Der Landrat berichtet aus Tecklenburg
Am 2. August 1934 überreicht der Landrat des Kreises Tecklenburg seinen Lagebericht zur politischen Lage im Juli 1934 an den Regierungspräsidenten in Münster. Hierin heißt es:
„3. Kirchliche Politik.
a) evangelische Kirche.
Die Bekenntniskirche hat zweifellos an Anhängern gewonnen. Das ist nicht zuletzt auf den starken konservativen Sinn der evangelischen Bevölkerung und die Leitung durch hervorragend tüchtige und ln hoher Achtung stehende Geistliche zurückzuführen. Sicherlich machen manche reaktionär eingestellte evangelische Christen aus der Not eine Tugend und glauben, in der Bekenntniskirche einen Resonanzboden für ihre staatsunfreundlichen Betrachtungen zu finden.
Ich glaube aber nicht, dass die Ziffer so groß ist, dass Anlass zur Sorge bestände. Die weitaus meisten Angehörigen der Bekenntniskirche, auch die Geistlichen halten treu zu Adolf Hitler und seinem Staate. Alle sind aber auch von unbedingter Zuversicht in den Sieg ihrer Sache erfüllt. Darum hat auch nach meinen Beobachtungen das Verbot öffentlicher kirchlicher Angelegenheiten keine Niedergeschlagenheit unter den Geistlichen ausgelöst.
Die deutschen Christen haben keinen Boden gewonnen, eher sind sie zurückgegangen. Eine starke Ablehnung konnte bei der Einführung des den deutschen Christen angehörenden Pfarrers in Lotte festgestellt werden. Zum Festgottesdienst hatte man behufs Füllung der Kirche aus anderen, zum Teil weit abliegenden Gemeinden, Besucher herangeholt. Die Beteiligung aus der Gemeinde Lotte selbst war schwach. Die dadurch zum Ausdruck gebrachte Ablehnung des neuen Pfarrers, der, nebenbei bemerkt, eine ausgezeichnete Predigt hielt, wirkte peinlich.
Ebenso berührte es schmerzlich, dass die Einführung des Pfarrers nicht von dem zuständigen Superintendenten, sondern von einem Konsistorialrat aus Münster vorgenommen wurde, wie auch dem feierlichen Akte ein weiterer fremder Pfarrer und nur ein Pfarrer aus dem hiesigen Kreise beiwohnte. Jeder gläubige evangelische Christ, der es gut mit seiner Kirche meint, sehnt eine baldige Beendigung des unseligen Kirchenstreites herbei.
b) Katholische Kirche.
Die Kämpfe in der katholischen Kirche sind vorwiegend auf die Erhaltung und die öffentliche Betätigung der kath. Standes— und Jugendvereine gerichtet. Die Anordnung über die Behandlung der konfessionellen Vereine vom 28. 6. 1934 hat Klarheit gebracht. Allerdings beklagt man, dass die Verhandlungen des Reichs mit dem Episkopat über die Auswirkung des Konkordats, die nach Pressemeldungen befriedigend ausgefallen sind, sich bisher noch nicht ausgewirkt haben.
Im Übrigen ist die katholische Bevölkerung des Kreises, die 45% der Gesamtbevölkerung beträgt, in weitesten Kreisen, ob Bauer, ob Arbeiter, der Meinung, dass der Staat die katholische Kirche bedrückt. Man versteht nicht, dass der Staat das Recht und die Pflicht hat, unmittelbar die Geistlichen anzufassen, die sich gegen den Staat vergangen haben. "Wir wollen uns nicht vom Staate hineinfunken lassen.”
