Menü
Ereignisse
1934
Juni

Kaum Teilnehmer bei Sonnwendfeier in Friesenhagen

In Friesenhagen ist für Samstag, den 23. Juni 1934 eine Sonnwendfeier geplant, auf der auch die Musikabteilung des katholischen Jungmännervereins spielen soll. Da dem zuständigen Pfarrer jedoch erst am Samstagnachmittag Mitteilung gemacht wird, dass die Feier abends um 18.30 Uhr stattfinden soll, können nicht alle Mitglieder der Musikabteilung rechtzeitig informiert werden, da die Leute bis zu 1 ½ Stunden auseinander wohnen [und kein Telefon haben!]. Hinderlich wirkt sich für die Teilnahme auch aus, dass viele in der momentan stattfindenden Heuernte beschäftigt sind und teilweise unabkömmlich sind. So erscheinen am Abend lediglich fünf Personen. Da in der Besetzung nicht gespielt werden kann, entschuldigt der Dirigent die Spieler beim Ortsgruppenleiter.

Nach der Feier erscheint Kreisleiter Sieler in Begleitung von SA in den Räumlichkeiten des Musikvereins, in denen seit 21 Uhr gerade die wöchentliche Probe stattfindet. Hier haben sich auch Leute versammelt, die die Einladung zur Sonnwendfeier gar nicht erreicht hat.

Gleichwohl sieht Kreisleiter Sieler ín diesem Treffen und dem gleichzeitigen Fehlen bei der Sonnwendfeier eine „versuchte Sabotage an einem von der Reichsregierung angeordneten Fest der Jugend“, beschlagnahmt die Instrumente und Noten des Vereins und erklärt den Verein für aufgelöst – das Ganze in einem anmaßenden und herrischen Ton. Der Hinweis des hinzukommenden Pastors, die beschlagnahmten Dinge seien das Eigentum von ihm und den Mitgliedern, bleibt unbeachtet und wird erst auf Nachfrage ins Protokoll aufgenommen.

Im offiziellen Auflösungsbescheid des Landrates von Altenkirchen vom 25. Juni 1934 heißt es:

„Auf Grund des § 14 des Polizeiverwaltungsgesetzes vom 1.6.1831 […] sowie des § 1 der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933 […] wird mit sofortiger Wirkung die Musikvereinigung Konkordia hiermit aufgelöst, da die Vereinigung durch ihr Verhalten am 23. ds. Mts. gezeigt hat, dass sie nicht gewillt ist, sich in die NS-Volksgemeinschaft einzugliedern und da sie die Maßnahmen der NSDAP Ortsgruppe Friesenhagen gelegentlich der Sonnenwendfeier sabotiert hat.“

Dass hinter dem Verbot noch ganz andere, tiefere Gründe stecken, wird aus einem Bericht von Kreisleiter Sieler an die Gauleitung der NSDAP in Koblenz vom 24. Juni 1934 deutlich. Darin kommt zum Ausdruck, dass das eigentliche Problem in Friesenhagen darin besteht, dass die NSDAP vor Ort nicht Fuß fassen kann, da die ländliche Bevölkerung stark katholisch geprägt ist. So möchte Sieler das Verbot als Anlass nehmen, ein Exempel zu statuieren, um der Partei (und nicht zuletzt sich selbst!) Autorität zu verschaffen. Fast flehentlich bittet er dabei die Gauleitung, ihn zu unterstützen und nicht vor der Autorität der Kirche einzuknicken:

„Das Amt Fr[iesenhagen] ist seit jeher Hochburg des Zentrums gewesen und trotz unserer verschiedenen mit allen Mitteln durchgeführten propagandistischen Maßnahmen ist es uns bisher nie gelungen, dort Fuß zu fassen. Der Mitgliederstand von 10 Mitgliedern dort mit Karten und 15 ohne Karten rekrutiert sich aus Leuten, die einerseits als Staats- oder Gemeindebeamte aus Angst Mitglied geworden sind, andererseits sich in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zum Stützpunktleiter Eggert befinden.

Ehrlich überzeugte Nationalsozialisten, glaube ich, befinden sich höchstens 5 oder 6 darunter. Das ganze Amt steht unter Terrordruck des Geistlichen, der auf die reine Landbevölkerung dort einen unheimlichen Einfluss ausübt. Unser letzter Versuch, in Friesenhagen eine Frauenschaft aufzuziehen, wurde, obwohl wir 3 Wochen vorher mit allen Mitteln und allen Stellen, auch mit dem Geistlichen, die Werbeveranstaltung vereinbarten, dadurch sabotiert, dass der Geistliche am Samstagabend eine Wallfahrt der Jungfrauenkongregation unter Vorantritt des Musikvereins Concordia anordnete […] und dadurch alle Frauen und Mädchen aus dem Ort zog, sodass die Frauenschaft, die sich sehr viel Mühe gegeben hatte, im leeren Saale stand.

