Bericht zur Wehrerziehung in der HJ
In der März-Ausgabe 1943 der HJ-Zeitschrift „Das junge Deutschland“ berichtet der Inspekteur der HJ-Wehrertüchtigungslager Hein über die vormilitärische Ausbildung der HJ:
„Die Wehrertüchtigung der deutschen Jugend im Kriege beginnt ihre achtjährige Erziehung beim Pimpfen mit Sport, Spiel und Luftgewehrschießen. Sie findet in den Einheiten der 14- bis 18-jährigen Hitler-Jugend ihre jugendgemäße Fortsetzung bei der Geländeausbildung, dem Geländespiel und dem Schießen mit dem Kleinkalibergewehr. Ihre Neigungen entsprechend kann die Jugend in diesem Alter in den Sondereinheiten der Nachrichten-, Marine-, Flieger- und Motor-HJ eine besondere technische Ausbildung erhalten. Nach dem Willen des Führers erreicht die Wehrertüchtigung des ältesten Jahrganges der Hitler-Jugend in den Wehrertüchtigungslagern ihren Höhepunkt und Abschluss. Die Erziehung und Ausbildung, die an dieser Stelle geleistet wird, stärkt die Wehrfreudigkeit und Einsatzbereitschaft der vor dem Wehrdienst stehenden Jahrgänge der Jugend. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit und eine gewisse technische Vorausbildung für den späteren Dienst mit der Waffe werden im Wehrertüchtigungslager gefördert. Die dreiwöchigen Lehrgänge vervollkommnen die schon bisher zielbewusste Entwicklung der soldatischen Anlagen und Kenntnisse. Sie verwerten die Grundsätze und Möglichkeiten der nationalsozialistischen Jugendführung für die Forderungen des totalen Krieges.
Jugendgemäße Ausbildung
In den Wehrertüchtigungslagern wird der Wehrmacht eine frische, aufgeweckte, in technischer Beziehung wohlvorbereitete Jugend gesichert, die dann bei der Truppe zum Rekruten und leistungsfähigen Soldaten heranzubilden ist. Für die soldatische Ausbildung ist das vorbildliche Benehmen im Gelände ebenso wichtig wie die Waffentechnik. Bekanntlich verhilft die Waffe nur zum Erfolg, wenn sie geländemäßig gut eingesetzt wird. Wehrertüchtigung heißt richtiges Bewegen im Gelände, geschärftes Auge und Ohr für alle nur erdenklichen Anforderungen. Das Wehrertüchtigungslager bestärkt dazu die instinktive Verbundenheit der Jugend mit der Natur. Der Junge erkennt das Gelände als Mittel, er wird geländegängig, lernt erteilte Aufträge genau auszuführen und sich gewohnheitsmäßig richtig zu verhalten. Nach sorgfältiger Einzel- und Gemeinschaftsausbildung ist die Geländeübung der Höhepunkt des Wehrertüchtigungslagers, die für die ältesten Jahrgänge der Hitler-Jugend anderen Charakter trägt als das besonders geartete Geländespiel der Jüngeren. Es kann nicht mehr nach Pimpfenart um einen Wimpel gerauft werden, allen Spielen liegt ein Übungszweck zugrunde, der als Wertmesser für die geleistete Ausbildung betrachtet wird. Das Geländespiel im Lager braucht trotzdem nicht ohne Rauferei auszugehen. Kein Spiel wird beendet, ohne daß es zum Nahkampf kam. Würde der Nahkampf nicht stattfinden, verlöre das Spiel für den Jungen an Reiz. Zum Geländespiel treten die Kleinkaliberschießausbildung und die Ausbildung in der ersten Hilfe und Leibesübungen hinzu. Ausßerdem bestehen in den Wehrertüchtigungslagern Scharen mit Sonderausbildung, z.B. im Nachrichten-, Motor- und Flugerkennungsdienst und zur Feldscherausbildung. Die U-Boot-Waffe erhält aus den Marinelagern zur besten Tauglichkeit erzogenen Nachwuchs.
Die jugendgemäße und waffenlose Ausbildung im Ausbildungslehrgang der Hitler-Jugend ist also nicht identisch mit der Aufgabe der Wehrmacht. Das Lager weckt die natürlichen Anlagen, bestärkt die angeborene Geschicklichkeit, härtet für Strapazen, erzieht zur selbständigen Haltung. Die Truppe, die auf dieser Erziehung aufbaut, bildet den Rekruten und Soldaten. Für den Dienst in der Rekrutenzeit ergeben sich durch die jugendgemäße Ausbildung im Wehrertüchtigungslager naturgemäß Entlastungen, die bei den hohen Ansprüchen an die Ausbildung heute wohl zustattenkommen. Was die Truppe bei den neuen Rekruten bereits voraussetzen darf, kann dazu dienen, im pflichtmäßigen Lehrplan die Schulung an neuen Waffen und die Ausbildung nach den Erfahrungen der Front zu verbreitern.
