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Ereignisse
1934
September

Bericht des Landrats Tecklenburg über Wahlergebnisse

Am 12. September 1934 berichtet der Tecklenburger Landrat dem Regierungspräsidenten nochmals über die jüngsten Wahlergebnisse:

„Von den in meinem listenmäßigen Bericht von 28. August 1934 aufgeführten Gemeinden sind Hopsten, Riesenbeck, Hörstel, Dreierwalde rein katholisch, die Gemeinden Ibbenbüren - Stadt und Land, Mettingen, Recke, Brochterbeck konfessionell gemischt, allerdings zum ganz überwiegenden Teil katholisch, und die Gemeinde Schale rein evangelisch. Danach darf man feststellen, dass das Wahlergebnis Im Kreise Tecklenburg in. der katholischen Bevölkerung des Kreises ein sehr schlechtes gewesen ist. Nur eine katholische Gemeinde des Kreises, nämlich Bevergern, der Geburtsort des Stabschefs Lutze, steht mit 83,7% etwas besser da.

Die Gründe der schlechten Abstimmung sind verschiedene. Sie lagen zunächst in den Spannungen zur katholischen Kirche. Vielfach ist man der Meinung, dass die ‚Neuheidnische Bewegung‘ von der NSDAP. gefördert und das Christentum gefährdet würde. Die Mitglieder der Gesellen- und Arbeitervereine fühlen sich bedrückt und in ihrer Betätigung zu Unrecht eingeschränkt. Bei solchen Stimmungen ist es dann den Geistlichen ein leichtes, die Pfarrkinder gegen den Staat zu beeinflussen. Wenn ich auch schon die einzelnen Fälle berichtet habe, so möchte ich doch noch mal auf den inzwischen aus Ibbenbüren versetzten Arbeiter Kaplan Brinkmann hinweisen, der in einem Flugblatt am 17. Juni 1954 zu einer Arbeiterversammlung aufforderte und als die Versammlung verboten wurde, zu derselben Zeit und mit demselben Redner in der Pfarrkirche eine ‚Andacht‘ stattfinden ließ. Ich darf ferner nochmals auf die Entgleisungen des Kreisvikars Demming in seiner Osterpredigt hinweisen, der damals sagte, dass angeblich im Dritten Reich der christlichen Kirche mehr Freiheilt zustande, als früher, dass aber das Gegenteil eingetreten sei und man heute mit Lug und Trug und Verleumdung arbeite. Und schließlich darf ich auch nochmals den Pater Manfred Pantenburg erwähnen, dem wegen seiner üblen Ausfälle gegen den Staat und die Bewegung ein Predigtverbot auferlegt werden musste.

Neben diesen Reden haben dann such der bekannte Osterhirtenbrief sowie der Hirtenbrief der letzten Bischofs-Konferenz in Fulda, die den Gläubigen vor der Kirche und auch in der Kirche übergeben worden sind, das Ihrige zu der schlechten Abstimmung am 19. August beigetragen.

Wie in der katholischen Kirche, so spielt weiterhin in der evangelischen Kirche, wenn auch nicht in demselben Ausmaße, der Kirchenstreit eine nicht unbedeutende Rolle. Das ist in der rein evangelischen Gemeinde Schale in erschreckender Weise zutage getreten. Denn hier betrug der Prozentsatz der Ja-Stimmen zu den abgegebenen Stimmen nur 70. Als der Pastor Fransing am 20. März ds. Jrs. gestorben war, wurde ein Hilfsprediger eingesetzt, der sich bald einer ungewöhnlich großen Beliebtheit erfreute und in fast der ganzen Gemeinde größtes Vertrauen genoss. Plötzlich wurde er vom Konsistorium abberufen, wie man annahm, auf Veranlassung der wenigen ‚Deutschen Christen‘, die den ‚bekennt nistreuen‘ Hilfsprediger durch einen Pfarrer der Deutschen Christen ersetzt wissen wollten. Das wollte die Gemeinde sich nicht gefallen lassen. Sie lehnte es ab, von den 7 bis 8 Deutschen Christen bestimmen zu lassen, welcher Pfarrer dort angestellt werden solle. Und diese Ablehnung ist zu einem nicht geringen Teile durch die Abgabe einer großen Zahl Nein-Stimmen zum Ausdruck gebracht werden.

