Konflikt Sturmschar-HJ in Recklinghausen
Am 18. Cktober 1934 berichtet der Führer des HJ-Banns 252 (Vest) über einen Vorfall, der sich tags zuvor in Recklinghausen ereignet hat. Er schreibt:
„Heute Donnerstag, den 17.10.1934 um 4 ½ Uhr kommt der Unterbannführer A. Fliedner zu mir auf das Bannbüro und meldet, dass in Recklinghausen-Ost die Sturmschar in geschlossenen Formationen und der verbotenen Uniform marschiert. lch rufe daraufhin sofort die Geheime Staatspolizei an und forderte die Auflösung der Formationen und Festsetzung der Führer. Die Geh. Staatspolizei sagt mir dieses zu. Als ich alle notwendigen Schritte unternommen hatte, fuhr ich selbst mit Unterbannführer Fliedner nach Ost. Hier sah ich nun, dass die Sturmschar in der verbotenen Tracht mit aufgerollter Fahne vor dem Liebfrauenstift zum Spalier angetreten war und ihren Reichssturmscharführer zu einer Kundgebung erwartete. Es war inzwischen eine Viertelstunde vergangen und von der Polizei war noch niemand zu sehen. Aus diesem Grunde rief ich die Staatspolizei noch einmal an. Als aber immer noch niemand kam, wollte ich selbst die Fahnen beschlagnahmen und die Versammlung auflösen. Als ich dieses gerade machen wollte, kam 1 Mann von der Geheimen Staatspolizei, Mit diesem ging ich dann zu dem verantwortlichen Kaplan. Der Kaplan Witte, wollte nicht wissen, dass die Tracht der Sturmschar verboten sei. Als ich ihm dieses klar gemacht hatte, befahl er den Jungen in das Liebfrauenstift zu gehen, welche dann auch mit den Fahnen hinein wollten. Ich stellte mich dann vor die Fahnen und wollte diese an mich nehmen. Hierauf kernen noch 5 Kapläne herbei und nahmen eine sehr drchende Haltung gegen mich an, worauf es einen heftigen Auftritt zwischen uns gab. Ein Kaplan sagte, dass dieses geweihte Kirchenfahnen seien und wir uns nicht daran vergreifen sollten. Er nahm eine Fahne an sich und trug sie in das Haus, wobei er in der rechten Hand einen Knüppel hatte. Ein anderer Kaplan sagte dann, dass wir hier auf kirchlichem Boden seien und den Platz sofort verlassen müssten. Unterbannführer Fliedner und ich gingen dann ganz gemütlich von dem Platz runter. Der Mann von der Staatspolizei war immer noch mit dem Kaplan Witte am Verhandeln und ging mit ihm in den Saal. Als er heraus kam, sagte er, dass in dem Saal ungefähr 700 Jungens von der Sturmschar wären, worauf wir dann noch einmal die Polizei anriefen und um Verstärkung baten. Nach längerer Zeit kam dann noch 1 Mann von der Geheimen Staatspolizei. Ich forderte nun die Auflösung und dass den Jungens die blauen Blusen ausgezogen würden. Es wurde aber nur die Versammlung aufgelöst und alle marschierten dann wieder in die gegenüberliegende Kirche.
Es kam nun heraus, dass der Kaplan Witte die ganze Kundgebung einberufen hatte und der Reichssturmführer Stäbel [gemeint: Franz Steber] aus Düsseldorf sprechen sollte. Aus der ganzen Umgegend waren die Sturmscharen auf Lastwagen zum Teil in ihren verbotenen Uniformen angekommen. Da dieses direkt Sabotage am Aufbauwerk der deutschen Jugend ist, forderte ich, dass der Kaplan Witte und der Reichssturmscharführer Stäbel in Schutzhaft genommen würden. Der Kaplan Witte entschuldigte sich damit, dass er nicht wüsste, dass die Uniform der Sturmschar verboten wäre. Diese lächerlichen Ausreden sind uns ja zur Genüge bekannt. Aber von den Beamten der Polizei wurde noch immer nichts unternommen. Plötzlich führ eine Taxe vor und ihr entstieg der Reichssturmführer Stäbel. Ich ließ den Mann sofort umstellen und nicht weitergehen, da er in seiner Eigenschaft als Führer einer verbotenen Organisation zur kath. Jugend sprechen wollte. Der Reichssturmführer widersetzte sich auch nicht, da er genau wusste, dass er eine verbotene Sache machte. In diesem Moment kam der Kaplan Witte mit noch einigen Genossen aus der Kirche gestürmt und wollte Stäbel mitnehmen. Kaplan Witte frug mich dann, ob sie staatsfeindlich seien, weil ich den Führer der Sturmscharen nicht durchließ. Da der Reichssturmführer zu den verbotenen Sturmscharen sprechen wollte, bejahte ich dies. Hierauf will mich der Kaplan Witte anzeigen. Dieser Anzeige sehr ich mit ruhigem Gewissen entgegen. Kaplan Witte frug dann die Herren von der Geheimen Staatspolizei, ob Stäbel mit ihnen zu den Sturmscharen in die Kirche kommen könnte. Die Polizei ließ hierauf den Führer der Sturmscharen den Weg frei.
Durch das jämmerliche Versagen der Geheimen Staatspolizei rief ich dann das Überfallkommando an und erklärte ihnen den ganzen Vorfall. Es wurde mir auch zugesagt, sofort Leute zu schicken und das Nötige zu veranlassen. Ich musste auch hier noch einmal anrufen und wurde mir dann gesagt, dass die Leute unterwegs seien Nach bald einer halben Stunde kamen dann glücklich 2 Schutzleute per Rad an. Ich verlangte dann von den Schutzleuten, dass, wenn die Jungens rauskämen, ihnen die Hemden ausgezogen würden. Der Schutzmann gab mir hierauf keine Antwort und sagte ich, dann würde ich die HJ alarmieren und ihnen die blauen Heiden selbst aus-ziehen. Der Schutzmann frug dann, ob die blauen Hemden von den Jungens verboten wären, welches großes Gelächter unter den Leuten, die umher standen, hervorrief. Es ist traurig, dass die Polizei selbst nicht weiß, dass diese Uniform verboten ist.
Während diesen Auseinandersetzungen sammelte sich immer mehr Volk an und nahmen alle Anwesende eine drchende Stellung gegen die jetzt in der Kirche weilenden Sturmscharen an. Rufe wie ‚Nieder‘ waren dauernd hörbar. Da alle Anwesende die Festnahme des Kaplans Witte und des Reichssturmscharführers forderten und die Polizei nichts unternahm, wurde die Polizei von verschiedenen Leuten ausgelacht. Es blieb daher nicht aus, dass die Sturmscharen nach dem Verlassen der Kirche angegriffen wurden und es zu heftigen Zusammenstößen kam. Ich forderte dann nochmals bei der Polizei die Festnahme von Kaplan Witte und Stäbel, worauf mir erwidert wurde, dass alles in die Wege geleitet würde. Geschieht das nicht, dann muss ich gegen die Polizei Beschwerde einreichen.
Ich denke, dass dieser Vorfall genügt, um dieses Material an geeigneter Stelle zu verwenden.“