Die Landeskriminalstelle Bielefeld berichtet
Am 16. Juli 1930 berichtet die Bielefelder Landeskriminalstelle in ihrem „Lagebericht Nr. 2“ über die „politische Lage“ vom 11. April bis 12. Juli 1930:
„Hitlerjugend.
In der Berichtszeit sind in den Orten Bielefeld, Minden und Tengern Ortsgruppen mit eigenen Führern gegründet worden.
Führer der Ortsgruppe Bielefeld ist der Heizer Josef Brenner, Gadderbaum, Bethelweg 21 (Anstalt Bethel). Scharführer der Ortsgruppe Bielefeld ist der Gymnasiast Gerhard Breipohl, Bielefeld, Viktoriastr. 8. Die Mitgliederzahl der Ortsgruppe Bielefeld beträgt z.Zt. 26.
Führer der Ortsgruppe Minden ist ein Christian Borcherding aus Minden. Die Mitgliederzahl ist hier noch nicht bekannt.
Die Stärke der Ortsgruppe Tengern, Krs. Lübbecke, sowie der Name des Führers ist hier ebenfalls noch nicht bekannt.
Führer und Organisator der Hitlerjugend ist der Technikumschüler Rudi Weber, wohnhaft in Lage. i/L., Lageschestr. 136. W. hat jedoch seine Agitationstätigkeit eingestellt, weil nach seinen Angaben gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft in Schweidnitz ein Strafverfahren wegen Unterschlagung schwebe.
Nach einer vertraulichen Mitteilung wird die Reichsgeschäftssteile der ‚Hitler-Jugend‘ mit sämtlichen Unterabteilungen Ende d. Mts. der Reichsleitung in München angeschlossen und vorläufig in den jetzigen Räumen der Reichsleitung der Partei untergebracht, bis das Gebäude, das die Reichsleitung gekauft hat, beziehbar ist.
Die Übersiedlung der ‚Hitler-Jugend‘ nach München dürfte ein erneuter Beweis dafür sein, dass die Reichsleitung der Partei auch in Zukunft in München bleiben wird. (…)
Nationalsozialistischer Lehrerbund
Der Nationalsozialistische Lehrerbund ist im April 1929 in Hof in Bayern gegründet worden. Vorsitzender ist Hans Schemm, Mitglied des bayer. Landtages, Bayreuth wohnhaft.
Der Nationalsozialistische Lehrerbund ist eine Fach- bezw. Untergruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Deshalb müssen alle Lehrer, ehe sie dem Lehrerbunde beitreten, Parteimitglieder werden. Publikationsorgan des Bundes ist die ‚Nationalsozialistische Lehrerzeitung (Kampfblatt des nat.-soz. Lehrerbundes)‘; sie wird von dem Hauptvorsitzenden Hans Schemn herausgegeben.
Soweit sich hat ermitteln lassen, hat der Bund im Reich bisher keine besonderen Fortschritte zu verzeichnen. Ortsgruppen sollen - abgesehen von Berlin - bisher nur in Bayern gegründet worden sein. Am 2.3. d. Js. hat in Plauen i/V, die 1. nationalsozialistische Lehrertagung des Jahres 1930 stattgefunden. Näheres hierüber ist bisher nicht bekannt geworden.
Die erste Ortsgruppe des Bundes wurde in Berlin gelegentlich der ersten Versammlung der nationalsozialistischen Lehrer am 31.3.1930 von dem bekannten Studienrat Dr. Loepelmann gegründet. An der Gründungsversammlung nahmen 40 Lehrer teil; von ihnen haben sich 14 der Ortsgruppe angeschlossen. Vorsitzender ist Studienrat Dr. Adolf Schmidt, am 29.9.1876 in Witzin, Kr. Sternberg, geboren, Charlottenburg, Eschenallee 13 wohnhaft; er ist an der Siemens-Ober-Realschule, Charlottenburg, Schloßstr. 27, tätig. Aufbau und Durchorganisation der Ortsgruppe soll von ihm vorgenommen werden. Es soll versucht werden, alle nationalsozialistischen Lehrer in der Ortsgruppe zu vereinigen.
Satzungen oder ein Programm sind bisher weder für den Bund noch für die Ortsgruppe herausgegeben worden. Vorläufig gelten für den Bund immer, noch die Satzungen der ‚Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei‘. Im Laufe ds. Js. soll ein besonderes Programm ausgearbeitet werden, in dem die näheren Ziele und Tendenzen der Lehrerschaft festgelegt werden sollen. Auch dieses Programm soll sich eng an die Ziele der Partei halten. Im hiesigen Bezirk ist eine gleiche Propagandatätigkeit von Seiten der NSDAP nicht beobachtet worden.
Nationalsozialistischer Schülerbund
Den im Lagebericht. Nr. 1. unter I erwähnte Nationalsozialistische Schülerbund ist auf Anregung des Schriftstellers Dr. rer. pol. Theodor - auch Adrian - von Renteln Anfang Mai v. Js. von der Berliner Gauleitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gegründet worden.
In dem Streit zwischen der Hitler-Jugend e.V. und dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund darüber, ob der Nationalsozialistische Schülerbund einer der vorgenannten beiden Organisationen anzugliedern sei, hat Hitler im November 1929 entschieden, dass der Nationalsozialistische Schülerbund selbständig bleibt und eine eigene Reichsleitung erhält.
Der Nationalsozialistische Schülerbund will eine aus den Reihen der Schülerschaft selbständig hervorgegangene Bewegung sein, die in bewusster Abwehr gegen die ‚zersetzenden Kräfte‘ steht, die sich im Marxistischen Schülerbund zusammengefunden haben. Darüber hinaus will er die ganze nationale Schülerschaft für die großen Aufgaben gegenüber Volk und Staat vorbereiten helfen. Er will den Drang nach Selbständigkeit in sittlich berechtigten und wertvollen Dingen durch die Macht der einschlägigen Presse und Organisationen stützen, und den Kampf der Jugend gegen den alles zersetzenden Zeitgeist um eine Zukunft in Freiheit und Würde durch Verbreitung nationalsozialistischer Weltanschauung führen.
