Elternbrief aus Tegernsee
Aus den KLV-Lagern „Alte Post“, „Adelhof“ und „Seehof“ in Tegernsee wird im Oktober 1943 das dritte Rundschreiben an die Eltern der KLV-Verschickten des Gymnasium Paulinum und des Schillergymnasiums in Münster verschickt. Das Rundschreinen lautet:
„Liebe Eltern!
‚Ohne Kuchen und Gebäck
Hat das Leben keinen Zweck!‘
Mit schmunzelndem Behagen lesen Eure Jungen diese gedankentiefe, diesseitsbejahende Inschrift im Laden des Bäckers, wo sie gern Eure Brotmarken an den Mann bringen! "Zusätzlich", pflegt man heute zu sagen. Nötig ist das nicht, aber es schlägt die Brücke zur Heimat, und jeder Brief und jedes Paket von Muttern wird mit einem wahren Indianertanz gefeiert, an dem selbst ein Winnetou, der rote Gentleman, seine helle Freude haben würde! Nur schade, wenn gelegentlich ein solches Heimatpaket voll überreifer Tomaten oder Birnen unterwegs "quatschig" geworden ist, und nur faules Obst oder verschimmeltes Brot zum Vorschein kommt! Dann gibt es enttäuschte Gesichter ... "Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht", sagt der Dichter. Denkt bitte daran, liebe Eltern, und schickt Euren Jungen nur Dinge, die eine Bahnfahrt von einigen Tagen aushalten können. Wertvolle Sachen wie Schuhe und Wäsche am besten versichert, eingeschrieben oder noch besser als "Nachnahme", jawohl als Nachnahme! Am Münchener Bahnhofspostamt sind sehr viele Ausländer eingestellt, und man kann nie wissen! Kleine aber liebe Gabenö schlagen die Brücke von der Heimat zur Fremde. Eine solche Brücke wollen auch wir Lehrer zur Heimat schlagen mit unsern Tegernseer Briefen an Euch. Ursprünglich war gar nicht an eine Fortsetzung gedacht, aber die zahlreichen herzlichen Dankesbriefe, die hier einliefen, drückten zugleich den Wunsch nach weiteren Mitteilungen aus. Sie haben auch andererseits geholfen, den Ärger herunterzuschlucken, den uns Äußerungen bereitet haben, die uns mündlich oder schriftlich hinterbracht wurden. Äußerungen, wie: "Dr. Bücker hat die Dinge anders dargestellt, als sie wirklich sind und hat den Elternbrief auf Druck des Direktors schreiben müssen." Man könnte bitter werden, und im Stile der berühmten Gräuelmärchen fortfahren: Und diesen zweiten Brief hat er zu schreiben sich auch dann erst bereit erklärt, nachdem der Direktor in fünf Stunden lang an einem Baum am Seeufer binden ließ, bis der Bürgermeister mit Hilfe der Tegernseer Feuerwehr ihn aus der qualvollen Lage befreit hatte. - - Bleiben wir aber sachlich! Ein Vater fragte beim Direktor an, warum der Brief den Einsatz der Schüler bei der Hopfenernte verschwiegen habe? - Antwort: Weil der Brief eben längst vor der Hopfenernte geschrieben war! - Also nun zuerst das Thema: Hopfenernte. - Da handelt es sich, wie bei der Kartoffelernte im Münsterland, um einen von der Reichsregierung vorgeschriebenen Kriegseinsatz aller Schüler (auch der bayrischen Schulen). Daran kann nun mal kein Direktor etwas ändern. Dass unsere Jungen auf einigen Dörfern eine sehr dürftige Unterkunft auf Strohlagern fanden, zehn und mehr Stunden arbeiten mussten ohne genügende Freizeit, Badegelegenheit und Erholung, hat uns Lehrer geradezu empört. Leider konnten wir daran mit dem besten Willen von hier aus nichts ändern. Wir sind aber froh, dass wir sie alle gesund wieder zurückhaben und die ärztliche Untersuchung