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Ereignisse
1943
November

Die Städtische Mittelschule Essen-Borbeck berichtet aus KLV

Am 19. November 1943 schickt die Städtische Mittelschule Essen-Borbeck folgenden Bericht an die Gauleitung der NSDAP in Essen:

„Die erste Schule Essens, die geschlossen in die KLV gefahren ist, ist die Knaben- und Mädchenmittelschule Essen-Borbeck. Der Hauptteil unserer Schüler und Schülerinnen fuhr zu Anfang des Jahres nach Teplitz ins Protektorat. Der Rest der Knaben kam nach Rüdesheim und der Rest der Mädchen nach Luhatschowitz. Diese Läger blieben bestehen bis zum Herbst. Nun sind wir aber eine geschlossene Anstalt. Viele Schüler und Schülerinnen sind Geschwister oder sonstwie verwandt. Viele Lehrerinnen unterrichten in Jungenklassen, weil acht Lehrer zum Militärdienst eingezogen worden sind. Deshalb habe ich beim Gau Essen dahin gewirkt, nach Teplitz verlegt zu werden. Dadurch war die schulische Betreuung der Schüler und Schülerinnen bedeutend besser gewährleistet und eine ideale Lagergemeinschaft gebildet worden, die alle befriedigte, was mir auch von der Elternschaft restlos bestätigt wurde. Sehr viele Schüler hatten sich Skier gekauft und warteten sehnsüchtig auf den ersten Schnee in Teplitz.

Am Dienstag, dem 9. November, bekam unser Lagerleiter in Teplitz, Herr Mittelschullehrer Müller, von dem Bannbeauftragten, Herrn Rektor Bröer aus Hamburg, die Nachricht, dass die Jungen der Mittelschule nach Königgrätz verlegt würden, und zwar sollten die ersten Schüler schon am Freitag derselben Woche, also am 12. November, drei Tage nach der Mitteilung, fahren, da Hamburger Kinder dann einziehen sollten. Herr Müller setzte sich sofort auf die Bahn und suchte mich, der ich auf einer Dienstreise nach Teplitz zurückkehrte, in Prag auf. Wir gingen beide zum Oberbannführer Keßler. Weil wir ihn nicht sofort sprechen konnten, begaben wir uns zum Schulinspekteur Feuerring, von dem wir erfuhren, dass der Beschluss, die Jungen der Mittelschule zu verlegen, dem Bannbeauftragten, Herrn Rektor Bröer, schon vor zehn Tagen bekannt war, und wovon er mir und Herrn Müller bei einem Besuch bei ihm in Teplitz nichts erwähnt hatte. Dies haben wir auch am Nachmittag dem Oberbannführer, Herrn Keßler, vorgehalten. Für die Verlegung wollte Herr Keßler schulische Gründe anführen. Dann hätte man doch nicht nötig gehabt, uns mit der Verlegung zu überrumpeln! Es wäre doch richtiger gewesen, man hätte sich vorher mit der Lagerleitung in Teplitz in Verbindung gesetzt. Man kann doch Schüler nicht verschicken, wie man etwa Kartoffeln verfrachtet. Durch die Trennung wird die Klasse I, die aus 14 Jungen und 13 Mädchen besteht, gespalten und beansprucht eine weitere Lehrkraft. Wie ich oben anführte, sind viele der Schüler und Schülerinnen Geschwister, weshalb sie gerade in der Fremde nicht gern getrennt zu werden wünschen. Bemerken muß ich noch, dass Herrn Keßler vollauf die Gründe bekannt waren, die gegen die Auseinanderreißung der Mittelschule sprechen.

Die Verlegung hat auch unter der Elternschaft eine große Beunruhigung hervorgerufen. Die Eltern sind bei mir vorstellig geworden und drohen, ihre Kinder und besonders die Vierzehnjährigen von der Schule zu nehmen. Da ich auf diese Dinge im Protektorat leider keinen Einfluss habe, bitte ich Sie, noch zu retten, was zu retten ist, und zu veranlassen, dass die Mädchen, die man wahrscheinlich auch noch an einen anderen Ort verlegen will, jetzt sobald wie möglich in Schwaben ein Lager bekommen, um auf diese Weise eine nochmalige spätere Verlegung zu vermeiden. Dies würde auch ungemein beruhigend auf die Elternschaft wirken. Auch glaube ich, dass unsere Belange in Schwaben besser gewahrt sind als drüben im Protektorat. Sollte sich mein Vorschlag aber nicht verwirklichen lassen, dann kommt nur eine Wiedervereinigung der beiden Abteilungen Jungen und Mädchen in Frage.“

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