Die Richtlinien (Satzungen) sind hier noch nicht bekannt.
Zum Reichsführer des Nationalsozialistischen Schülerbundes ist Dr. rer. pol. von Renteln ernannt worden. Er untersteht unmittelbar der Reichsleitung der NSDAP.
Am 1. Dezember 1929 wurde die erste Nummer des ‚Aufmarsch‘ herausgegeben. Der ‚Aufmarsch‘ ist das Publikationsorgan des Nationalsozialistischen Schülerbundes. Für den Gesamtinhalt zeichnet Joachim Walter verantwortlich. Der ‚Aufmarsch‘ wird durch die Lüdersdorff‘sche Buchhandlung, Berlin-Charlottenbürg, Grolmannstr. 30/31, vertrieben.
Im Allgemeinen ist die Tätigkeit des Nationalsozialistischen Schülerbundes im Reich noch sehr gering. Gegenwärtig besteht in den vorhandenen Gauen nur ein loser Zusammenhang unter den einzelnen Bezirken. Die Absicht, die bestehenden Schulzellen als Untergruppen des Gaues anzubauen, ist aufgegeben worden, weil es der Führung nicht ratsam erscheint, den organisatorischen Aufbau einer nationalsozialistischen Einrichtung namentlich in den Berliner Schulen aufzuziehen, da die Widerstände durch Lehrer und Schüler innerhalb der Schulen größer sind, als es bei der Bildung der Schulzellen vermutet wurde. Ein Verbot soll auf alle Falle vermieden werden.
Die Gesamtzahl der Mitglieder des Gaues Berlin wird auf etwa 150 beziffert. Ebenso viel Schüler sollen Anhänger des Bundes sein, ohne ihm als Mitglied anzugehören. (…)
II. Bündische Bewegung
Bismarckbund
Otto Fürst von Bismarck hat die Schirmherrschaft über den Bismarckbund niedergelegt, weil er infolge seiner dienstlichen Tätigkeit an der Deutschen Botschaft in London längere Zeit außer Landes sein wird. Ein neuer Schirmherr ist nicht ernannt. Zu den Vorgängen innerhalb der D.N.V.P. hat der Reichsführer Sieveking Ende September 1929 nachfolgende Erklärung in der Presse veröffentlicht:
‚Der Bismarckbund, als die Organisation der aktiv tätigen Jugend in der D.N.V.P. wird durch den Austritt einiger deutschnationaler Abgeordneter, die schon längst nicht mehr auf dem Boden der Parteigrundsätze standen, in keiner Weise berührt. Er steht ebenso wie die deutsch-nationale Studentenschaft entsprechend den Kasseler Beschlüssen geschlossen hinter dem Parteiführer. Der große Prozentsatz der Arbeiter und Angestellten in seinen Reihen, auf den der Bund besonders stolz ist, macht diese Geschlossenheit des Bundes besonders bedeutungsvoll. Der Bismarckbund kämpft auch in Zukunft in Übereinstimmung mit der Parteiführung für die Durchsetzung des nationalen, des christlichen, des sozialen und des monarchischen Gedankens.‘
Am 2. Februar 1930 hat unter dem Vorsitz des Reichsführers in Hamburg die Reichsführung des Bundes getagt, um in den eigenen Reihen eine Klärung über den Austritt der 12 Abgeordneten aus der D.N.V.P. herbeizuführen. Sieveking stellte fest, dass die ‚klare politische Linie‘, die der Parteiführer Hugenberg einhalte, sich in jeder Weise zu Gunsten des Bundes ausgewirkt habe. Die Mitgliederzahl habe bedeutend zugenommen. Es seien mehrere Neugründungen von Ortsgruppen zu verzeichnen. Der Landesführer von Pommern habe sein Amt niedergelegt, und drei Gruppen des Bundes seien zum Christlich-sozialen Volksdienst übergetreten. Der Bismarckbund stehe geschlossen hinter dem Parteiführer Hugenberg und arbeite eng mit den Jugendorganisationen der Großdeutschen Volkspartei in Deutsch-Österreich und der Deutschen Nationalpartei in der Tschechoslowakei zusammen. Die Younggesetze seien für den Bund und die deutsche Jugend nicht bindend; eine Aktion der Jugend in dieser Richtung stehe bevor.
Das diesjährige Reichstreffen sollte am 21. und 22. Juni in Potsdam abgehalten werden.
Die Landsmannschaft Westfalen Ost des Bismarckbundes umfasst im Bereich der L.K.P.-Stelle Bielefeld 7 Ortsgruppen, einschließlich der am 1.4.1930 als illegale Fortsetzung des Stahlhelms aufgelösten Ortsgruppe Bielefeld. (…)
Wehrwolf
Anlässlich des Reichstreffens des Wehrwolfs in Bad Kösen und Naumburg a.d. Saale am 8. und 9.6. d. Js. hielt der Bundesführer Fritz Kloppe eine Ansprache, in der er folgendes ausführte: Selbstbesinnung, Selbstzucht und Kameradschaftstreue müsste er von seinen Wehrwölfen fordern. Sie seien die Grundlagen für ein neues Volk. Wenn diese Grundhaltung auf das deutsche Volk übertragen und von ihm eingenommen werde, dann könne erst von einer Wiederaufstiegsmöglichkeit gesprochen werden. Solange aber, und hier spielte der Bundesführer auf die Provokationen der Rotfrontler an, die das Pfingsttreffen benutzt hatten, um Wehrwölfe anzugreifen, Deutsche deutschen Blutes, sich als Landsknechte irgendeiner landfremden Idee missbrauchen ließen, solange gebe es keine Hoffnung. Landsknechte der Hochfinanz seien die einen, die da glauben, Formen und Symbole schützen zu müssen, obwohl das deutsche Volk andere Sorgen habe, ebenso wie die anderen, die auf Befehl überstaatlicher Mächte handeln. Die Kraftquellen und das Schicksal Deutschlands sei Blut und Boden. Darum fordere der Wehrwolf innere und äußere Kolonisation und die Einführung der Arbeitsdienstpflicht. Beides stände in engster Verbindung miteinander. Beides schaffe neuen Lebensraum. Beides verlange auch den persönlichen Einsatz, vor allem eine andere geistige Grundhaltung als die heute gegebene und genehme. Aus all dem heraus sei der Wehrwolf ‚nationalrevolutionär‘. Außenpolitisch fordere der Wehrwolf Abkehr von der Politik der Eingliederung Deutschlands in den Ring des westlerischen Kapitalismus.
