Aufgaben einer Lagermädelführerin
In der November/Dezember-Ausgabe 1943 von „Oberdonau Hochwald. Elternbrief der Erweiterten Kinderlandverschickung“ heißt es über die Aufgaben der Lagermädelführerin:
„‚Jungmädel, Achtung, in Linie zu einem Glied antreten‘, so ertönt ihre Stimme; eine Menge Mädel flitzen, Zehen und Köpfe werden gerichtet, und sie steht vor ihnen, ernst und doch freundlich, ihre Lagermädelführerin. Nicht leicht ist der Dienst, aber doch schön. Morgens schon weckt sie die kleinen Quecksilber aus dem Schlaf und der erste Dienst beginnt. Wehe dem, der etwas nicht in Ordnung macht. Ein finsterer Blick ist die Strafe dafür. Denn Ordnung muss sein in jedem Lager. Und dann kommt das bekannte Kommando, alle Mädel laufen, es geht ja zur Fahne. Wieder ist es die Lagermädelführerin, die mit einem Spruch oder einer kleinen Ansprache anspornt zu neuer Arbeit und bedingungslosem Gehorsam. Sie selber ist Vorbild immer und überall.
Am Vormittag müssen die Kinder zur Schule, doch schon vom Mittagessen an sind sie wieder bei der Führerin. Nach der Bettruhe kommt der Dienst, und wenn da so ein Tag ist wie heute ... Die Schneeflocken fallen ganz sachte vom Himmel und wohin man schaut ist alles weiß; auch kalt ist es. Aber lange nicht so kalt, dass Jungmädel etwa keine Lust zu einer Schneeballschlacht oder einer lustigen Balgerei im Freien hätten. (...)
Nach der Schneeballschlacht zurückgekehrt ins Lager, werden die nassen Sachen abgelegt, und bald sind alle im Gemeinschaftsraum. Die Führerin erzählt gerade von fernen Ländern und fremden Städten. Alle Mädel lauschen andächtig zu. Keine will, dass ihr auch nur ein Wort des Vortrages entgeht. Die Augen der Zuhörer hängen an ihren Lippen und sie ist unter ihnen wie eine Königin. Das sind Stunden, die jede Führerin freuen, die sich jede wünscht und die für vieles entschädigen. Der kleine Alltag ist vergessen, nur die große Aufgabe sieht sie, die anstrengend, verantwortungsreich und doch so schön ist.
Sind auch diese Stunden vorüber, gibt es für die Lagerführerin neue Arbeit. Manchmal muss sie sogar ein bisschen die Eltern ersetzen. Dort drückt ein bitterer Schmerz ein kleines Jungmädelherz und da weint sogar eine? Ja, warum denn jetzt weinen? Ach, das Heimweh hat sich wieder einmal gemeldet, das kommt ganz, ganz selten einmal vor, aber wenn, so hat sie die kleinen Schützlinge bald wieder beruhigt. Es fester Händedruck und ein frohes Lächeln ist das letzte, was die Mädel von ihr spüren, ehe sie das Licht auslöscht. Bald werden die Kleinen schlafen, vielleicht was träumen, vom Lager, von zu Hause und vom Weihnachtsmann.
Sie aber kann sich noch nicht zur Ruhe legen, Dienstpläne müssen geschrieben werden, Dienste vorbereitet und vielleicht wartet noch ein Brief auf Antwort.“