Die Landeskriminalstelle Bielefeld berichtet
Am 25. Januar 1931 berichtet die Bielefelder Landeskriminalstelle in ihrem „Lagebericht Nr. 4“ über die „politische Lage“ vom 21. Oktober bis 31. Dezember 1930:
„Nationalsozialistischer Schülerbund
Über die Entwicklung des ‚N.S.S.‘ im letzten Halbjahr ist folgendes zu bemerken:
Am 8. und 9. Juni 1930 fand in Weimar die erste Reichsführertagung statt. Die Leitung lag in Händen des Reichsführers Dr. von Renteln und des damaligen Reichsgeschäftsführers Joachim Walter. Über das Verhältnis zur Hitlerjugend führte von Renteln u.a. aus, dass die Hitlerjugend eine Kampfgruppe sei, die öffentlich im Braunhemd auftreten könne, während der ‚Schülerbund‘ eine Organisation darstelle, die nicht das Braunhemd tragen dürfe. Es sei selbstverständlich Pflicht eines jeden NSS-Führers, immer wieder zu betonen, dass der Schülerbund nichts anderes darstelle, als eine Vorstufe zur H.J. und S.A. Es sei weiterhin Pflicht eines jeden NSS-Mitgliedes, unverzüglich in die Kampforganisationen der Nationalsozialistischen Jugend, in die H.J. und die S.A. einzutreten, sobald es dem Terror der Schule nicht mehr ausgesetzt sei.
Ähnlich äußerte sich der Reichsführer der Hitlerjugend Kurt Gruber, der an der Tagung teilgenommen hat.
Auf der Tagung wurde nach längerer Diskussion beschlossen, auch Berufs- und Gemeindeschüler in den NSS aufzunehmen. Reichsführer ist nach wie vor Dr. von Renteln. Reichsgeschäftsführer ist seit Anfang November 1930 Albrecht Möller, dessen nähere Personalien bisher noch nicht bekannt geworden sind. Reichspressewart ist neuerdings der bisherige Reichsgeschäftsführer Joachim Walter.
Im hiesigen Bezirk ist der Nationalsozialistische Schülerbund bisher nicht in Erscheinung getreten.
Hitlerjugend
In der Reichsleitung der Hitlerjugend sind einige Veränderungen eingetreten. Franz Schnaedter hat wiederum die verantwortliche Schriftleitung für die ‚Sturmjugend‘, die ‚Deutschen Jugendnachrichten‘ und die ‚Junge Front‘ übernommen. Vor ihm war Schriftleiter der ‚Sturmjugend‘ Herbert Peter, Leipzig. Peter ist inzwischen zum Reichspropagandaleiter der Hitlerjugend ernannt worden. Schnaedter ist neben seinem Posten als Schriftleiter noch zum Reichsorganisationsleiter ernennt worden. Der bisher der Gauleitung Berlin-Brandenburg-Ostmark angehörende Heinz Schlecht ist zum Reichspressechef ernannt worden und zeichnet für die ‚ Sturmjugend‘ als Chef vom Pressedienst. Er hat seine Wohnung bisher nicht nach Plauen verlegt, sondern versieht seinen Dienst von Berlin aus.
Das frühere Mitglied der Reichsleitung, Alfred Bach, der auch zeitweilig Schriftleiter der H.J.- Zeitung war, ist vom Reichsuntersuchungs- und Schlichtungsausschuss aus der NSDAP und der H.J. ausgeschlossen worden, weil er in gröbster Weise gegen die Ziele der Partei verstoßen haben soll.
Die Geschäftsstelle der Hitlerjugend befindet sich auch jetzt noch in Plauen. Der Umzug nach München war für Ende 1930 vorgesehen. Im Jahrbuch der NSDAP für 1931 ist als Sitz bereits München, Brienner Str. 45 angegeben.
Vor einiger Zeit hat der Reichsleiter der Hitlerjugend mehrere besonders rührige Gauführer zu Oberführern ernannt und ihnen mehrere Gaue unterstellt.
Oberführer für Rhein-Ruhr und Bergisch-Land ist der der Gauführer Wilhelm Kayser, Köln/Rhein.