Der Versuch der Ortsgruppe Dortmund am 21.4. d. Js. auch in Neuhaus Krs. Paderborn eine Ortsgruppe zu gründen, ist gescheitert. Im Übrigen ist die Bewegung im hiesigen L.K.P.-Bezirk überhaupt nicht hervorgetreten.
‚Bund Jungdeutschland‘ e.V. (J.D.B.)
Der Bund Jungdeutschland ist bereits im Jahre 1911 durch den Generalfeldmarschall von der Goltz gegründet worden mit der Absicht, die jüngeren Leute wehrfähig zu machen. Im Jahre 1914 umfasste der Bund 35 Verbände mit etwa 500.000 Mitgliedern. Nach der Staatsumwälzung hat die Bundestätigkeit zunächst geruht, bis eine Hauptversammlung des Bundes in Berlin am 5. September 1920 das selbständige Weiterbestehen des Bundes beschloss. Im Jahre 1920 zählte der Bund etwa 170.000 Mitglieder. Zum 1. Vorsitzenden wurde 1920 der Studiendirektor Wüllweber in Bernau gewählt. Mitglieder des Bundes konnten sowohl Vereine und Verbände als auch Einzelpersonen werden.
Im März 1924 erfolgte eine Neukonstituierung des Bundes. Er nahm jetzt die Form einer Arbeitsgemeinschaft an mit dem Zwecke, die auf vaterländischem Boden stehenden Jugendbünde, Verbände und Vereine zu sammeln und zu fördern, die die körperliche, geistige und sittliche Kräftigung der Jugend in bewusst deutschem Geiste erstreben. Er arbeitet ausschließlich in der Jugend und für die Jugend. Nach den Satzungen soll er sich jeder Einmischung in das innere Leben der in ihm arbeitenden Bünde enthalten. Als Arbeitsgemeinschaft der gesamten vaterländischen Jugend erfasst der Jungdeutschlandbund auch politische Jugendbünde, doch haben sich diese in seinem Rahmen jeglicher politischen Betätigung zu enthalten.
Mitglied des J.D.B. können Jugendbünde, -Verbände und -Vereine werden, die die Bundesleitung als Mitarbeiter in der Arbeitsgemeinschaft im Sinne der Bundesziele für geeignet ansieht. Der Bund erstreckt seine Arbeit auf das ganze deutschsprachige Gebiet.
Im J.D.B. sind etwa 30 Jugendbünde und Vereine korporativ zusammengeschlossen; unter ihnen befinden sich u.a.: Wehrwolf-Jugend, Jung-Stahlhelm, Scharnhorstbund, Kyffhäuserbund, Jungsturm, Kaufmannsjugend des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes, Bismarckbund der D.N.V.P., Bismarckbund Schlesien, Jugendbund York von Wartenburg, Deutsche Pfadfinderschaft, Kolonial-Pfadfinder, Jungnationaler Bund, Jungmannen, Hindenburg-Jugend (früher Jugend der D.V.P.), Großdeutscher Jugendbund, Adler und Falken, Junglandbund, Jung-Alvensleben, Marine-Jugend, Deutsche Freischar. (…)
Bundesorgan ist das am 15. jeden Monats erscheinende ‚Nachrichtenblatt des Bundes Jungdeutschland und des deutschen Jungmädchendienstes‘. Verantwortlicher Schriftleiter für den Jungdeutschlandbund ist der Generalmajor a.D. Vogt.
Wenn der J.D.B. nach seinen Richtlinien auch eine parteiunpolitische Dachorganisation aller Jugendbünde bilden will, die nicht international oder pazifistisch eingestellt sind, so erblickt er seine Hauptaufgabe doch darin, eine Annäherung der Deutschen ‚vaterländischen‘ Jugend, vornehmlich der Jugendbewegung und der Jugendgruppen der sogenannten Wehrverbände, herbeizuführen.
Neben Organisationen, die unpolitisch eingestellt sind, umfasst er in der Mehrzahl solche Verbände, deren einseitig politisch rechts gerichteter Charakter nicht in Abrede gestellt werden kann, ja sogar Organisationen, Bund Scharnhorst, Jung-Wolf und Bismarck-Jugend, die aus ihrer staatsfeindlichen Einstellung keinen Hehl machen. Betont republikanisch eingestellte Vereine fehlen dagegen ganz.
Der Herr Preußische Minister des Innern hat es deshalb abgelehnt, den Bund als unpolitischen Verein anzuerkennen.
Der Scharnhorstbund, - die Jugendorganisation des Stahlhelm und Vorstufe des Jungstahlhelm -, ist am 3.9.1923 gegründet worden. Er hat seinen Sitz in Halle und ist im Vereinsregister beim Amtsgericht Halle unter Nr. 422 eingetragen.
