der NSDAP, Leiter des Amtes für Kohlenversorgung des Kreises R., Leiter des Volksbildungswerkes in der DAF, Kreisbeauftragter für Ernährung aus Wald und Flur.

Lehrer in M.: Vertreter des Ortsgruppenleiters, Ortsgruppenpropagandaleiter, Ortsgruppengeschäftsführer, Vertreter des örtlichen Luftschutzleiters, Gemeindegruppenführer und Ausbildungsleiter im RLB, Dienststellenleiter des NSFK, Modellfluglehrer in der Flieger-HJ, Ortsgemeinschaftsführer des VDA, Leiter der Kartenstelle.

Lehrer P. in D.: Ortsgruppenleiter, Ortsgruppenschulungsleiter, Ortsgruppenpropagandaleiter, Kreiskulturstellenleiter, Kreisredner, Kreisschulungsredner, Jugendwalter der NSV, Ortswaisenwart.

Es sei nun doch eine Frage, so wird in den Meldungen betont, ob dieser Zustand auch gerade im Hinblick auf den Krieg als zweckmäßig anzusehen sei:

1. Dass an den auf den Krieg ausgerichteten Sonderaufgaben (Sammlung von Altmaterial, Heilkräutern, Feldfrüchten, Flugblättern, Brandplättchen usw.) nichts geändert werden soll, liege auf der Hand.

2. Abstriche und gänzliche Streichungen seien aber durchaus möglich für weniger kriegswichtige Maßnahmen, also in Bezug auf Geldsammlungen, im Vertrieb von Postkarten, Plaketten, Zeitschriften usw.

3. Möglich sei vor allem eine verwaltungsmäßige Vereinfachung und Zusammenlegung. Wenn nun schon einmal der Schulunterricht gestört sei oder ausfalle, erscheine es zweckmäßig, gleich verschiedene Sammlungen und Maßnahmen zusammenzulegen.

4. Nicht zuletzt sei eine grundsätzliche Überlegung erforderlich, welchen Wichtigkeitsgrad man dem Schulunterricht im Hinblick auf die Kriegssituation beizumessen beabsichtige. Jetzt sei es oft noch so, dass die Ausfüllung irgendwelcher Formulare, statistische Erhebungen als kriegswichtiger hingestellt werden als die Durchführung des Schulunterrichtes an die Jugend. Man müsse in Rechnung stellen, dass heute schon der Unterricht ohnehin an schwersten Beeinträchtigungen leide (Nichtbesetzung Zehntausender von Lehrerstellen aus Lehrermangel, Einziehung eines sehr großen Hundertsatzes der vorhandenen Lehrer zur Wehrmacht, Überalterung des gesamten Lehrerstandes aus Mangel an jungem Nachwuchs, unzureichende Versorgung mit Lehr- und Lernmitteln, Unterrichtsausfall durch Fliegeralarm und Kohlenferien, Unstetigkeit im Lehrplan und an Schulbüchern usw.). Man müsse weiter in Rechnung stellen, dass sich diese Tatbestände bereits ausgewirkt haben und Wehrmacht, Industrie, Handwerk und Handel, höhere Schulen und Universitäten voll der Klagen über den schlechten Leistungsstand und den Mangel an berufsnotwendigem Wissen seien; schließlich sei man sich darüber einig, dass sich nach dem Kriege die kommende Generation als Reichsträger zu bewähren habe.

Aus diesen Überlegungen ergebe sich, dass man den Schulunterricht von unnötigen Belastungen frei halten müsse. Also müsse die Vereinfachung bei den schulfremden Sammlungen und Maßnahmen erfolgen, die nicht oder nur sehr sekundär als kriegswichtig angesehen werden könnten.“

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