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Ereignisse
1934
Juni

Zerwürfnis zwischen Heimschule und HJ

Nachdem seit dem Eintritt der Schüler ins Jungvolk die Zusammenarbeit zunächst reibungslos verlaufen ist, ziehen im Verhältnis zwischen der katholischen Heimschule St. Michael und der HJ bald dunkle Wolken auf. Als die einzelnen Klassen der Schule die Pfingstferien zu Fahrten in die Umgebung nutzen, gerät die Quinta, die eine Eifelfahrt unternimmt, in Konflikt mit der dortigen lokalen HJ, die ihr bei einem Zusammenstoß Wimpel und Banner beschlagnahmt. Hätte man hierüber vielleicht noch hinwegsehen können, so wiegt das am 8. Juni 1934 von der Polizei Königswinter verfügte Verbot der Heimtracht für das Selbstverständnis der Heimschule und von deren Schülern weitaus schwerer.

Der Schulleiter schreibt empört an Gebietsführer Wallwey:

„In Jungvolksache erlaube ich mir Ihnen nachstehende Mitteilung zu machen.

Offenbar sind die zwischen und bei Ihrem Besuch am 16. Januar besprochenen und von mir in einem Schrieben vom 31. Januar an Sie betätigten Vereinbarungen bzgl. des Eintritts der gesamten Schülerschaft der Schule St. Michael in das Deutsche Jungvolk den nachgeordneten Stellen nicht bekannt geworden, obwohl ich in dem gleichen Schreiben höflich darum ersucht habe. Um weitere unliebsame Differenzen zu vermeiden, bitte ich um Ihren möglichst umgehenden Besuch.

Es sind, wie Sie wissen, unter Bezugnahme auf die mit den Dominikanern des St. Josef Kollegs in Vechta getroffene Regelung, folgende Abmachungen vereinbart worden:

1) Eigene Formation unter eigener Führung
2) Vorschlagsrecht des Führers beim Leiter des Hauses
3) Integrität des inneren Betriebes (...)

Im krassen Gegensatz zu diesen Vereinbarungen stehen die Vorgänge, die ich nachstehend zu Ihrer Kenntnis bringe.

In den Pfingstferien haben wir, wie alljährlich, ein Schullager abgehalten. Dieses Schullager sucht man nun zu einem Jungvolklager zu stempeln und uns daraufhin bestimmte Vergehen gegen bestimmte Vorschriften, ja Illoyalität zum Vorwurf zu machen: es sei die deutsche Flagge zugleich mit Hakenkreuzflagge gehisst worden, was verboten sei, es sei ein PX Wimpel im Lager gewesen, es seien im Lager weiße und baue Hemden getragen worden etc.

Kurzum, man sollte fast denken, es gäbe im neuen Staate keine wichtigeren Aufgaben, als sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern. Man hat den Jungzugführer Clemens von K., der völlig unschuldig ist, abgesetzt, ohne übrigens einen anderen einzusetzen und ohne auch mir als Schulleiter auch nur ein Wort der Mitteilung zu machen. Man beabsichtigt, wie mir glaubwürdig versichert wird, einen fremden außenstehenden Jungen als Führer einzusetzen, ja selbst entgegen allen Vereinbarungen unseren Jungenzug aufzulösen und ihn auf des Königswinterer Fähnlein zu verteilen. Im Auftrag des Jungbannführers Hammelbeck, Siegburg, verbietet der Stammführer Löffler, Honnef, das weitere Tragen unserer Heimtracht, widrigenfalls sie den Jungen vom Leibe gerissen wird, wenn sie sich draußen damit sehen lassen. (…)

Die Heimtracht ist keine bündische Tracht, die Schule hat nie einem Bund oder religiösen Vereinen angehört. Sie ist auch keine Uniform im militärischen Sinn, sondern eine Ziviltracht. Sie ist die Tracht einer Schule. (...) Kann dieser Punkt unserer Abmachungen von Eurer Seite nicht eingehalten werden - was sich meiner Erkenntnis entzieht - so muss er ordnungsgemäß rückgängig gemacht werden. Wie können auch auf die Tracht verzichten, ohne dass wir für den Geist des Hauses fürchten müssen. Wir wünschen nicht mit der Staatsautorität in Konflikt zu kommen. (...)

Wir verwahren uns auf das Entschiedenste gegen jede religiös-weltanschauliche Beeinflussung der uns von katholischen Eltern anvertrauten Jugend von dieser Stelle. Die Schule St. Michael würde unter solchen Umständen ebenso geschlossen aus der H.J. austreten, wie sie eingetreten ist, und ich erkläre schon heute, dass ich unsere Jungen nie einem Schulungsführer anvertrauen werde, der neben seiner positiven nationalsozialistischen Gesinnung nicht zugleich den Nachweis seiner absoluten Zuverlässigkeit in Sachen des katholischen Glaubens erbringen kann. Über diesen Punkt werden wir uns also besonders zu unterhalten haben.“

Dem Kölner Generalvikariat gegenüber erläutert Schulleiter Bruder Ansgar Kellermann Diktion und Inhalt seines Briefes an den Gebietsführer:

„Da Schrieben soll dem Streich zuvorkommen. Ich hoffe, dass meine Worte sich gleichweit von Herausforderung und Menschenfurcht fernhalten. In das Schreiben habe ich mehr hineingebracht als notwendig hineingehört, einmal um der anderen Seite zu zeigen, dass wir hier oben ziemlich hellhörig sind, zum anderen um der kirchlichen Behörde eine Unterlage für etwa notwendiges weiteres Vorgehen zu geben. (…) Sie wollen uns niederknüppeln, wir werden sie niederbeten, ohne inzwischen die Hände in den Schoß zu legen."

Auch ein neuerlicher Besuch von Gebietsführer Wallwey auf der Burg am 6. Juli 1934 kann die Risse nicht mehr kitten. Die Schulleitung legt daraufhin die Verantwortung in der „Jungvolksache“ „in die Hände der Eltern zurück, da die beim Eintritt in das Jungvolk vereinbarte Regelung nicht eingehalten wird“. Die zu Ostern 1934 neu in die Heimschule eingetretenen Schüler werden erst gar nicht mehr im Jungvolk angemeldet. - Anfang Oktober 1934 gehören dann von 83 Schüler nur noch 32 dem Jungvolk an.

Gleichzeitig beharrt die Schulleitung darauf, dass die Heimtracht, da sie keine Uniform, sondern eine „Ziviltracht“ sei, weiterhin auch außerhalb der Schule getragen werden dürfe. „Nur muss das öffentliche Auftreten in Formation vermieden werden, um nicht Missverständnisse hervorzurufen.“

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