Der bisherige, seit 6.11.1927 im Amt befindliche Bundesführer Hauptmann a.D. Werner, Halle, Universitätsring 8, hat mit dem 1.4.1930 die Führung des Bundes aus wirtschaftlichen Gründen niedergelegt. An seiner Stelle hat der Bundesrat den Major a.D. Hermann Eponstein, geboren am 9. Dezember 1875 zu Schneeberg, wohnhaft in Halle, Robert Franzring 15, mit der vorläufigen Führung des Bundes beauftragt. Die Bestätigung des neuen Bundesführers soll auf der nächsten Tagung des Bundesrates ausgesprochen werden.
Die Führung der Bundesgeschäfte erfolgt durch die Bundesleitung.
Mitglied des nach §15 der Satzungen zu bildenden Bundesrates ist seit der Bundestagung 1927 auch der 2. Bundesführer des ‚Stahlhelm‘, Oberstleutnant a.D. Duesterberg.
Der Bund gliedert sich zur Zeit in Landesverbände:
Der Landesverband Rheinland-Westfalen wurde vom Stahlhelmverbot betroffen und ist aufgelöst worden.
Insgesamt zählt der Bund etwa 500 Ortsgruppen mit ca. 5.000 Mitgliedern.
Der Scharnhorstbund ist Mitglied des Jungdeutschlandbundes, der infolge seines Anschlusses an den Reichsausschuss deutscher Jugendverbände von dem Herrn Reichsminister des Innern als Jugendpflegeverein anerkannt worden ist. Hierdurch ist auch dem Scharnhorstbund als Unterorganisation des Jungdeutschlandbundes diese Anerkennung zwangsläufig zuteil geworden.
Die Kleidung der Bundesmitglieder ist auf dem Bundestag am 9. bis 10.11.1929 in Hannover neu und einheitlich geregelt worden. Alle Jungmannen tragen jetzt graugrünes Hemd mit weichem Kragen und grünem Schlips. Im Winter wird darüber die Windjacke getragen. Der jüngere Jahrgang trägt eine kniefreie graue Hose, der ältere die kurze Hose mit Leder- oder Wickelgamaschen. Als Kopfbedeckung bleibt bis auf weiteres die bisherige feldgraue Scharnhorstmütze bestehen. Tragversuche mit einer graugrünen Skimütze sind im Gange.
Als Bundeszeitschrift erscheint seit 1.1.1929 die Monatsschrift ‚Scharnhorst, Bund deutscher Jungmannen‘ im Kommissionsverlag Reichenbach'sche Verlags-Buchhandlung, Leipzig C. 1, Seeburgstraße 57. Für die Schriftleitung zeichnete bisher der zurückgetretene Bundesführer, Hauptmann a.D. Werner, verantwortlich, an dessen Stelle jetzt vorläufig der Geschäftsführer Hans Schwab getreten ist.
Bund der Wandervögel und Kronacher, e.V.
Der ‚Bund der Wandervögel und Kronacher‘ ist durch den Zusammenschluss des ‚Bundes der Wandervögel‘ und des ‚Kronacher Bundes der alten Wandervögel‘ (Sitz Hamburg) entstanden. Der ‚Bund der Wandervögel‘ wiederum ist hervorgegangen aus dem ‚Bund der Wandervögel, Völkischer Bund‘, der nach dem Anschluss der ‚Deutschen Wandervogelgemeinschaft‘ und einzelner Gaue des seit 1920 aufgelösten Bundes ‚Wandervögel e.V.‘ auf seiner Pfingsttagung im Jahre 1927 in Burgkemnitz bei Bitterfeld den Namen ‚Bund der Wandervögel angenommen, hatte.
Bereits im Jahre 1928 hatten sowohl der ‚Bund der Wandervögel‘ auf dem Bundestag auf der Jugendburg Freusburg an der Sieg vom 28. bis 30. Juli als auch der ‚Kronacher Bund der alten Wandervögel‘ auf seinem Pfingstbundestag in Hellerau dem beabsichtigten Zusammenschluss unter dem Doppelnamen ‚Bund der Wandervögel und Kronacher Bund der alten Wandervögel‘ zugestimmt. Der endgültige Zusammenschluss unter dem jetzigen Namen fand auf der Führertagung am 3.2.1929 in Kassel statt.
Der Bund will nach seinen Satzungen die den Jugendwanderbünden Entwachsenen zusammenfassen; das Jugendwandern fördern und seine Bundesangehörigen auf Fahrten und in Berufs- und Wirtschaftsfragen unterstützen. Trotz des entgegenstehenden Wortlautes der Satzungen umfasst der Bund besonders seit dem Kasseler Zusammenschluss auch Jugendgruppen.
Der Bund kennt nur Einzelmitglieder, die in Gaue zusammengefasst sind.
Der Bund soll zur Zeit etwa 3.000 Mitglieder haben. Nach anderen vertraulichen Mitteilungen hat er jedoch mindestens 4.000 Mitglieder.
Als Bundesorgan wird die Zeitschrift ‚Älteren-Rundbrief des Bundes der Wandervögel und Kronacher e.V.‘ herausgegeben. Schriftleiter ist Dr. Wolfgang Wieckberg, Berlin-Charlottenburg, Kaiserdamm 96. Neben diesen Rundbriefen gibt der Bund für seine jüngeren Mitglieder noch eine Zeitschrift ‚Wandervögel‘ heraus, die vornehmlich Abhandlungen über Wandervogelerlebnisse bringt.
Der Bund, der nicht unbedingt auf völkischer Grundlage steht – Toleranz gegenüber 'Nichtgermanen‘, beschränkt auch hinsichtlich der Bundeszugehörigkeit - gibt sich Mühe, die parteipolitischen Gegensätze im deutschen Volk zu überbrücken. Daraus erklärt sich, dass er neben vereinzelten Linksradikalen einen erhebelichen Prozentsatz Mitglieder hat, die der sozialistisch-pazifistischen Weltanschauung huldigen (z.B. Sachsen). Andererseits bekennen sich stark beachtliche Teile zu den Ideengängen der Demokraten und der Volkskonservativen. Schließlich neigt eine nicht zu unterschätzende Minderheit nationalsozialistischen Tendenzen zu.
