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Ereignisse
1930
August

Aktivitäten nationalsozialistischer Schüler

Am 9. August 1930 berichtet Studienrat Dr. Stiefel über Aktivitäten „nationalsozialistischer” Schüler am Gymnasium in Detmold:

„In der allgemeinen Konferenz vom 29. August, in der wegen der Teilnahme von Schülern an dem Versuch der Versammlungsstörung der Deutschen Staatspartei verhandelt wurde, teilte Studienreferendar P. mit, in der Stadt laufe das Gerücht, an unserer Anstalt bestehe eine schwarze Liste für die nationalsozialistischen Schüler. Als mir am folgenden Morgen angedeutet wurde, dass die Liste in meiner Klasse bestehe und von dem Obersekundaner H. ausgehe, fragte ich die Schüler, ob dies den Tatsachen entspreche. Daraufhin wurde mir gesagt, einer der Schüler habe eine Liste von nationalsozialistischen Schülern in einem Buche H. gesehen. Letzterer bestritt aber, eine solche Liste zu haben. Erst als ich nach der Stunde unter vier Augen nochmals mit ihm darüber sprach — H. ist nebenbei gesagt seit 6 1/2 Jahren mein Schüler, seit 1 1/2 Jahren Obmann meiner Klasse und fest in einem starken Vertrauensverhältnis zu mir — gab er zu, an einem ihm nahestehenden Herrn die Namen mehrerer nationalsozialistischer Schüler weitergegeben zu haben. Ich teilte dies darauf dem Direktor mit, und H. gab auch ihm gegenüber dasselbe zu. Als der Direktor mich alsdann bat, da ich dem Schüler persönlich näher stehe als er, zu versuchen, näheres über die Beweggründe zu H.’s Verhalten zu erfahren, ob er freiwillig gehandelt habe, warum er sich nicht an seinen Klassenlehrer oder an ihn selber gewandt habe, sagte mir H. dann folgendes: In den letzten Wochen habe sich die nationalsozialistische Bewegung sehr stark in unserer Anstalt ausgebreitet. Das Hakenkreuz würde offen getragen. Wenn die Lehrer kämen, verschwänden die Abzeichen für kurze Minuten, um nachher um so heller auf ihrer Brust zu glänzen. Die jüdischen Schüler würden durch Schimpfworte belästigt. Mitschüler, mit denen er persönlich nichts gehabt, grüßten ihn seit mehreren Wochen nicht mehr, anscheinend nur, weil er Jude sei. Es würde innerhalb und außerhalb der Schule stark und auffällig von Schülern unserer Schule für die nationalsozialistische Partei agitiert. Wenn die Bewegung noch stärker zunehme, würden die jüdischen Schüler nicht mehr ungestört in der Schule arbeiten können. Er hat daher mit einem ihm nahestehenden Herrn darüber gesprochen und diesem die Namen der Schüler genannt, die sich am auffälligsten betätigten und übrigens stadtbekannt seien. Er habe diese Namen dem ihm bekannten Herrn auf dessen Aufforderung auch schriftlich gegeben.

Hierzu bemerke ich, dass H. sich mir gegenüber vorher häufig über das Zunehmen der nationalsozialistischen Bewegung in der Schule beklagt hat. Die von ihm genannten Fälle schienen mir aber immer nicht substantiell genug, um sie weitergeben zu müssen. Ich persönlich habe nur einmal Gelegenheit gehabt, einem Schüler in der Spielstunde ein Hakenkreuz abzunehmen und ihn wegen des Tragens verbotener Abzeichen in der Schule zu vermahnen. Ich habe es aber auch mehrmals für nötig erachtet, Schülern meiner Klasse, von denen ich erfuhr, dass sie nationalsozialistische Versammlungen besuchten und deren Leistungen schwach waren, dringend nahe zu legen, sich eine gewisse Reserve aufzuerlegen.

Auf meine Frage, warum H. mir oder dem Direktor nicht früher Mitteilung gemacht habe, erwiderte er, er habe mich ja öfter darauf aufmerksam gemacht, es sei aber ja nichts geschehen. Hierzu bemerke ich, dass, wenn ich gewusst hätte, die Angelegenheit solchen Staub aufwirbeln würde, ich dieselbe im Interesse des Ansehens der Schule früher gemeldet hätte.“

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