So muss man bisweilen hören. "Unsere Geistlichen sollen von der geistlichen Obrigkeit und nicht vom Staate zur Rechenschaft gezogen werden, auch wenn sie sich am Staate versündigt haben.” Das ist im Allgemeinen der Eindruck, den man von der Auffassung der katholischen Bevölkerung bekommt. Dieser Eindruck wird bestärkt, wenn man beobachten kann, wie sich die Bevölkerung bei irgendwelchen Maßnahmen gegen Geistliche nur noch stärker auf die Seite der Kirche stellt. Das kam z.B. zum Ausdruck bei den großen Prozessionen des Fronleichnamstages, aber auch bei Wallfahrten. So hatte die Wallfahrt von Laggenbeok nach Hopsten zur St. Annakapelle, bei der sich früher wegen der Länge des Weges und der damit verbundenen Strapazen höchstens 50 Menschen beteiligten, in diesem Jahre einen Zulauf von weit über 300 Menschen. Offen bar wollte man die Opposition damit zum Ausdruck bringen, weil der Pater Manfred Pantenburg aus Anlass der bekannten ungehörigen Bemerkungen gegenüber dem Staate s. Zt. gemaßregelt war.
Muss so von einer gewissen Entfremdung des katholischen Kirchenvolkes gegenüber dem nationalsozialistischen Staate gesprochen werden, so tragt hierzu leider auch nicht selten die ungeschickte Behandlung angesehener Katholiken seitens einzelner Parteiorgane bei. Die bloße Tatsache früherer Zugehörigkeit zum Zentrum genügt für manchen Fanatiker unter den Parteigenossen, diese Katholiken ‚vor den Bauch zu stoßen‘? Wenn irgendwo, so ist das im hiesigen Kreise unangebracht. Denn das Zentrum war dank der geschickten Leitung seiner Führer, auch in den Reihen der Arbeiterschaft durchaus rechts orientiert. Es war alles andere, als marxistisch eingestellt und wurde daher auch von der Sozialdemokratie immer wieder aufs schärfste bekämpft, deren Groll sich gegen die Zentrumskartei richtete, weil diese eine rote Führung in Arbeiterfragen glatt ablehnte. Im Interesse der nationalsozialistischen Bewegung würde es m.E. liegen, wenn man zuverlässige Katholiken, auch wenn sie früher dem Zentrum angehört haben, mehr heranzöge und sie in bescheidener Zahl in die Gemeinderäte, bezw. den Kreisrat beriefe. Nur wenn ihnen bestimmte Tatsachen nachgewiesen werden können, aus denen auf eine dem Staate unfreundliche Gesinnung geschlossen werden muss, sollte man auf die Mitarbeit früherer Zentrumsleute verzichten. Solche Tatsachen habe ich aber trotz wiederholter Bemühungen nicht feststeilen können. Meistens spielen persönliche Abneigungen, Minderwertigkeitskomplexe, örtlicher Plunder und ähnliche Dinge eine nur zu verhängnisvolle Rolle.
Wenn sich die P.O. nach dieser Richtung nicht umstellt, werden Fehler zu beklagen sein, auf die unter ähnlichen Verhältnissen vor 100 und mehr Jahren die damaligen Oberpräsidenten Freiherr vom Stein und Freiherr Vincke nur zu oft aufmerksam gemacht haben; leider ohne bei der Preußischen Regierung das nötige Verständnis gefunden zu haben, die bei der Verwaltung des Landes bekanntlich eine Heranziehung auch zuverlässiger Katholiken ablehnte, o) die deutsche Glaubensbewegung ist nach meinen Beobachtungen nur schwach im Kreise vertreten. Sie wird von dem Kirchenvolk beider Konfessionen auf das Schärfste abgelehnt.
Zur Frage der Kirchenpolitik muss auch wegen des Einflusses der Geistlichkeit auf die Schuljugend deren Organisation in der Hitlerjugend gerechnet werden. In den einzelnen Amtsbezirken des hiesigen Kreises ist nun der Zusammenschluss der Schuljugend in der Hitlerjugend recht verschiedenartig.
Am besten ist er in dem fast rein evangelischen Amtsbezirk Westercappeln, wo 95% der Knaben und 74% der Mädchen organisiert sind. Es folgt der Amtsbezirk Lotte, ebenfalls rein evangelisch mit 82%.