Von volljährigen Mitgliedern wird eine eigene politische Meinung erwartet. Jedoch wird Parteipolitik im Bunde nicht geduldet, was politische Diskussionen nicht ausschließt. Diese machen jedoch nicht den Hauptinhalt des Bundeslebens aus, das sich vielmehr im Wesentlichen im Sinne des satzungsgemäßen Bundeszwecks bewegt.
Inzwischen hat sich der Bund der neuen ‚Deutschen Freischar‘ angeschlossen, die aus dem Zusammenschluss der alten ‚Deutschen Freischar‘ mit dem Großdeutschen Jugendbund hervorgegangen ist.
Zusammenschluss des Großdeutschen Jugendbundes und der Deutschen Freischar, Bund der Wandervögel und Pfadfinder zur ‚Deutschen Freischar‘
Im November des Jahres 1928 haben sich auf Veranlassung des Deutschen Pfadfinderbundes die Jugendbünde Großdeutscher Jugendbund, Deutsche Freischar, Bund der Wandervögel und Pfadfinder, Jungnationaler Bund, Deutscher Pfadfinderbund, Adler und Falken, Bund der Wandervögel und Kronacher und Fahrende Gesellen im D.H.V. zu einer Dachorganisation ‚Spandauer Kreis‘ zusammengeschlossen, die aber inzwischen wieder aufgelöst worden ist.
Die während der Zeit des Bestehens des ‚Spandauer Kreises‘ geleistete gemeinsame Arbeit soll die bis dahin in politischer Hinsicht getrennte Wege gehenden beiden Bünde ‚Großdeutscher Jugendbund‘ und ‚Deutsche Freischar - Bund der Wandervögel und Pfadfinder‘ nähergebracht haben.
Der Führer des ‚Großdeutschen Jugendbundes‘, Admiral a.D. von Trotha, und der Bundeskanzler, Studienrat Gerhard Rebsch, Berlin, Lützowstr. 48, sollen sich als die gegenwärtigen eigentlichen Jugendführer im nationalen Lager betrachten und versuchen, möglichst viele Jugendbünde unter ihrem Vorsitz zu vereinigen. So hatten ihre Versuche bei der ‚Deutschen Freischar - Bund der Wandervögel‘ Erfolg, umso mehr als der Bundesführer der ‚Deutschen Freischar‘, Ernst Buske, der jede Parteipolitik aus seinem Bunde ausschalten wollte und sein Hauptaugenmerk auf die Pflege des Wandervogel- und Pfadfindergedankens richtete, vor kurzem gestorben ist, und sein Nachfolger Hans Dehmel, dem Zusammenschluss wohlwollend gegenüberstand.
Der Zusammenschluss erfolgte am 4. Mai d. Js. gelegentlich einer Besprechung zwischen beider Bünde, insbesondere zwischen Rebsch und Dehmel. Die geeinten Bünde führen fortan die Bezeichnung ‚Deutsche Freischar‘. Führer ist Admiral. a. D. von Trotha, das Bundesamt wird von Studienrat Rebsch geleitet. Als Abzeichen soll das Baltenkreuz geführt werden. Die Mitgliederzahl soll etwa 18.000 betragen. Durch den Zusammenschluss ist eine Neuorganisation nötig, die erst in einiger Zeit zum Abschluss kommen wird.
Neue Satzungen und eine neue Zeitschrift sollen ebenfalls herausgegeben werden. Die Geschäftsstelle der ‚Deutschen Freischar - Bund der Wandervögel und Pfadfinder‘ in Wesermünde ist eingegangen. Als Geschäftsstelle des neuen Bundes ist die ehemalige Kanzlei des ‚Großdeutschen Jugendbundes‘, Berlin, Zimmerstr. 87, in Aussicht genommen.
Wie sich der Zusammenschluss in politischer Hinsicht auswirken wird, muss zunächst abgewartet werden. Wenn ein Teil der Rechtspresse den Zusammenschluss begrüßt, so steht die Zeitschrift ‚Die Kommenden‘ in ihrer 20. Folge dem Zusammenschluss doch skeptisch gegenüber, indem sie u.a. schreibt:
‚Der neue Bund wird seinen Bestand noch zu beweisen haben, fehlt ihm doch jede Leitidee. Es wird doch wohl etwas schwierig sein, den demokratisch-liberal eingestellten Teil der Freischar-Führerschaft, die volkskonservativ orientierten Gruppen beider Teilbünde und den monarchistischen Teil des früheren ‚D.N.J.‘ unter einen Hut zu bringen, von dem SPD-Flügel der ‚Leuchtenberger‘ und Schlesier in der ‚Deutschen Freischar‘ ganz zu schweigen. Daneben wird die Führungsfrage noch einige Nüsse zu knacken geben. Man erinnere sich nur des wieder aufgeflogenen Bundes ‚Jungnationale Gefolgschaft‘ im vorigen Jahre.‘
Diese Skepsis wird bestätigt durch die Ausführungen in der 26. Folge der ‚Kommenden‘, wo es heißt:
‚Der ‚große Bund‘ hat zahlenmäßig wieder einen Zustrom erhalten: die Bundesführung des Jungnationalen Bundes hat auf ihrer Tagung in Springe bei Hameln beschlossen, das Angebot des Admirals von Trotha namens der Deutschen Freischar, sich dieser einzufügen, anzunehmen und sich dem neuen Bund angeschlossen.
Inzwischen ist auch die Vereinigung mit dem Bund der Wandervögel und Kronacher Tatsache geworden, und auch die Bünde des Pfadfinderverbandes sind zweifellos nach dem Ausscheiden der Christlichen Pfadfinderschaft sturmreif für die Diplomaten einer weiteren Bündigung.