keinerlei schädliche Folgen feststellen konnte. Die Verpflegung war sehr verschieden. An einigen Einsatzstellen wirklich ausgezeichnet, an anderen sehr primitiv, so dass es wundernimmt, dass auch in den letzten Fällen unsere Jungen noch an Körpergewicht bis zu fünf Pfund zugenommen haben. Übrigens haben alle Schüler der Klasse 4, soweit sie nicht krank waren, an dem Hopfeneinsatz teilgenommen. Nur die Jungen, die sich vorher schon freiwillig zu einem "Zeltlager" der HJ gemeldet hatten, konnten und durften nicht auch gleichzeitig zur Hopfenernte eingesetzt werden. Als dieses Zeltlager dann nach Abfahrt der Übrigen nicht zustande kam, konnte man an der Sachlage nichts mehr ändern. - Doch nun zu einer anderen Frage. Ein Vater fragt an: "Vielleicht ist es Ihnen möglich, im nächsten Elternbrief mal die Frage der Wäsche zu behandeln?" Schön! Ich besuchte dieser Tage nach dem Abendbrot mit einem Kollegen seine Gattin, die mit ihren drei kleinen Kindern ebenfalls hier ist. Auf dem Tische lag ein ansehnlicher Stapel gestopfter Strümpfe, nicht ihrer eigenen Kinder, sondern Eurer Jungen! "Wenn Dich die bösen Buben locken, bleib zu Haus und stopfe Socken!" las ich einmal vor Jahren auf einem sog. Stopfpilz, den man in der Röhn als Heimarbeit drechselte. Hier locken die herrlichen Alpenberge, aber trotzdem war ein ganzer Berg Strümpfe gestopft! Wir können den Frauen unserer Kollegen nur herzlich dankbar sein, dass sie jede Woche die gebrauchte Wäsche von etwa 80 Jungen waschen, mangeln, bügeln, flicken und stopfen. Dabei helfen auch einige in der Nähe untergebrachte Mütter unserer Jungen mit und sorgen dafür, dass Kleidung und Wäsche aller Lagerinsassen bestens Instand gehalten werden. Dann werden sie auch weiterhin freudig Knöpfe annähen nach der Devise: "Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann kein Knopf die Hose halten!" wie neulich beim Rudern der Benno so nett sagte. - Was uns nun wirklich Kopfschmerzen macht, das ist die Schuhfrage!! - Die wenigen hiesigen Schuster sind gar nicht in der Lage, außer ihren ortsansässigen Kunden auch noch für die 550 Schüler unserer münsterischen Schulen zu arbeiten. Im Gebirge schleißen die Schuhe rasch, und wir sind überdies im fünften Kriegsjahr! Also: "Ein Königreich für einen Schuster!" würde Shakespeare sagen. - Unsere Hauptlagerleiter haben sich alle Mühe gegeben und sich an alle möglichen Stellen gewandt! Herr Regierungsdirektor Dr. Weiershausen, der uns kürzlich freundlicherweise mit zwei anderen Herren aus Münster besuchte, hat uns nun fest zugesagt, dieses peinliche Übel schnellstens zu beheben. Eine leerstehende Werkstatt hier in der Nähe ist bereits beschlagnahmt, fehlt nur noch der nachzuliefernde Hans Sachs, der den Reim findet auf Pech und Wachs um mit Richard Wagner zu sprechen. Ja, wenn die Hoffnung nicht wäre! - Was nun die ärztliche Betreuung unserer Jungen angeht, so brauchen sich unsere Eltern keine Sorge zu machen. Eine Krankenschwester vom Roten Kreuz kommt täglich, wenn nötig mehrmals in jedes Heim und sieht nach dem rechten. Sobald es erforderlich oder wünschenswert erscheint, werden die Erkrankten in eines der beiden hiesigen Krankenhäuser überführt. Wir haben zum Glück auch einen hervorragenden Chirurgen hier, der bereits zwei unserer Jungen am Blinddarm operieren musste. Beide