Zum Gauführer Rhein und gleichzeitig zum ersten Adjutanten des Oberführers Rhein-Ruhr wurde Ruschepaul Köln, ernannt. Führer des Gaues Westfalen ist neuerdings Lorenz Loewer, Bochum, Siepmannstr. 30 wohnhaft; der bisher selbständige Bezirk Lippe-Detmold ist dem Gau Westfalen angegliedert.
Über das Verhältnis der H.J. zum NSS ist in der Zeitschrift ‚Der Aufmarsch, Blätter der deutschen Jugend‘, 1. Jahrgang, Nr. 12, November 1930, in dem Artikel ‚Sinn und Aufgabe des Nationalsozialistischen Schülerbundes‘ folgendes gesagt:
‚Während die H.J. die Parteijugend der NSDAP darstellt, ist der NSS keine Parteijugend, sondern eine Weltanschauungsgemeinschaft. Der Sinn der NSS ist, den revolutionären Jungen die Möglichkeit zu geben, einer nationalsozialistischen Organisation beizutreten, die der Hitlerjugend, da sie uniformiert ist, aus verschiedenen Gründen nicht beitreten können. Weiterhin soll der NSS Saugorganisation [!] der H.J. werden, da es keine Seltenheit ist, dass NSS-Söhne ihre bürgerlich ‚nationalen‘ Eltern glattweg als Nationalsozialisten an die Wahlurne bezw. als aktive Kämpfer in die Parteiorganisation bringen und dann das braune Fahrtenhemd anziehen dürfen.‘
Die am 30.11.1930 angesetzte Gautagung der Hitlerjugend in Bielefeld hat mangels genügender Vorbereitung nicht stattgefunden. Selbständige Ortsgruppen bestehen im hiesigen Bezirk nur in Minden und Bielefeld. Erstere ist 26, letztere 18 Mitglieder stark. Während die Ortsgruppe Minden in der Berichtszeit einen Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen hat, hat die Ortsgruppe Bielefeld die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. (…)
Bündische Bewegung
Freischar Schill
Die (…) Freischar Schill ist eine Kampftruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in engster Zusammenarbeit mit ihrem Schirmherrn Ernst Jünger und in Zusammenhalt mit der NSDAP ihren Machtwillen zu beweisen. Sie hat eine ‚bewusste politische einheitliche Einstellung‘ und will die Revolution vorbereiten.
Ihr Bundesorgan sind ‚Die Kommenden‘, die von Ernst Jünger und Werner Lass herausgegeben, werden. Letzterer ist zugleich Führer der Freischar Schill.
Sie ist eingeteilt in Jungengruppen (Jungenschaften) und Gefolgschaften. Die Jungengruppen bestehen in der Regel aus 8 Jungen und einem Führer. Mehrere Jungengruppen bilden eine Jungenschaft und mehrere Jungenschaften eine Gefolgschaft. Als Kopfbedeckung wird ein Barett getragen. Die Bundesfahne ist schwarz mit den Buchstaben W.L. (Warner Lass) auf der einen und dem jeweiligen Stadtwappen auf der anderer Seite. Als Gruß ist das ‚Horrido-Joho‘ eingeführt. Beim Gruß selbst soll straffe Haltung angenommen und die rechte Hand an die Kopfbedeckung gelegt worden.
Zwischen der Freischar Schill und Adolf Hitler haben eingehende Verhandlungen stattgefunden mit dem Ziele des Zusammenschlusses möglichst aller irgendwie in Frage kommenden Jugendbünde zu einem einzigen nationalsozialistischen Bund. Als Führer dieses Bundes war nicht Kurt Gruber, der Führer der Hitlerjugend vorgesehen, sondern der Scharführer Werner Lass. Gruber ist es jedoch anscheinend gelungen, seine Ausschaltung zu verhindern, was ihm umso leichter war, als auch sonst eine starke Opposition gegen Lass bestand. Die schon fast beendeten Einigungsvorhandlungen scheiterten plötzlich. Über die erneute Aufnahme von Zusammenschlussvorhandlungen ist noch nichts bekannt geworden.
Die Tatsache, dass nach außen hin der wahre Charakter der Freischar Schill bisher nicht klar hervorgetreten ist, beruht auf der von Werner Lass im Einvernehmen mit Hitler beabsichtigten Tarnung hinsichtlich des nationalsozialistischen Charakters der Freischar. Die Tarnung erfolgte, um auf dem Umwege über den elastischen Begriff des neuen Nationalismus an Kreise heranzukommen, die sonst unerreichbar gewesen wären.