Wobei wir nur immer wieder vergeblich die Frage nach dem Sinn und der Losung dieses so plötzlichen Zueinanderstrebens wiederholen!
Im Gebälk der Deutschen Freischar aber knistert es schon bedenklich.‘
‚Deutscher Pfadfinderbund‘
Der Deutsche Pfadfinderbund ist am 10.1.1911 von dem Verein ‚Jugendsport in Feld und Wald‘ gegründet worden und stellt eine Fachbildung der Organisation der englischen ‚scout boys‘ dar. Er setzt sich nach Durchführung verschiedener Veränderungen organisatorischer. und personeller Art wie folgt zusammen:
1. Deutscher Pfadfinderbund, Schirmbund e.V.
2.-Deutscher Pfadfinderbund, Jugendbund
3. Pfadfinderschaft Groß-Berlin e.V.
4. Pfadfindervereine e.V. (Eltern- und Bundesbeirat, angeschlossen dem Deutschen. Pfadfinderbund, Schirmbund e.V.). (…)
Die Mitgliederzahl des Schirmbundes beträgt zur Zeit etwa 300 Personen.
Der Deutsche Pfadfinderbund, Jugendbund ist nicht gerichtlich eingetragen. Er will unter Ausschaltung jeglicher Parteipolitik die Heranbildung einer frohen, körperlich gesunden, sittlich tüchtigen, von Gemeinsinn und Kameradschaftlichkeit Heimats- und Vaterlandsliebe erfüllten Jugend in jeder geeigneten Weise fördern. Als Mittel zum Zweck und zugleich auch zur Förderung seiner Interessen betrachtet er während des Sommers die Veranstaltung größerer Wanderungen, verbunden mit Zeltlagern, sowie die Abhaltung von Spiel und Sport in freier Natur. Mitglied des Bundes kann jeder Junge im Alter von 12 Jahren werden.
Der Jugendbund gliedert sich in Landesmarken, Gaue und Ortsgruppen. (…) Der Jugendbund zählt zur Zeit etwa 10.000 Mitglieder.
Als Publikationsorgan wird die Zeitschrift ‚Der Pfadfinder‘ herausgegeben, die monatlich erscheint. Schriftleiter ist Ingo Kau, Berlin-Friedenau, Schmargendorferstr. 12 wohnhaft. Der Verlag befindet sich bei der Firma J.M. Reindl in Bamberg.
Die Pfadfinderschaft Groß-Berlin e.V. besteht nur innerhalb der Landesmark Groß-Berlin des Jugendbundes. (…) Die Pfadfindervereine (Eltern und Bundesbeirat), angeschlossen dem D.P.B. Schirmbund e.V., werden durch Eltern und Freunde der Mitglieder des Jugendbundes innerhalb der verschiedensten Ortsgruppen gebildet. Die Pfadfindervereine wollen den Pfadfindergedanken im Jugendbund in jeder geeigneten Weise fördern. Mitglied der Vereine können alle unbescholtenen, großjährigen deutschen Männer und Frauen werden, die Freunde des Pfadfindergedankens sind.
Die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder des Jugendbundes besteht aus Jugendlichen, deren Eltern der Deutschnationalen Volkspartei und der Deutschen Volkspartei angehören. Es befinden sich auch Mitglieder im Bunde, deren Eltern durchaus die jetzige Staatsreform bejahen, andere wiederum, die mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei sympathisieren. Die Führer-Organisationen aber, der Schirmbund und die Pfadfinderschaft Groß-Berlin, setzen sich durchweg aus Mitgliedern zusammen, die dem sogenannten ‚nationalen‘ Lager angehören.
Bezeichnend für die Führerorganisationen ist das 16. Rundschreiben des Scharführers der ‚Freischar Schill‘ e.V. Werner Lass vom 29. im Ernting 1929; inhaltsdessen Lass mit Fabricius (dem Führer des Schirmbundes und des Jugendbundes) eine längere Unterredung hatte.
Fabricius bemühe sich, innerhalb seines Pfadfinderbundes eine zuverlässige Auslese-Gruppe zu schaffen und den Gefolgschaftsgedanken durchzudrücken. Auch beim D.P.B. seien die einzelnen Länder und Gaue politisch grundverschieden eingestellt, die Wirkungsmethoden wichen sehr voneinander ab. Fabricius arbeite unermüdlich darauf hin, eine einheitliche Richtung in seinen Bund hineinzubringen. Er selber sei Nationalist, und Lass habe eine weitgehende Übereinstimmung mit ihm feststellen können. Er - Fabricius - lege größten Wert auf eine Beeinflussung seiner Horste, Gruppen und Gaue durch die Gliederungen der Freischar Schill.
Aus dem weiteren Inhalt des Rundschreibens ergibt sich, dass die Gruppen und Einzelsassen der Freischar Schill, die bekanntlich stark nationalsozialistischen Tendenzen huldigt, sofort die Verbindung mit den in Frage kommenden Gruppen und Horsten des D.P.B. aufgenommen haben. Fabricius hat seinen Gliederungen die gleichen Anweisungen gegeben.
Unter diesen Umständen muss der ‚Deutsche Pfadfinderbund‘ als rechtsradikale Organisation gewertet werden. Die Form seiner organisatorischen Gliederung in Schirmbund, Jugendbund und Pfadfindervereine dürfte ein taktisches Mittel sein, um die in der Minderzahl befindlichen Jungen der Bewegung, die die jetzige Staatsform bejahen, durch den Einfluss der Führer in das sogenannte ‚nationale‘ Lager hinüber zu ziehen und gleichzeitig diese Absicht zu verschleiern.
Der Pfadfinderbund ist dem Jungdeutschland-Bund angeschlossen und trägt in seinem Abzeichen die schwarz-weiß-roten Farben. Seit kurzem wird als Abzeichen eine schwarze Speerspitze auf weißem Grunde getragen.
