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Ereignisse
1934
Januar

CVJM-Jungvolk in Remscheid wehrt sich gegen Eingliederung

Das Jungvolk des CVJM Remscheid gibt eine eigene hektographierte Zeitung heraus, die von den Mitgliedern sonntags verteilt wird. Das Blatt, von den Jungen in Eigenarbeit geschrieben und hergestellt, zeigt, wie 1933/34 an der Basis die Entscheidungen der Kirchenleitung zur Zukunft der evangelischen Jugendvereine bewertet wird.

Dabei nehmen die Herausgeber unter Federführung des 22-jährigen Facharbeiters Rudolf Rötzel kein Blatt vor den Mund. Ihren Höhepunkt erreicht ihre kritische Berichterstattung mit der Nr. 27, die im Januar 1934 erscheint. Hier gehen sie in einer solch ungeschminkten Weise mit der eigenmächtigen Eingliederung der evangelischen Jugend durch Reichsbischof Müller und dem Wortbruch der HJ ins Gericht, dass die evangelische Kirche in Remscheid - wie der örtliche Pfarrer Dr. Kertz am 19. Januar 1934 dem Westbund-Bundeswart Juhl berichtet - in eine äußerst „peinliche Lage“ gerät.

Kertz schreibt: „Unser [CVJM-] Jungvolk hat mit seinem Blatt wieder einmal Unheil angerichtet, diesmal aber ganz schlimmes, sodass bereits Polizei und, wie diese mitteilte, auch der Staatsanwalt sich dafür interessiert hat. […] Die Burschen haben wieder total eigenmächtig gehandelt. Leider müssen wir alle unter den Folgen leiden.“

Das Blatt sei zuvor, so Kertz weiter, vom Vorsitzenden des CVJM kurz begutachtet und dann für die Veröffentlichung freigegeben worden. Dass er dies, trotz Bedenkens hinsichtlich des scharfen Tons, tat, lag nicht zuletzt daran, dass man die Schrift als Reaktion auf die ebenso „kämpferische“ HJ-Zeitschrift „Die Fanfare“ auswies und auf die „derbe Sprache“ des Stadtteils „Honsberg, dem Stadtteil, in dem die Zeitschrift erscheint, verwies. Beide Einwände vermögen es aber nicht, Kertz zu überzeugen, dem vor allem der „Ton“ missfällt: „Alles, was drin steht, kann man sagen, und auf dem Honsberg sicher in dieser Tonart, aber geschrieben, wo anders gelesen, muss es missverstanden werden.“

Die Orientierung an der Schreibweise der „Fanfare“ hält er denn auch für völlig unangemessen: „Dass aber für einen Christen eine solche Kampfesweise nicht angeht, hatten sie überhaupt nicht begriffen, ganz abgesehen von der Gefahr, in die sie sich begeben dem Staate gegenüber.“

Die Verbitterung der Angehörigen des CVJM-Jungvolks kann Kertz indes gut nachvollziehen: „In der letzten oder vorletzten Nummer brachten sie noch in ehrlicher Begeisterung den Aufruf des Reichsbischofs zur Erhaltung der Evangelischen Jugend und alle seine schönen Zusicherungen, und nun sind sie die Enttäuschten und maßlos Erbitterten. Man sollte wirklich das Blatt einmal Jugendpfarrer Zahn schicken, damit er sieht, wie an der Front unserer einfachen kämpfenden Jugend die Handlungsweise in Berlin als Verrat empfunden wird.“

Empört ist der Pfarrer, dass die Deutschen Christen in der Gemeinde den Skandal zum Anlass nehmen, den CVJM zu desavouieren: „Die DC haben nun sich mit Wonne auf dieses Blättchen gestürzt, haben nicht nur sämtlichen Behörden es unterbreitet, sondern auch in der größeren Gemeindevertretung und gestern auch in einer öffentlichen Kundgebung mit wahrer Wollust daraus vorgelesen. So kann es sehr gut sein, dass auch irgendwie beim Bund Beschwerden oder Anfragen kommen.“

Seinem Schreiben legt Kertz die beanstandete Nr. 27 der Remscheider CVJM-Zeitschrift von Januar 1934 bei, ein hektographiertes Blatt, das auf dem Titel die Worte „CVJM Jungvolk Remscheid, Das Remscheider Jungenblatt“ trägt. Direkt auf der ersten Seite wird darin kritisch Stellung zu der Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ genommen und die Ablehnung der Eingliederung durch die evangelische Führerschaft frenetisch begrüßt:

„Was war das doch für eine Begeisterung auf dem Appell am Heiligen Abend, als wir erfuhren, dass die Zeitungsnachrichten ja nur zum Teil stimmten! Dass von einer freudigen Eingliederung in die Hitlerjugend ja gar nicht die Rede sein kann! Dass unsere Evangelische Führerschaft die Eingliederung in die HJ geschlossen abgelehnt hat. Die aufrichtige Freude über diese Einigkeit, die sich in brausendes Beifallklatschen auslöste, wollte gar kein Ende nehmen! (Huuuhhhhh, seid ihr aber reaktionär!) Nein! Nicht reaktionär, sondern revolutionär! Baldur von Schirach erklärte: ‚Die Hitlerjugend bleibt revolutionär’ Das gleiche Recht nehmen wir für uns in Anspruch.“

Kritisch wird auch die Amtsenthebung Stanges beurteilt. Der Vorwurf, Stange habe versucht, „die von Adolf Hitler gewünschte Einigung der deutschen Jugend zu sabotieren“, sei eine Lüge, und man lasse es nicht zu, dass die „Ehre“ Stanges „besudelt“ werde.

