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Ereignisse
1943
November

Beschwerde über Lagermannschaftsführer

Im November 1943 beschwert sich ein Schülervater (10 Jahre, 1. Klasse) mehrfach über die Zustände im KLV-Lager „Hotel Steinbock“ bzw. „Steinacher Hof“, in dem Schüler der Helmholtzschule untergebracht sind. Eines der Schreiben ist erhalten, Dort heißt es u.a.:

„Betr. Missstände durch die H.-J.-Führung im K.L.V.-Lager Steinach in Tirol

Nach Rücksprache mit dem Schuldezernenten, Herrn Stadtrat Dr. Schneider bitte ich Sie, von nachstehendem Sachverhalt Kenntnis nehmen zu wollen.

Mein 10-jähriger Sohn, Gerd-Jürgen, Schüler der 1. Klasse der Helmholtzschule, befindet sich seit dem 18. Aug. d. Js. bei derselben in Steinach.

Vor der Verschickung der Kinder wurde den Eltern ausdrücklich erklärt, dass es sich nicht um eine Kinderlandverschickung im bisherigen Sinne handele, d. h. wo die H.-J.-Führung die Oberhand hat, sondern dass es sich um eine Verlegung der ganzen Schule handele, bei der die Schulleitung in der Betreuung der Kinder maßgebend sei. Die Eltern schickten ihre Kinder daher mit Beruhigung und Vertrauen in die Ferne, wo sie nach Angabe der Schulleitung eine zweite Heimat finden sollten.

Die Kinder und damit auch die Eltern wurden jedoch sehr bald enttäuscht da sich die H.-J.-Führung haarsträubende Übergriffe, insbesondere den kleinen Jungen gegenüber, erlaubte, die das Lager bereits in Verruf gebracht haben.

Durch den Lagermannschaftsführer Wahl, der bei einem Luftangriff seine linke Hand verlor, sich aber den Jungen gegenüber als ein im Polenfeldzug verwundeter 23-jähriger Oberleutnant ausgibt, wurden die Kinder gezüchtigt, der Rücken blutig geschlagen, und dergl. Er jagte sie in voller Bekleidung einschl. Schuhzeug in die Sill und schlug sie mit einem Stock auf die Hände, mit denen sie sich krampfhaft anklammerten. Er warf wiederholt seine Pistolentasche den Kindern ins Gesicht, zielte mit der Waffe auf sie, um anschließend Schreckschüsse abzugeben.

Auf Ausmärschen sind Jungen, die Wahl sich aufs Korn genommen hat, verprügelt worden. Unmittelbar vor dem Essen befiehlt W. seiner Mannschaft auf der durch die Kriegseinwirkung stark belebten Hauptstraße „hinlegen“. Sprechen bei Tisch wird mit mittelalterlichem Exerzieren im Schlafanzug vor dem Zubettgehen auf dem Flur bestraft. Das sind Proben der „Betreuung“, unter der die Jüngsten verständlicherweise am meisten leiden. –

Da ich mein Kind nicht in eine Strafanstalt gegeben habe, war ich Ende Oktober persönlich in Steinach, um nach eingehenden Rücksprachen mit dem Hauptlagerleiter, Herrn Dir. Löscher und dem Lagerleiter, Herrn Oberstudienrat Hölscher die Versicherung entgegenzunehmen, dass diese Missstände beseitigt würden.