Dem deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen gehört die Freischar Schill gegenwärtig nicht an. Der Leiter der Freischar Schill hat gelegentlich der letzten Führerbesprechung seiner Organisation versucht, die Freischar Schill über den Jungdeutschlandbund dem Reichsausschuss anzugliedern. Dieser Absicht hat sich der Kanzler der Freischar Schill, Hans- Gerd Techow, entgegengestellt.
Er verlangt immer wieder den direkten Anschluss an den Reichsausschuss für Leibesübungen. Obwohl ein Beschluss in dieser Frage von der Freischar Schill nicht gefasst worden ist, muss mit der Aufrechterhaltung des unmittelbaren Aufnahmegesuches gerechnet werden. Es kann auch damit gerechnet werden, dass die Unterorganisationen der Freischar Schill entsprechende Anträge bei den lokalen Jugendpflege-Organisationen stellen werden. Dass derartigen Anträgen nicht stattgegeben werden darf, bedarf bei der Richtung der Freischar Schill keiner weiteren Darlegung.
Die Älterenschaften der Freischar Schill sind in dem Bunde die ‚Eidgenossen e.V.‘ zusammengefasst. Schirmherr ist ebenfalls Ernst Jünger, Bundesführer Werner Lass. Die Bundeskanzlei befindet sich in Berlin S.O., Köpenicker Str. 124.
Die Freischar Schill ist im letzten Sommer sehr rege gewesen. In Stargard in Pommern hat im Mai eine Werbeveranstaltung stattgefunden, bei der auch ein Umzug durch die Stadt erfolgte und Lichtbildervorträge über die Fahrten der Bundesangehörigen gehalten wurden. Während der Ferienzeit hielten verschiedene Gefolgschaften in allen Teilen des Reichs Lagerveranstaltungen ab. Infolge der regen Werbetätigkeit, besonders des Werner Lass und des Hans-Gerd Techow hat der Bund seine Mitgliederzahl namentlich aus den Reihen der Anhänger des ehemaligen Jungnationalen Bundes erhöht, die mit dem Anschluss an die neue ‚Deutsche Freischar‘ nicht einverstanden waren. Die gesamte Mitgliederzahl soll etwa 900 betragen.
Im hiesigen Bezirk ist die Bewegung noch nicht politisch hervorgetreten.
Deutsches Jungvolk, Bund deutscher Tatjugend (früher: ‚Deutsche Jungmannschaft‘)
Die Deutsche Jungmannschaft ist eine Jugendorganisation, die der der Pfadfinder ähnelt. Durch Weiterbildung in Geschichte, Kunst und Kultur, Pflege von Sport und Spiel soll die Jugend in geistiger und körperlicher Hinsicht gefördert worden.
Der politische Kurs der Bewegung ist vom Nationalismus bestimmt, zumal der erste Bundesführer der Deutschen Jungmannschaft, Schlupper, Reichenbach i.V., für das Unteramt Jungmannschaft in die Reichsleitung der Hitlerjugend berufen worden war.
Als Bundesorgan erscheint die ‚Siegesrune‘, die vom Jungfrontverlag herausgegeben wird. Franz Schnädte, Plauen, (siehe Hitler-Jugend) zeichnet für den Gesamtinhalt verantwortlich.
Die in Deutschland bestehenden Gaue und Gruppen stehen in enger Arbeitsgemeinschaft mit den österreichischen. Ostern 1930 hat eine gemeinsame Tagung auf der Burg Starhemberg stattgefunden.
Die Bundeskanzlei für Deutschland befindet sich jetzt in Wiesbaden, Wellritzstr. 7, früher in Reichenbach i.V., die Bundeskanzlei für Österreich in Wien XVIII, Wallrißgasse 112.
Bundesführer ist jetzt der Kunstmaler Kurt Brieger, geboren am 6.12.1906 zu Wien, wohnhaft Wien XVIII, Wallrißgasse 112.
Beachtlich ist hierbei, dass Brieger gleichzeitig u.a. Führer der unter dem Namen ‚Deutsches Jungvolk‘ zusammengefassten Kinderriegen der ‚Hitlerjugend. Verband nationalsozialistischer Jungarbeiter‘ ist. Für die nahen Beziehungen zur ‚NSDAP‘ spricht weiter der Umstand, dass der jetzt zurückgetretene Bundeskanzler Schnädter Bezirksleiter der Hitlerjugend ist.