Auch das Verhalten der HJ wird scharf gerügt: Die evangelische Jugend sei jederzeit bereit gewesen, in ein „kameradschaftliches Verhältnis zur HJ“ einzutreten, doch habe man dies mit „Fußtritten quittiert“: „Man braucht ja nur die ‚Fanfare’ zur Hand zu nehmen, um zu wissen, was los ist.“ Immer wieder sei ihnen der Vorwurf gemacht worden, „auch-national“ und „auch-sozial“ zu sein, doch wenn man frage, wer „Auch-Christen“ seien, werde gleich „Gift und Galle“ gespuckt.

Die konfessionellen Bünde würden noch gebraucht, die Forderung nach einem „Jungenleben“ ohne „konfessionelle Tendenzen“ sei irrig. Jesus Christus könne eben nicht „bei jeder Stunde der HJ“ dabei sein, und daher könne es in der HJ auch kein CVJM-Jungvolk geben.

Doch nicht nur in religiöser, auch und besonders in moralischer Hinsicht wird der HJ die Eignung als Institution der Jugenderziehung abgesprochen. Dabei ist interessant zu sehen, dass die HJ offenbar als Organisation angesehen wird, in der „gemeine Witze“ erzählt werden und in der sexuelle Bedürfnisse und Kontakte in gewisser Hinsicht ausgelebt werden können oder zumindest nicht tabuisiert werden, während sich der CVJM als Organisation präsentiert, die die „Reinheit“ des „deutschen Jungen“ als eine ihrer Erziehungsaufgaben ansieht und den Jugendlichen dabei helfen möchte, das als Problem begriffene Erwachen sexueller Bedürfnisse zu lösen:

„Wenn ich dir jetzt gegenüber stehen würde – Auge in Auge – und würde dich mal fragen: ‚Sag mal, wie ist es mit deiner Jungennot? Mit deiner Not, die du Tag für Tag – Stunde für Stunde mit dir herumträgst? Wenn du ein aufrichtiger Kerl bist, wirst du mir das zugeben müssen. Und wenn du ein anständiger Kerl bist, so hast du deinen Kampf schon damit aufgenommen.
Diese Not, dieser Kampf um deine Reinheit – Bist du Sieger geworden? Oder willst du einen geschwächten, geschändeten Leib deinem Vaterland auf den Altar legen?
Hat dich dein Führer in der HJ auch schon mal in solch einer Stunde des Alleinseins danach gefragt? Oder hast du ihm dieses Vertrauen entgegengebracht? Und hat er dir soweit er konnte geholfen?
Oder hat er über die gemeinen Witze, die irgendeiner gerade über ein Mädchen machte, auch gelacht? Gehört es nicht zum guten Ton in der HJ, wenn man soeben das Alter dafür hat (16 Jahr), ein Mädchen nach Hause bringen zu können?’
Wenn ich dich so fragen würde – Auge in Auge – würdest du nicht schamrot werden und deine Blicke zu Boden senken=? Ja, da hast du recht! Wir sind auch keine Engel. Auch keine Frösche, die kaltes Blut in sich tragen. Und dass wir bloß fiiieeeen, frommm, Mucker usw. sind, behaupten ja schließlich nur noch die ganz dooooven. Ja, das ist es ja gerade, dass wir genau denselben Kampf zu kämpfen haben, wie du und wie jeder echte saubere deutsche Jung. Darum nehmen wir den Kampf um – ja – um ein reines Jungenleben radikal auf. Und darum machen wir die Gemeinheiten nicht mit und schlagen jeden, der uns mit seinen faulen Witzen belästigt, auf sein schändliches Maul! Das ist keine Freude, keine reine Freude, die von Dauer ist. Richtig freuen würdest du dich auch erst, wenn du ganz frei von allen Lastern, die auch ein junger Mensch wie du bist hat, wärest.“

Da der HJ damit die Eignung abgesprochen wird, die Jugendlichen in moralisch einwandfreier Form und in religiöser Hinsicht zu erziehen, werden sogar die Mitglieder der HJ aufgefordert, sich dem CVJM anzuschließen: Wenn sich in der HJ niemand finden ließe, um über die „Not“ [gemeint sind hier wohl die sexuellen Bedürfnisse] zu reden, und dann der Weg zum CVJM führe, „so brauchst du dich dessen nicht zu schämen, weil du vielleicht nur ein Hitlerjunge bist mit deinem schlichten Braunhemd. […] Als Kamerad bist du uns mit deinem Braunhemd willkommen, wenn du mit uns den Kampf aufnimmst für Freiheit und Reinheit unseres Jungenlebens.“

Nur der Religion wird die Kraft beigemessen, die sexuelle „Not“ zu überwinden: „Der Herr Jesus Christus hat mich frei gemacht! Ja! Wirklich frei gemacht! Und deshalb froh gemacht!“ Und daher könne sich der CVJM auch nicht in dem von Schirach und Müller gewünschten Sinne eingliedern.