Auch die Sonnenwendfeier, die auf Anordnung der Gauleitung 23.6. abends 10 Uhr für mich als Redner angesetzt war, war mit sämtlichen Stellen organisiert, und der Geistliche hatte, wenn auch zögernd, seine Zusage gegeben. Seinem Einwand, die um 10 Uhr angesetzte Veranstaltung könne er nicht gut mit den Schulkindern besuchen, da sie weit abwohnend zeitig ins Bett müssten, begegnete ich dadurch, dass ich nach Vereinbarung mit der Kreispropagandaleitung die Veranstaltung um 7 Uhr abends ansetzte. Es war mir zugesagt worden, dass der Geistliche sämtliche Schulen und alle Vereine, auch der Musikverein an der Veranstaltung teilnehmen würden.

Durch Erfahrung klug geworden, vereinbarte ich mit dem Unterbannführer der HJ, Jg. Euler, dass er mir 20 der besten Hitlerjungen und 20 ausgesuchte BDM-Mädel nach Fr. kommandieren sollte und außerdem das Tambourkorps der HJ, weil ich wusste, dass ich andernfalls wiederum einmal auf weiter Flur allein beim Feuer stehen könnte.

Meine Befürchtung traf zu. Weder der Geistliche noch der Musikverein nahmen an der Sonnwendfeier teil, auch zeigte die Bevölkerung auffallende Zurückhaltung. Auf der Straße ließ sich kein Mensch sehen. Hinter verschlossenen Fenstern beobachtete man die Vorgänge im Ort. Der Geistliche stand im Schatten des Klosters und zog sich stillschweigend, als sich der Zug in Bewegung setzte, in seinen Klosterhof zurück.

Während unsere HJ und BDM-Mädel am brennenden Feuer gelobten, sich ganz und restlos in den Dienst am Vaterland zu stellen und das Horst-Wessel-Lied als Abschluss der Sonnwendfeier als Treuegelöbnis zum Führer begeistert sangen, versammelte der Kaplan die Mitglieder des Musikvereins, die ohne etwas zu sagen, von der Veranstaltung ferngeblieben waren, in der Klosterschule um sich.

Hätte ich nicht, diesen Sabotageakt ahnend, mir das Tambourkorps der HJ nach Fr. bestellt, ich hätte als einsamer Prediger in der Wüste Selbstgespräche halten können.

Der Musikverein Konkordia bestandfrüher als gewöhnlicher Musikverein unter Vorsitz eines Mannes, der stark in Verdacht steht, Kommunist gewesen zu sein. Der Verein hat selbstverständlich den kirchlichen Vereinigungen zu Verfügung gestanden und zu Prozessionen und Wallfahrten […] für diese gespielt. Nach der Machtübernahme versuchte man den Verein durch Angliederung an den Jungmännerverband unter Vorsitz des Pastors unter das schützende Schild des Konkordats zu bringen und glaubte dadurch sicher zu gehen.

Da die Sonnenwendfeier von der Bewegung im ganzen Reich angeordnet und die HJ Staatsjugend ist, sah ich in der Haltung des Vereins bewusste Sabotage gegen die Regierung, denn wer die HJ als Träger der deutschen Zukunft nicht achtet, gibt dadurch zu verstehen, dass er auch die […] Regierung und deren Ziele bei Gelegenheit zu sabotieren bereit ist.

Um endlich mal ein Exempel zu statuieren, suchte ich den Löwen in seiner Höhle auf und fand alles einmütig versammelt unter dem Vorsitz des Kaplans, der mich höhnisch grinsend empfing. Kurz entschlossen löste ich den Verein auf, da ich ihn für staatsgefährlich halte. Die Instrumente und das Vermögen, sowie sämtliche Bücher wurden beschlagnahmt und beim Bürgermeisteramt Fr. sichergestellt. Die Instrumente ließ ich durch die HJ mitnehmen und beim Unterbann sicherstellen, da ich fürchtete, dass der Geistliche die Männer in Fr. umstimmen und durch alles mögliche Hin- und Herreden versuchen würde, wieder in den Besitz der Instrumente zu gelangen, da der kath. Jungmännerverein am Samstag eine Veranstaltung für sich geplant hatte. Auf die Einwände und langatmigen Reden ließ ich mich nicht ein und erklärte dem Geistlichen, ich sei des langen Redens müde und gewohnt zu handeln. Eigenartigerweise behauptet der Geistliche, sowohl er als die Mitglieder des Vereins Eigentümer der Instrumente zu sein.