Im hiesigen Bezirk ist die Bewegung bisher nicht bekannt geworden. (…)
Kommunistischer Jugendverband (KJVD)
Das Exekutivkomitee der kommunistischen Jugendinternationale hat sich in einem offenen Brief an seine Sektionen gewandt und in diesen grundlegende Weisungen für die Arbeit der kommunistischen Jugend in den einzelnen Ländern, unter Bewertung der bisher erzielten Erfolge herausgegeben. Zunächst wird in dem Brief festgestellt, dass die kommunistische Jugend in der bevorstehenden Revolution ein entscheidender Faktor sei. Dem revolutionären Proletariat soll die Aufgabe zufallen, die Mehrheit der Arbeiterjugend für die kommunistische Bewegung und somit für die Revolution zu gewinnen. Bis zum Zusammentritt des Plenums des Exekutivkomitees im Januar 1931 soll in allen Ländern eine neue mächtige Welle des Kampfes um die Jugend auf neuer Grundlage erzeugt werden. Insbesondere sollen hierfür alle Kräfte des KJVD. mobilisiert werden. Besonders bemerkenswert ist die Weisung, die Wehrorganisationen, sowohl die verbotenen Organisationen, wie die Betriebswehren, weiter zu entwickeln und die antimilitärische Arbeit zu verstärken. Weiter soll eine Überholung der Organisation durch eine Selbstkontrolle in Verbindung mit einer gründlichen Schulungsarbeit erfolgen.
Die wichtigsten Aufgaben des KJVD. sind wie folgt von der Bezirksleitung Ruhrgebiet zusammengefasst.
1. Inangriffnahme der Reorganisation dos Verbandes auf Betriebs- und Straßenzellen.
2. Schaffung-von Betriebszellen und- Aktivierung der bestehenden.
3. Aufnahme und Verstärkung der inner- und außergewerkschaftlichen Arbeit, Schaffung von RGQ-Jugendgruppen etc.
4. Mobilisierung der Jungarbeiter bei Anwendung der Einheitsfronttaktik von unten gegen den Faschismus. Schaffung von Jugendzügen der Betriebswehren und der Erwerbslosenstaffeln. Schaffung von Jugendabteilungen des antifaschistischen Kampfbundes.
5. Erfassung und Schulung aller Neuaufgenommenen, sowie deren Einführung in den Funktionärskader.
6. Systematische Organisation der Kassierung: auf je 5 Mitglieder ein Unterkassierer.
7. Vorbereitung der Unterbezirkskonferenzen und der Bezirkskomitees, Erneuerung und Ergänzung der Zellen, Gruppen- und U.B.-leitung durch Heranziehung junger Genossen, die sich in der Massenarbeit bewährt haben.
8. Verwirklichung der politischen Führung des Jungspartakusbundes durch den KJVD., Schaffung arbeitsfähiger Kinderbüros, Schulung der Pionierleiter und Helfer.
Im Bereich der L.K.P.-Stelle Bielefeld bestehen nur in Bielefeld, Minden und Spenge Ortsgruppen des KJVD. Während die Ortsgruppen Bielefeld und Spenge dem Bezirk Ruhrgebiet angeschlossen sind, gehört die Ortsgruppe Minden neuerdings dem Bezirk Hannover an.
Das Organ des KJVD. ist die z.Zt. verbotene Wochenschrift ‚Die junge Garde‘, die auf Beschluss der Plenar-Zentrale des KJVD. als Tageszeitung ausgebaut worden ist.
Eigene Veranstaltungen des KJVD. haben im letzten Berichtsvierteljahr nicht stattgefunden.
An dem Antifaschistentag im Ruhrgebiet am 30.11.1930 in Gelsenkirchen haben sich Mitglieder des KJVD. aus dem hiesigen Bezirk nach meinen Feststellungen nicht beteiligt.
Zu bemerken ist noch, dass etwa 20 Mitglieder des KJVD. wegen planmäßiger Überfälle auf Andersdenkende und wegen Eindringens (Landesfriedensbruch) in das Press-und Hammerwerk in Brackwede angeklagt sind.“