In dritter Linie hat die Abstimmung am 19. August auch noch die Unzufriedenheit der Landwirte mit dem Erbhofgesetz und der Art der Bewirtschaftung der Milch und sonstigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse ungünstig beeinflusst. Jedenfalls kann man in fast allen Gemeinden des Kreises solche Unzufriedenheit immer wieder feststellen. Es erscheint ungeheuer schwierig, den Leuten das nötige Verständnis für die Maßnahmen man der Regierung beizubringen. Dazu ist, worauf hingewiesen werden muss, auch der Kreisbauernführer Lindhorst, wohnhaft in Schale, wegen seines geringen Ansehens in der bäuerlichen Bevölkerung durchaus ungeeignet.

Zum Vierten muss man das schlechte Abstimmungsergebnis überhaupt (von den 21 Gemeinden des Kreises haben nur 5 den Reichsdurchschnitt erreicht) auf die Missstimmung der Bevölkerung gegenüber so vielen örtlichen Führern der NSDAP, zurückführen:

1. Der erste Kreisleiter der NS.-Hago, Jahns, ein wegen Unterschlagung und Sittlichkeitsverbrechen vorbestrafter Mann, Hess sich als Leiter der NS.-Hago weitere Unterschlagungen zuschulden kommen, wegen deren er mit einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und einem Monat bedacht worden ist.

2. Die Kreisleiter der NSBO, Hageböok, und der Amtsleiter Hecker sind ebenfalls wegen Unterschlagungen in Untersuchungshaft genommen, ohne dass bisher eine Aburteilung durch das Gericht stattgefunden hätte.

3. Der Jetzige Kreisleiter der NS.-Hago wird wegen seiner mangelhaften fachlichen Kenntnisse und seiner Jugend von den Kaufmannskreisen völlig abgelehnt. Man sagt ihm auch nach, dass er früher als Unterbannführer der Hitlerjugend infolge Unregelmäßigkeiten bei der Geldabrechnung seines Dienstes enthoben sei. Der damalige Vorgesetzte hat das vor der Front der Hitlerjugend, also in aller Öffentlichkeit, zum Ausdruck gebracht.

4. Der Kreisamtsleiter der NSV., Amelung, gibt der Bevölkerung immer wieder wagen seines taktlosen Auftretens in Versammlungen und wegen seiner ungeschickten Presseartikel Veranlassung zu Missstimmungen. ‚Dar Mann schlägt‘, so berichtet der Ehrenbürgermeister zu Lienen mir, ‚in einer Versammlung mehr kaputt, als um ganzen Winter wieder gut gemacht werden kann.‘ Das ist sicher nicht zu viel gesagt. Denn Amelung handelt, wie er einer der Kreisfürsorgerinnen mitgeteilt hat, nach dem Leitsatz: ‚1% Wissen, 99 % Frechheit!‘ Bei der allgemeinen Abneigung gegen Amelung muss man die größte Sorge für das Gelingen des Winterhilfswerks haben. Nicht mit Unrecht werden in der Bevölkerung auch wohl die starke Besetzung des NSV.-Büros, sowie die Autofahrten des Amelung bemängelt. Der Glaube ist nicht auszurotten, dass Amelung für seinen Geschäftsbetrieb Sammelbeträge benutzt, die auf diese Weise ihrem Bestimmungszwecke vor enthalten werden.

5. Auch in Mettingen und Recke ist man gegen den örtlichen Führer der NSDAP, eingestellt. Diesen beiden Personen wird es nach meinen Beobachtungen niemals gelingen, das nötige Vertrauen der Bevölkerung zu erwerben.