Im hiesigen L.K.P.-Bezirk ist die Bewegung kaum in Erscheinung getreten.
Kyffhäuser-Jugend.
Die Kyffhäuser-Jugendgruppe der Kriegervereine setzt sich aus mehreren Kameradschaften zusammen. Ihr Führer ist der Jugendgruppenführer des Kriegervereins. Eine Kameradschaft besteht aus 8 - 15 Jungmannen im Alter von 14 - 21 Jahren. Ihr Führer ist der ‚Oberjungmann‘.
Die Kyffh.-Jungmädchengruppe umfasst die Jungmädchen vom 14. - 21. Lebensjahre und wird durch die ‚Gruppenführerin‘ geführt.
Die Kyffh.-Jugendabteilung der Kriegervereine' setzt sich aus mehreren Kyffh.-Jugendgruppen benachbarter Kriegervereine unter dem ‚Jugendabteilungsführer der Kriegervereine‘ zusammen.
Hieraus ergibt sich, dass der Aufbau der Jugendgruppen in hohem Maße der Gliederung der Wehrverbände ähnelt. Auch sonst sind weitere Parallelen vorhanden. So sind z.B. in verschiedenen Bezirken für die einzelnen Obmänner und Führer verschiedene Rangabzeichen eingeführt. Die Betätigung in den Jugendgruppen wird als ‚Dienst‘ bezeichnet. Als Zweck und Ziel wird folgendes angegeben:
a) den Sinn für Ehrgefühl, für deutsche Sitte und Art, für Vaterland und Einigkeit aller Deutschen, für Gehorsam, Unterordnung und Ehrerbietung vor dem Alter und für Ehrfurcht vor Gott zu wecken und zu stärken.
b) Pflege der Leibesübung als eines Dienstes am Vaterland unter ausdrücklicher Ablehnung einer militärischen Ausbildung.
c) Pflege der Kameradschaft im Sinne des Kyffhäusergeistes der Kriegervereinsorganisationen.
d) Erziehung zur Wehrhaftigkeit.
Die Kyffhäuser-Jugend hat sich bisher im hiesigen L.K.P.-Bezirk politisch nicht hervorgetan.
Jungsturm e.V.
Am 28. Juli 1897 gründete der jetzige Rittmeister a.D. Leopold von Münchow-Kolberg als Dreizehnjähriger in Swinemünde durch Vereinigung mehrerer Swinemünder Jugendstrandabteilungen eine sogenannte Strandabteilung Blau-weiß-blaue Union. Der neue Bund wollte die Zersplitterung der damaligen Strandjugendwehren verhindern. Es sollte etwas Bleibendes geschaffen werden, ein Bund der Freundschaft und Kameradschaft, von deutscher Art und Sitte. Auf der Grundlage freiwilliger Unterordnung sollte die deutsche Jugend zu turnerischen, sportlichen und Geländeübungen in die freie Natur zur Förderung der Gesundheit geführt werden. Durch Vorträge sollten ferner die Mitglieder zu deutscher Treue, Heimats- und Vaterlandsliebe angehalten werden. Dieser Gedanke fand auch bald in anderen Orten Anklang, und so entstanden zunächst in Heiße, Berlin, Stettin Abteilungen dieser Union, aus denen sich langsam aber stetig der jetzige ‚Jungsturm e.V.‘ entwickelte, der diesen Namen nach der Revolution annahm.
Dem-Gründungsgedanken entsprechend erklärt der Jungsturm in seinen Satzungen als Ziel der Vereinigung, die Jugend zu sportlichen und turnerischen Übungen in die freie Natur zu führen, dadurch die Gesundheit und Gewandtheit zu fördern, zu deutscher Treue und Vaterlandsliebe anzuhalten, und durch Pflege von Kameradschaft, Pflicht- und Ehrgefühl an der Bildung des Charakters zu arbeiten. Seine Arbeit widmet der Jungsturm nur der männlichen Jugend. Ihr soll die Aufgabe zufallen, Kämpfer für die deutsche Freiheit und völkische Reinheit Deutschlands zu sein. Der Bund ist völkisch eingestellt, ihm dürfen nur rein deutsche Jungen angehören. Juden werden zu Mitgliedern nicht aufgenommen. Er will den Materialismus und insbesondere den Parteigeist energisch bekämpfen, dafür aber desto mehr den Idealismus fördern. Er nimmt als einer der ältesten Vorkriegsbünde das Recht auf alleinige Führung der völkischen Jugendbewegung für sich in Anspruch. An dem Grundsatz der Vermeidung jeglichen Anschlusses an eine Organisation, insbesondere der Verpflichtung gegenüber einer politischen Partei will der Jungsturm vor allem festhalten. In einer bei der Reichsführertagung im April 1925 gefassten Entschließung heißt es ausdrücklich: Der Bund verurteilt in Gemäßheit seiner, trotz Kriegs- und Nachkriegszeit nicht geänderten Richtlinien, die Zersetzung unseres Volkes durch Parteien und Interessenpolitik jeder Art und Richtung und kämpft besonders gegen das Hereintragen solcher Zersplitterung in die Jugend. Er will seine Jungstürmer aus allen Volksschichten in straffer Selbstzucht und Ordnung als bewusst vaterländisch handelnde Männer ins Leben stellen mit dem Ziel, dass alles was deutsch ist, wieder ein Volk werde - nach innen wie nach außen.