Um die Kritik an der Eingliederung weiter zu untermauern, werden verschiedene Beispiele von Unmutsbekundungen angeführt, so ein Brief des bayerischen Bischofs Meiser vom 31. Dezember 1933 an Reichsbischof Müller, in dem der Eingliederungsvertrag als „ungültig“ bezeichnet wird, da er „gegen den Willen der Landeskirchenführer“ abgeschlossen worden sei, und die Absetzung des Generalsuperintendenten der rheinischen Kirchenprovinz, Stoltenhoff, wegen dessen Mitteilung an Müller, dass er die Einordnung des Evangelischen Jugendwerkes in die HJ nicht unterstützen könne. Zudem wird aus einem Brief des Führerrates und Rings der Ämter im Evangelischen Jugendwerk Deutschlands an Reichsbischof Müller zitiert, in dem der Eingliederungsvertrag als rechtsunwirksam bezeichnet wird:

„Als am 19. Dezember 1933 von Ihnen, Herr Reichsbischof, dem Führerrat die Absicht bekanntgegeben wurde, den Vertrag trotz aller Vorstellungen zu unterschreiben, hat Ihnen das Evangelische Jugendwerk pflichtgemäß die Befehlsgewalt entzogen. Sie haben den Vertag dennoch unterzeichnet. Wir stellen ausdrücklich fest, dass Sie dazu selbst im Rahmen der Ihnen übertragenen Befehlsgewalt in keiner Weise berechtigt waren und dass Ihnen darüber hinaus diese Befehlsgewalt ausdrücklich entzogen war.
Der Vertrag vom 19. Dezember 1933 ist daher nicht vom Evangelischen Jugendwerk in seinen verfassungsmäßigen Organen getätigt worden und entbehrt der Rechtswirksamkeit für alle Verbände des Jugendwerkes.
Wir stellen mit Bedauern fest, dass Sie nicht einen Weg gefunden haben, um den auf Grund seiner Verantwortung für das Jugendwerk handelnden Reichsführer D. Stange vor der öffentlichen Diffamierung zu schützen. Es entsteht schwerster Schaden für das Ansehen der Kirche in aller Welt durch die Diffamierung des Generalsekretärs des ökumenischen Rates, und wir müssen dringend fordern, dass auch von ihrer Seite alles getan wird, um diese öffentliche Diffamierung wiedergutzumachen.
Wir sind heute wie je bereit, durch unsere verfassungsmäßigen Organe Vereinbarungen mit dem Staat zu treffen, die die Erfüllung der Forderungen des Staates hinsichtlich der Erziehung deutscher Jugend in SA-sportlicher und staatspolitischer Beziehung sichern.“

Zudem werden in der Zeitschrift zwei bündische Lieder abgedruckt, die die kämpferische Haltung des CVJM und dessen Willen, für die eigene Überzeugung einzutreten, untermauern. Zum einen ein Lied der dj.1.11 – und damit eines elitären und seitens des NS angefeindeten Jungenbundes – mit dem Titel „Die Seidenfahne“ („Hurra hoch das Regiment“) und zum anderen das Lied „Fähnrich, fasse fest den Speer“, das u.a. in dem bündischen Liederbuch „St. Georg“ abgedruckt ist.

Die beiden ersten Strophen der „Seidenfahne“, hier umgetextet auf die evangelische Jugend („weißes Kreuz“ statt „grauer Falk“, lauten:

„Hurra hoch
das Regiment!
ei mit der Fahne
mit der Seidenfahne
weißes Kreuz
auf schwarzem Feld
ein Tuch von dem
kein Soldat sich trennt.

Was du sagst
das wird getan
Kornett, ach sieh nur
unsre jungen Reihen
hinter dir
steht Mann für Mann
und es entweicht
keiner deinem Bann.“

Die erste Strophe von „Fähnrich, fasse fest den Speer“ lautet:

„Fähnrich, fasse fest den Speer,
lass im Sturm die Fahne wehen.
Nie wird unser Volk vergehen,
wenn wir treu zusammenstehen.
Deutschlands Ehr sei unsre Ehr.“

Auf der letzten Seite der Zeitschrift ist dann noch eine Beitrittserklärung für den Förderverein und für den CVJM selbst zum Herausschneiden eingefügt – man wollte den Beitritt ganz offensichtlich so einfach wie möglich gestalten.

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