6. In der Gemeinde Halverde, in der mehr Nein- als Ja-Stimmen abgegeben worden sind, werden laut Bericht des Bürgermeisters sowohl der Gemeindeschulze, wie auch der Stützpunktleiter und der Ortsbauernführer abgelehnt. Ob das mit Recht geschieht, vermag ich nicht zu beurteilen.

7. Sehr unglücklich liegen die Verhältnisse in der Gemeinde Brochterbeck, in der der Prozentsatz der Ja-Stimmen nur 68,8 betrug. Hier steht hinter dem Ortsgruppenführer der NSDAP, den ich auf Vorschlag der Partei auch kürzlich zum Dorfschulzen berufen habe, nur ein ganz geringer Teil der Bevölkerung. Man wirft ihm in der vorwiegend katholischen Gemeinde seine ablehnende Haltung gegenüber dem Katholizismus und sein schroffes Auftreten vor. Gleich ihm werden auch dem Kulturfachberater, Lehrer Kaul, seine scharfen Angriffe gegenüber den Katholiken verdacht. Weiterhin besteht in der Gemeinde ein grösser Unwille darüber, dass der Leiter der NSBO, ein früherer Kommunist und in nicht besonderem Rufe stehender Mann, namens Aron, trotz der Einwendungen von Angehörigen der NSBO, als Führer bestätigt worden Ist, Und schließlich handelt es sich bei dem Ortsbauernführer Berkemeyer um einen tief in Schulden steckender, Mann, über welchen abfällige Kritik geübt wird.

8. Eine ganz bedenkliche Rolle spielen die SS.-Führer Scheidt und Ehlers in Ibbenbüren. Ihre immer sich wiederholenden Übergriffe und Ausschreitungen haben in der Bevölkerung große Verbitterung hervorgerufen. Man beklagt sich darüber, dass auf die Anzeigen einzelner Bürger hin keine gerichtliche Entscheidung gefällt ist. Und man versteht es auch nicht, dass die Anzeigenden trotz der Schwere der Fälle, weil angeblich öffentliches Interesse fehlt, auf den Privatklageweg verwiesen werden. Allgemein ist man der Meinung, dass die erwähnten SS.-Führer jederzeit gedeckt werden. Die Strafakten sind vor einiger Zeit mal nach dort zur Einsichtnahme übersandt worden und befinden sich meines Wissens jetzt bei der Staatsanwaltschaft in Münster. Es wird die allerhöchste Zeit, dass solchen Raufbolden, wie es die beiden erwähnten SS.-Führer sind, endlich einmal das Handwerk gelegt wird. Die Bevölkerung lässt sich auf die Dauer solche Leute nicht gefallen und hat nicht das geringste Verständnis dafür, dass Ehlers Amtsbeigeordneter des Amtes Ibbenbüren und Scheidt Schöffe der Stadt Ibbenbüren ist. Vom Kreisleiter Knolle und der 19. SS.-Standarte ist mir kürzlich auch noch zugemutet worden, den Scheidt zum Gemeindeschulzen der Stadt Ibbenbüren zu berufen.

Sieht man so die geschlossene Front der anständigen Bevölkerung gegenüber den vorstehend geschilderten und weiteren hier noch nicht erwähnten Personen und beobachtet man weiterhin die Gleichgültigkeit der hiesigen Kreisleitung der N.S.D.A.P. gegenüber der Stimmung der Bevölkerung, so kann man nur mit ernster Sorge über die weitere Entwicklung der Dinge erfüllt werden. Pflichtgemäß mache ich auch jetzt wieder auf die Missstände aufmerksam, wie ich es in meinen Lageberichten bisher getan habe und weiterhin tun werde, bis Abhülfe geschaffen ist. Eile ist geboten, will man nicht auf die Mitarbeit weiter Bevölkerungskreise verzichten, die von Verehrung für Adolf Hitler erfüllt sind und bestimmt nicht zu seinen schlechtesten Anhängern gehören, die sich auf der anderen Seite aber das Regiment einiger weniger Leute mit Gepflogenheiten, wie die geschilderten, auf die Dauer nicht gefallen lassen wollen.“

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