waren in wenigen Tagen wieder hergestellt. - Zahnärzte und Augenärzte sind gleichfalls für unsere Jungen tätig. Sämtliche Kosten trägt die Versicherung bezw. die NSV. Dass wir Lehrer uns um jeden erkrankten Jungen mit besonderer Sorgfalt bemühen, auch mitten in der Nacht, ist ganz selbstverständlich und sei nur erwähnt, um unseren Eltern ihre Sorgen zu nehmen. - Nicht ganz einfach liegt die Sache hinsichtlich des Badens unserer Jungen in der kalten Jahreszeit, wenn wir nicht mehr im See schwimmen können. Die Häuser verfügen natürlich über ein Badezimmer, aber für so viele Jungen reicht das begreiflicherweise nicht. Jedenfalls werden wir auch da Rat schaffen. - Nun noch eins, was uns oft Sorge macht! Wir haben uns sehr gefreut über die zahlreichen Zuschriften aus allen Kreisen unserer Eltern, die dankbar unsere Arbeit hier anerkennen. "Ihr Weg dort ist sicher nicht mit Rosen bedeckt", heißt es in einem Briefe und in einem anderen, an den Direktor gerichteten: "Ich fühle mich gedrungen, Ihnen auszusprechen, was gewiss viele Eltern denken und die übrigen denken sollten: dass dies alles nicht von selbst so gut klappt, sondern Ihrer und der übrigen Herren Arbeit u. Geschicklichkeit u. vor allem der Gewissenhaftigkeit dieser Herren zu danken ist." Gern gehen wir auf jede Bitte der Elternschaft ein, aber nun haben wir eine Bitte an die Eltern: Macht uns und Euren Buben die Arbeit hier nicht noch schwerer als nötig. Deshalb verschont bitte Eure Jungen mit Eurem Heimweh nach ihnen!! Sonst ist es besser, wir geben hier unsere ganze Tätigkeit auf. Wir verstehen sehr wohl, wie schwer es Euch Müttern ist, auf Euren Jungen gerade in seinen schönsten Jahren zu verzichten, "unsere Familie ist in sechs Teile zerrissen", schrieb mir noch jüngst eine Mutter. "Wir leben nur noch in Erinnerung an unsere Kinder", heißt es in einem anderen Briefe. Wir wissen um Eure Opfer; denn wir Lehrer haben ja selbst unser behagliches Heim und liebe Familienmitglieder daheim gelassen. In fast allen Fällen, in denen Jungen nach Hause zurückgeholt wurden, - und es ist bekanntlich schwer, sie irgendwo unterzubringen - war es nicht der Wunsch der Jungen selbst oder der Wille des Vaters, sondern das Heimweh der Mutter! Sachliche Gründe, Bedenken in religiöser oder gesundheitlicher Hinsicht lagen anerkanntermaßen nicht vor. Was aber unsere Jugend nicht verträgt ist die sog. Jammerlappenstimmung! Jugend ist junges Leben, und das braucht Sonnenschein und Freude! Heute mehr als wir in unserer eigenen Jugendzeit. In den wenigen Stunden am Tage, wo sie nicht unmittelbar unserer eigenen Leitung untersteht, lasst sie singen, Heimabende veranstalten, Musikunterricht nehmen, basteln, oder was sonst eines Jungen Herz erfreut. Die Wehrmacht stiftete uns kürzlich einen ganzen Berg schöner Modellbogen für die Bastelarbeit! Wenn wir hier nun mal in weiter Ferne mit Euren Jungen, denn das sind und bleiben sie, - schaffen und arbeiten sollen, dann brauchen wir hier alle Frohsinn und Freude. So, wie die kleinen Bengels beim Heimabend neulich so drollig zur Ziehharmonika sangen:
"So lang der alte Peter am Petersberge steht,
So lang die grüne Isar durchs Münchener Stadel geht,
So lang dort an dem Platzl noch steht das Hofbräuhaus,
So lang stirbt die Gemütlichkeit bei uns zu Haus net aus!" -
Dr. Bücker Studienrat.“