Der Amtsbezirk Tecklenburg ist mit den Gemeinden Tecklenburg, Ledde, Leeden rein evangelisch, während die Gemeinde Brochterbeck zum größten Teile katholisch ist. Im Amtsbezirk sind 79,5% der evangelischen Schulkinder der Hitlerjugend angeschlossen, von den katholischen Schulkindern der Gemeinde Brochterbeck dagegen nur 10%. In der rein evangelischen Gemeinde Amt Ladbergen, das in Personal-Union mit Tecklenburg steht, sind nur 21% Schulkinder der Hitlerjugend angeschlossen.
Nach dem Amtsbezirk Tecklenburg folgt das Amt Lienen, rein evangelisch, wo 68% der Schuljugend organisiert ist.
Im Amtsbezirk Lengerich, der ganz vorwiegend evangelisch ist, sind bei 710 evangelischen und 36 katholischen Kindern 44% evangelische und 47% katholische Jungen im Jungvolk, während zu den evangelischen Jungmädeln 29% und zu den katholischen Jungmädeln 43% der weiblichen Schuljugend gehören.
Der Amtsbezirk Ibbenbüren weist von den katholischen Schulkindern nur 19,4% von den evangelischen Schulkindern dagegen 52,6% in der Hitlerjugend auf. Im Amtsbezirk Mettingen sind nur 21,2% Schulkinder organisiert, der Amtsbezirk wird bewohnt von rd 8.000 Katholiken und 1.860 Evangelischen.
Der .Amtsbezirk Hopsten enthält die rein katholischen Dörfer Hopsten und Halverde und das rein evangelische Dorf Schale. In Hopsten sind 37,2% der Knaben und 8,7% der Mädchen in der Hitlerjugend, während in Halverde nur 7,8% der männlichen Schuljugend organisiert sind. Auch in dem evangelischen Schale fehlt die Einrichtung der Jungmädel; dagegen sind 48% der Knaben beim Jungvolk.
Amtsbezirk Riesenbeck befinden sich 94% der evangelischen Schuljugend und 60% der katholischen Schuljugend im Jungvolk, während 79% der evangelischen Mädel und nur 16% der katholischen Mädel der Hitlerjugend angehören. (…)
5. Kulturpolitik (Presse)
Die hiesige Presse ist bemüht, das nationalsozialistische Gedankengut zu verbreiten und im Staatsinteresse zu arbeiten. Sie befleißigt sich einer anständigen Tonart und wird an Abonnenten nicht verloren haben. Dem gegenüber findet die National-Zeitung nicht die wünschenswerte Verbreitung. Das liegt in erster Linie daran, dass die die Bevölkerung interessierenden Lokalnachrichten spärlich erscheinen und vor allen Dingen auch zu spät kommen. Ferner ist die Zeitung gegenüber den hiesigen Zeitungen zu teuer. Wünschenswert wäre es, wenn die National-Zeitung die Bevölkerung auch über die Verwaltung besser unterrichtete. Sie bringt aber beispielsweise die Berichte über Versammlungen der Ortsbehörden, die ich ihr sehr ausführlich zugehen lasse, nur sehr auszugsweise und in einer Form, dass der Zweck, die Bevölkerung über die Tätigkeit der Verwaltung zu unterrichten, nicht erfüllt wird. Darin sind ihr die hiesigen Zeitungen über.
Die katholische Kirchengemeinde «Ibbenbüren gibt neuerdings ein Kirchenblatt heraus, das in Rheine für den nördlichen Teil der Diözese erscheint, für dessen erste Seite aber die Ibbenbürener Pfarrgeistlichkeit verantwortlich zeichnet. Neuerdings nimmt die Kirchenzeitung auch Äußerungen politischer Persönlichkeiten und Artikel anderer Zeitungen auf, auch erscheinen eigene politische Abhandlungen.“