Ich bitte die Gauleitung und den Herrn Regierungspräsidenten in diesem Falle einmal hat zu bleiben und mir zu helfen, endlich einmal den Nationalsozialismus auch in Fr. zum Durchbruch zu bringen. So wie die Verhältnisse dort liegen, können sie nicht bleiben. Wir können uns unmöglich gefallen lassen, dass die Wühlarbeit des totgeglaubten Zentrums in dieser verlorenen Ecke des Kreises ungestraft fortgesetzt wird.

Dass man dem Pg. Eggert, der als einziger Nationalsozialist als Ehrenbürgermeister von Fr. eingesetzt wurde, die Haustürklinke dauernd mit Kot beschmiert und große Haufen auf die Treppe setzt, zum Zeichen der Hochachtung vor diesem aufrechten ehrlichen Mann, sei nur nebenbei bemerkt. […]

Ich bitte, die Instrumente und das Vermögen, das wir beschlagnahmt haben in Höhe von ca. 26 Mk der HJ zur Verfügung zu stellen. Wir könnten dieser keine größere Freude machen und sie dadurch zum weiteren Kampfe nur begeistern. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Ich bin nicht gewohnt, halbe Arbeit zu leisten und habe lange genug versucht, die Leute […] zur Einsicht zu bringen.

Es war erfreulich zu sehen, wie nach meinem harten Zugreifen auf einmal alle versicherten, die besten Nationalsozialisten zu sein und vorgaben, nur im Interesse der NS-Regierung zu handeln.

Ich bitte, bei der Staatspolizeistelle die Freigabe für die HJ bewirken zu wollen und sich auf keine langatmige Auseinandersetzung des Bischofs von Trier, der bestimmt in Aktion treten wird, einzulassen.“

Gegen die Auflösung des Vereins und die Beschlagnahmung der Instrumente legt der Verein am 4. Juli 1934 Einspruch ein und verweist darauf, dass die Musikkapelle bei der Maifeier 1933, beim Erntedankfest und andern nationalen Feiern mitgewirkt habe und sich niemals den Wünschen der NSDAP versagt habe. Die Sonnwendfeier sei aber erst nachmittags angesagt worden. Dabei habe der Vertreter der NSDAP selbst die Einladung der bis zu zwei Stunden weit zerstreut wohnenden und in der Heuernte beschäftigen Musiker übernommen. Von diesen hätten acht gar keine Einladung erhalten und zwei zu spät, drei seien wegen der Heuernte unabkömmlich gewesen, fünf jedoch erschienen. Damit seien die Musiker prozentual stärker als alle NS-Formationen vertreten gewesen, einschließlich der SA.

Am 23. Juli fragt der Verein beim Regierungspräsidenten noch einmal nach, da er von dort bisher keine Antwort erhalten hat, ebenso am 6. und 11. August. Am 8. September kommt dann endlich eine Antwort – aber nur in Form einer kurzen Notiz: Es seien in der Angelegenheit „weitere Ermittlungen erforderlich geworden“.

Am 30. September schreibt der Pfarrer noch einmal einen zusammenfassenden Bericht über die Vorgänge, in dem er bemerkt, dass schon seit Längerem eine Gegnerschaft seitens der Nationalsozialisten gegenüber dem Musikverein bestehe. So sei es zu einer ersten Auseinandersetzung mit der SA gekommen, als ein SA-Mann beim Herbstfest des katholischen Jungmännervereins 1933 verlangt habe, dass zum Schluss – man hatte bereits ein religiöses Abschlusslied gesungen – noch das Horst-Wessel-Lied gespielt werde. Auch sei der SA die kirchliche Betätigung des Vereins „ein Dorn im Auge“ gewesen. „In diesen Kreisen“, so die Einschätzung des Pfarrers, „ist die Vereinsauflösung und Beschlagnahmung schon besprochen worden, noch ehe der Kreisleiter zur Sonnenwendfeier eintraf.“

Am 25. Oktober teilt der Pfarrer dann dem Erzbischöflichen Generalvikariat in Köln mit, dass der Kreisleiter versetzt worden sei und die Instrumente nun wohl freigegeben würden. Die lokalen Behörden und Instanzen der NSDAP würden die Sachen jedoch noch zurückhalten, um ihnen Bedingungen aufzuerlegen.

Baum wird geladen...