In einem Artikel in der Monatsschrift ‚Jungsturm‘ vom November 1929 heißt es: Unsere Aufgabe aber ist, dem Begriff ‚Deutsch‘ Inhalt und Leben zu geben, so dass alle Schlagwort-Fanale, wie Aktivismus, Nationalismus, Sozialismus, Konservativismus, Kapitalismus zusammenschlagen könnten in dem einen Feuer: Deutschland. Und wenn andere rufen: ‚Wir sind die Nationalisten‘, ‚Wir sind die Sozialisten‘, ‚Wir sind die jungen Revolutionäre‘ usw., so ist das alles miteinbegriffen, wenn wir rufen: ‚Wir sind die Deutschen!‘
Der Jungsturm unterscheidet Teilnehmer und Mitglieder. Mitglieder sind nur Erwachsene, ehemalige Jungstürmer, Eltern, Freunde und Gönner des Bundes, die die Bestrebungen des Bundes unterstützen. Für diese Mitglieder bestehen besondere Satzungen, die im Vereinsregister des Amtsgerichts Berlin-Schöneberg für den ‚Jungsturm e.V.‘ eingetragen sind. Teilnehmer werden Jungstürmer selbst, die ja nach Bedarf zu Jungsturmabteilungen zusammengefasst werden.
Die Kleidung des ‚Jungsturm‘ ist graugrüne Hose und Hemd, Windjacke, Wickelgamaschen, Ledergurt und Khakihut in gleicher Farbe mit Stutz; auf dem linken Arm eine 10 cm breite feldgraue Binde mit Jungsturmschild in blau-weiß-blauen Farben. Die Jungtrupps tragen statt der feldgrauen Binde eine blau-weiß-blaue Armbinde. Der Kragen wird stets geöffnet getragen und darf nur bei schlechtem Wetter auf Befehl des Führers geschlossen werden.
Der Bund gliedert sich u Reichsverband, Landesverbände und in Abteilungen.
Außer den Abteilungen bestehen an einigen Orten selbständige Trupps, die den Abteilungen gleichstehen. Die Abteilungen zerfallen wiederum in Trupps und Jungtrupps, die Trupps in Kameradschaften und Gruppen. Die Jungtrupps zerfallen in Späh-Scharen und Späh-Gruppen und umfassen Jugendliche bis zum 14. Lebensjahre. Daneben sind noch Jungsturmschaften eingerichtet, die die Teilnehmer von 21 Jahren und darüber umfassen und die besondere Gruppen in allen Städten haben. Ehemalige Bundesmitglieder werden ferner in sogen. Abteilungsringen zusammengeschlossen. In ihnen soll jede Abteilung für sich ihre ehemaligen Teilnehmer gleich der studentischen ‚Alt-Herrenschaft‘ dauernd Zusammenhalten.
An der Spitze des Reichsverbandes steht der Reichssturmwart. Die Gesamtvertretung des Jungsturms obliegt dem Präsidium des Jungsturm e.V., dem u.a. auch die Landesverbandsführer angehören. Das Präsidium steht also noch über der gesamten Teilnehmerschaft, ist selbst aber Einrichtung des Jungsturms. Es hat die Aufgabe, die rechtlichen und wirtschaftlichen Interessen der Teilnehmerschaft wahrzunehmen und zu fördern.
Der Vorstand des Bundes setzt sich aus folgenden Personen zusammen: Als Schirmherr fungiert, der Generalfeldmarschall von Mackensen. Vorsitzender und Reichssturmwart; Rittmeister a.D. von Münchow-Kolberg. (…)
Die gegenwärtige Stärke des Jungsturms beläuft sich schätzungsweise auf 20.000 Mitglieder.
Als Monatsschrift gibt der Bund die Zeitschrift ‚Jungsturm‘ heraus. (…)
Der Jungsturm ist dem ‚Jungdeutschlandbund‘ angeschlossen. Wenngleich der Jungsturm nach außen politisch nicht besonders hervorgetreten ist, so muss der Bund doch als politisch stark rechts eingestellt bezeichnet werden. Dies folgt einmal aus dem von ihm innegehaltenen völkischen Prinzip, zum anderen daraus, dass sich bisweilen Verbände wie Hitlerjugend und Stahlhelm an seinen Veranstaltungen beteiligen, schließlich aus der Zugehörigkeit des Jungsturm zum Jungdeutschlandbund, dessen Anerkennung als unpolitischer Verein der Preußische Minister des Innern abgelehnt hat.
Von letztgenanntem Bund kann also gesagt werden, dass sein tatsächliches Ziel auch praktisch die Zusammenfassung der sogen. ‚vaterländischen Verbände‘ mit deutlicher Spitze gegen die ausgesprochen republikanisch eingestellten Jugendverbände zu sein scheint.
Bestimmend für den im Jungsturm herrschenden Geist ist denn auch die in einem vom Landesverbandsführer des Jungsturms Ostpreußen, Oberleutnant a.D. Thöne, gelegentlich des 1. Ostdeutschen Jugendtages im September 1929 in einem Aufsatz ausgesprochene Verherrlichung ‚der positiven, sich in der Gestalt Hitlers zu einem Idealismus und zu einer Aufopferung für die Idee der Führerpersönlichkeit und des Führerkultus bekennenden klaren politischen Linie‘. Bezeichnend, hierfür ist auch die Mitteilung des Reichsführers der Hitler-Jugend, Kurt Gruber, in einem vertraulichen Rundschreiben, in dem es heißt:
‚Am 28.1.30 war in Plauen zwischen mir und dem Reichsführer des ‚Jungsturm‘ eine Unterredung, die dahin endigte, dass Herr Leo von Münchow erklärte, dass seine Jungen mit dem 20. Lebensjahre frei seien und sich hinwenden können, wohin sie wollen, dass nationalsozialistische Gesinnung und Freundschaft zu uns das Fundament des vollständig unabhängigen Jungsturms seien. Insbesondere wurde ein Zusammenhang mit dem Stahlhelm dementiert wie überhaupt mit den vaterländischen Verbänden in den verschiedenen Organisationen. Ich begrüße diesen Schritt, obgleich unserem Prinzip entsprechend Bündnisse oder ähnliches nicht geschlossen worden sind.‘“