HJ überfällt katholische Jugendführer in Altenberg
In Altenberg findet am 10. März 1934 eine Führertagung der Pfadfinderführer der Erzdiözese Köln statt. Dabei kommen viele Jungführer in Kluft, da nicht überall im Gebiet der Kölner Erzdiözese Uniformverbot besteht. Sie tragen allerdings einen Mantel, sodass die Kluft von außen nicht zu sehen ist.
Am Vormittag des Tages erhält Generalpräses Clemens, der die Tagung leitet, einen Eilbrief von der Staatspolizeistelle Köln, in dem es heißt, dass das „öffentliche Tragen von Bundestracht“ verboten sei. Da Clemens das Schreiben sehr kurzfristig erhält, kann er die 91 Teilnehmer, die mit den Rädern aus den weitab gelegenen Städten und Dörfern anreisen (die Fahrpreisermäßigung für die Reichsbahn war ihnen neuerdings entzogen worden!), nicht mehr erreichen, um die Nachricht weiterzugeben. In Altenberg weist er sie jedoch an, sich nicht öffentlich in Kluft zu zeigen und das Haus nicht zu verlassen. Und dies, obwohl in Altenberg selbst, das zum Rheinisch-Bergischen Kreis gehört, überhaupt kein Kluftverbot besteht!
Nach dem Brief der Staatspolizeistelle erwartet man in Altenberg einen Überfall der HJ, der dann auch tatsächlich stattfindet. Als verantwortliche Stelle, die den entsprechenden Befehl gegeben hat, vermutet man – nach den „vielen Erfahrungen der letzten Monate“ – die HJ-Leitung. Andernfalls, so die Annahme, hätte die HJ von Bergisch Gladbach nicht wissen können, dass an dem Tag das Treffen stattfinden würde.
Unter Führung von „Truppführer“ Müller versammelt sich die HJ aus Bergisch Gladbach nachmittags gegen 16 Uhr am Haus Altenberg und streift, „wie wenn es auf Verbrecherjagd ginge“ um das Haus, „wartend auf den Augenblick der Abfahrt“. Clemens weist seine Jungen daraufhin an, Altenberg geschlossen zu verlassen und sich erst unterwegs nach den verschiedenen Richtungen zu teilen. Andernfalls befürchtet er, dass die HJ „leichtes Spiel“ gehabt hätte, die Jungen zu überfallen.
Die folgenden Ereignisse schildert Clemens folgendermaßen:
„Kaum verlassen unsere Jungmänner das Haus – und schon stürzten sich die Hitlerjungens, meist Ältere, wie die Wilden auf sie, stießen sie von den Rädern, rissen ihnen die Mäntel auf und es gab eine Rauferei. Ich eilte sofort mit dem Altenberger Landjäger herzu und stellte den Führer […] Ich verwies auf die uns gewordene polizeiliche Genehmigung und die Einhaltung der uns gestellten Bedingungen und machte ihm in höflicher aber bestimmter Form klar, dass er sich kein Polizeirecht anmaßen dürfe. Die flegelhafte Art seiner Erwiderung verbot mir jede weitere Diskussion. Der Altenberger Landjäger, der sich sehr fest und objektiv verhielt, wies den Führer in seine Schranken und befahl ihm, unsre Leute ohne Belästigung abziehen zu lassen. Trotzdem rissen einige Hitlerjungen unseren Jungmännern weiterhin Rock und Hemd auf. Darauf jagten sie mit ihren Rädern hinter ihnen her. Der Landjäger folgte.“
Clemens fordert nun die Staatspolizeistelle Köln auf, die HJ zur Rechenschaft zu ziehen. „Vor allem aber“, so Clemens weiter, „bitte ich, in Zukunft in dem Ihnen unterstellten Befehlsbereich ähnliche Vorkommnisse mit allen Mitteln polizeilicher Gewalt unterbinden zu wollen. Bei schärferem Eingreifen gegen die wirklichen Provokateure würden sich derlei Dinge nicht immer wiederholen. Es muss in einem Rechtsstaat unmöglich sein, dass seine Ordnung bestimmt wird von politischen Unterorganisationen, zumal von 14- bis 18-jährigen Jungen. Es ist keineswegs die Aufgabe der HJ, Polizeibefehle durchzuführen und da, wo kein polizeiliches Einschreiten geboten ist, ein solches durch Überfall zu provozieren und hintennach die Angegriffenen als die Urheber hinzustellen. Es bedeutet eine außerordentliche Schädigung des Rechtsbewusstseins im deutschen Volk und eine Schwächung der Autorität staatlicher Organe, wenn die Polizei solche Anmaßung von Polizeirechten ungestraft passieren lässt.“
Und er fügt hinzu: „Seit 1922 halten wir in Altenberg unsere Tagungen. Obschon in Altenberg selbst und besonders in den anliegenden Ortschaften stets viele Kommunisten wohnten – solches Spiel haben diese Kommunisten in den 12 Jahren mit uns nicht getrieben.“