Dieses ist bis heute noch nicht geschehen. Mein Sohn schreibt mir, dass der Lagermannschaftsführer ihn nunmehr hetzt, wo er kann und versucht, ihn vor der Mannschaft mit der Bemerkung zu blamieren: „da ist B., der Brandbriefe nach Hause schreibt“, was im Übrigen unwahr ist, da er mir diesmal ausdrücklich auf mein Geheiß hin mitteilte, ob sich die Zustände nach meinem Besuch geändert hätten oder nicht. Außerdem droht Wahl die Jungen, sie zu „schlauchen!!!“, sie öfter noch in die Sill und Gschitz zu jagen und auch damit, dass wieder welche verprügelt werden. Wie schon erwähnt, hatte mein Junge vordem nie ein Wort über diese sauberen Zustände geschrieben, vielmehr hatte ich darüber durch Eltern anderer Essener Kinder gehört. Aus Furcht bemerkt er daher auch ganz ausdrücklich, ich möchte niemandem hierüber etwas mitteilen. –

Ich bemerke hierzu ausdrücklichst, dass es sich hier keineswegs nur um meinen Sohn handelt, sondern die Auffassung der Jungen, wie ich sie bei meinem Besuch studieren konnte, ist die, dass sie Freude an der schulischen Betreuung haben, jedoch die H.-J. fürchten und hassen.

Disziplin und Kameradschaft gehören gleichermaßen zur Erziehung der Jugend. Beispiele hierfür sind in anderen Lägern genug gegeben. Da die Schule, wie versprochen, bis heute leider keinen dominierenden Einfluss geltend machen konnte, der Lagermannschaftsführer sich aber verständlicherweise das Vertrauen der Jungen nicht wieder erwerben kann, da er den Beweis vorhandenen Kameradschaftsgefühls nicht erbracht hat, sollte die Möglichkeit bestehen, ihn zu versetzen. –

Ich betrachte meinen heutigen Appell an Sie als letztes Mittel, eine Änderung herbeiführen zu können, die doch nur im allseitigen Interesse liegt.

Hart genug ist es für unsere Kinder, die die unersetzbare seelische Betreuung schon mit Beginn ihres ersten Jugendjahres durch das Elternhaus entbehren müssen. Warum begegnet man diesen Kindern, die ihre Eltern im schwerstmitgenommenen Kriegsgebiet im Arbeitseinsatz wissen, die sich unbeirrt für ihre Lehrer einsetzen, nicht mit Kameradschaftlichkeit? Der Krieg nahm ihnen die Heimat, die Eltern, dafür werden sie bestraft, denn sie empfinden es als Strafe, in Steinach zu sein!

Disziplin und Kameradschaftlichkeit sind die Grundlagen für die Heldentaten unserer Soldaten, der Garant dafür ist unser Führer.

Ich würde es als ganz trauriges Resultat ansehen, wenn ich meinen Sohn aus vorstehend erläuterten Gründen der schulischen Betreuung durch die Helmholtzschule entziehen muss.

Ich empfehle daher meine Ausführungen Ihrer ganz besonderen Aufmerksamkeit und würde es begrüßen, wenn Sie dieselben zum Wohle unserer Jugend verwenden und in Kürze eine Änderung in der H.-J.-Betreuung in Steinach herbeiführen könnten.

Heil Hitler!“

 

Zu diesem Schreiben gab der KLV-Gebietsbeauftragte am 17. Dezember 1943 folgende Stellungnahme ab:

„Lieber Pg. Schönholz!

Ich habe es absichtlich unterlassen, Ihnen irgendwelche Auskünfte über die Zustände in obigem KLV-Lager zu geben.

Doch gegen den letzten Beschwerde-Brief des Johann B. vom 19.11.43 muss ich nun Stellung nehmen.

Ich hatte seinerzeit, bevor die Jungen aus dem Protektorat kamen, das Haus Hotel Steinbock wieder in einem Zustand versetzen lassen, so dass es tatsächlich bewohnbar war. Das Haus wurde vollkommen neu renoviert. Gleich in den ersten Tagen als die neue Lagermannschaft eingezogen war, musste ich feststellen, dass die Disziplin dieser Jungen sehr mangelhaft war. Ich habe sofort den Lagermannschaftsführer Wahl dort eingesetzt und ihm den Auftrag erteilt, er möchte dort Ordnung schaffen. Es dürfte Ihnen sicher bekannt sein, dass die Jungen in Podiebrad nicht gerade eine gute Lagergemeinschaft gebildet haben, wie es eben in einem KLV-Lager sein soll.

Ich gebe zu, dass Wahl sehr streng vorgegangen ist. Doch habe ich 8 Tage später ihm und den Lagerleiter Hölscher mitgeteilt, dass er wieder kameradschaftlicher vorgehen soll, wenn sich die Lagermannschaft wieder disziplinierter zeigt und dies ist auch von Seiten der Lagerführung geschehen.

Wenn nun Herr B. Missstände der HJ-Führung vorwirft, so kann ich nur erwidern, dass der Betreffende überhaupt keinen richtigen Lagereinblick gehabt hat und sich nur lediglich auf den Bericht seines Sohnes stützte.

Ich war neuerdings wieder im Steinbock und habe mit den Jungen selbst gesprochen, worauf sie mir vor dem Hauptlagerleiter Lösch mitteilten, dass in den letzten 4 – 5 Wochen überhaupt keine Strafen in diesem Ausmaß, wie es Vorgenannter schildert, vorgenommen wurden. Vor ca. 4 Wochen wurde einmal ein Ausmarsch durchgeführt, wo sich die Jungen tatsächlich undiszipliniert gegenüber dem Lagermannschaftsführer benommen haben. Der Lagermannschaftsführer hat die Jungen wohl Robben lassen, aber nicht in diesem Ausmaß, wie es der Bericht aufzeigt. Was die Angaben des Jg. B. betreffen gegen den Lagermannschaftsführer Wahl, kann ich nur erwidern, dass diese vollkommen aus der Luft gegriffen sind.

Ich bitte Sie dem betreffenden Herrn mitzuteilen, dass bereits die Jungen von der 1. Klasse in das KLV-Lager 56, Steinacherhof verlegt worden sind. Wie mir der Lagerleiter Hölscher mitteilt, würden die betreffenden Jungen heute wieder gerne in das alte Lager zurückkehren, da sich dort wirklich eine Lagergemeinschaft gebildet hat, die sich sehen lassen kann.

Inzwischen dürfte Ihnen sicher vom Lagerleiter und Hauptlagerleiter ein Bericht zugegangen sein, dass nun in beiden Lagern eine gute und harmonische Zusammenarbeit zwischen Lagermannschaft und Lagerleitung herrscht.

Die Angaben, die von B. gemacht worden sind, dass Lmf. W., der bei einem Luftangriff seine linke Hand verlor, den Jungen gegenüber sich als ein im Polenfeldzug verwundeter 23 jähriger Oberleutnant ausgegeben hat, muss ich als vollkommen unwahr hinstellen. Ebenso entspricht es nicht den Tatsachen, dass er die Jungen gezüchtigt, oder die Rücken blutig geschlagen hätte und dergleichen mehr. Auch ist es unwahr, dass er seine Pistolentasche den Kindern ins Gesicht warf und anschließend Schreckschüsse abgegeben hätte.

Es dürfte Ihnen bekannt sein Pg. Schönholz, dass ich niemals einen Lagermannschaftsführer verteidige, aber wenn solch ein Angriff auf einen Lagermannschaftsführer geschieht, so kann ich als Gebietsbeauftragter dies nicht auf mich ruhen lassen. Ich verlange daher, dem Betreffenden entsprechend darüber zu unterrichten. Ferner steht Ihnen vollkommen offen, dass eine genaue Untersuchung von Seiten der Schulbehörde eingereicht wird. Ich glaube aber, dass auch hierfür niemand für diesen Bericht einstehen wird.

Der betreffende Junge dürfte wohl in seinem Brief an den Vater etwas seelisch deprimiert gewesen sein, anders kann ich mir diesen Fall nicht vorstellen.

Ich bitte daher die betreffenden Eltern davon in Kenntnis zu setzen und ihnen mitzuteilen, dass es ihnen offen steht, selbst einmal das Lager zu besuchen und mit dem Jungen zu sprechen.

Heil Hitler!
(Schatz)
Bannführer“

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