Wer führt die Jungen?
Im Wehrertüchtigungslager wird die Jugend von Führern der Hitler-Jugend geführt. Es sind Offiziere, die sich bei der Wehrmacht oder der Waffen-SS in der Führung von Soldaten bewährt haben. Der Lagerführer trägt die Verantwortung für die gesamte Ausbildung, seine Persönlichkeit verleiht dem Lager den eigentlichen Charakter. Da der größte Teil der Lagerführer aus ehemaligen Bann- oder Stammführern besteht, kann in jeder Beziehung von einer guten Auslese gesprochen werden. Als Unterführer sind dem Lagerführer Feldwebel, Unteroffiziere und gute Mannschaften unterstellt, die die Wehrmacht und Waffen-SS zum Zweck der Ausbildung abkommandieren. Der Auswahl der Ausbilder wird schon bei der Wehrmacht sorgsames Augenmerk gewidmet. Auf einem Einweisungslehrgang, der auf den Ausbildungsschulen der Hitler-Jugend stattfindet, werden die Wehrmachtsausbilder auf die jugendgemäße Ausbildung vorbereitet. Die Persönlichkeit der Ausbilder ist auf die Jugend von größtem und nachhaltigstem Einfluss. Bei vielen aktiven Soldaten glaubt man mit alten HJ-Führern zu arbeiten, so begeistert gehen sie ihrer Arbeit im Lager nach. Für einen geeigneten Ausbilder, der in der waffenlosten Ertüchtigung zum Ziel kommen will, ist es unerlässlich, dass er in der Gedankenwelt der Jungen zu denken und ihre Sprache zu sprechen vermag. Ungezählte Jungen, die indessen Frontbewährung haben, bestätigen heute in begeisterten Briefen, welchen hohen Wert die vorbereitende Ertüchtigung für ihren militärischen Einsatz erlangt hat.
Das gute Lager
Der Aufbau der Wehrertüchtigungslager musste rasch vonstattengehen. In vielen Fällen wurden Unterkünfte des Arbeitsdienstes zur Verfügung gestellt. Die Unterbringung ist lagermäßig hart und zünftig. Das beste Lager nützt aber nichts, wenn dazu das passende Gelände fehlt. In idealen Fällen breitet sich um das Lager gutes Sommer- und Winterausbildungsgelände, das einen langen Anmarschweg erspart und die dadurch gewonnene Zeit der Ausbildung zugutekommen lässt. Schießstand, Sportplatz und nach Möglichkeit Schwimmgelegenheit müssen in unmittelbarer Nähe des Lagers sein. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird auch das Lagerziel, das Leistungsabzeichen der Hitler-Jugend, von den meisten Teilnehmern erreicht. Wehrertüchtigungslager, die als eigene Lager erstellt werden, sehen eine Belegstärke von 480 Jungen und ein gutes Ausbildungsgelände von etwa 250 Hektar vor. Gegenwärtig werden in etwa 160 dreiwöchigen Lagern jeweils 200 Jungen zur vormilitärischen Ertüchtigung erfasst. Das Lager vereinigt Hitlerjungen und Pflicht-Hitler-Jugend, Jugend aus der Stadt und Jugend vom Lande, Schüler und berufstätige Jungen. Die Jugend aus der Stadt erleichtert sich vieles durch gute und bewegliche Aufgeschlossenheit. Die Angehörigen technischer Berufe bringen für die Anforderungen des Lagers oft besonders nützliche Voraussetzungen mit. Der Schüler, der sich den anderen leicht überlegen dünkt, muss bald feststellen, dass der vormilitärische Dienst kein Schulunterricht ist.
Gesundheit und Ernährung
Die Gesundheit der Jungen bildet die Grundlager der Ertüchtigung. Zu Beginn des Lehrganges werden die Teilnehmer vom Lagerarzt untersucht und auch weiterhin laufend überwacht. Für vorübergehende Krankheitsfälle ist das Krankenrevier des Lagers gesundheitsdienstlich versorgt. Soweit es irgend möglich ist, werden in den Lagern Zahnuntersuchungen durchgeführt. Man begnügt sich nicht damit, den Zahnbestand nachzuprüfen und die Abstellung von Schäden zu empfehlen. Die Zähne werden sofort in Ordnung gebracht, damit der Junge in die Wehrmacht mit guten Zähnen einrückt.
Die Ernährung im Wehrertüchtigungslager beruht auf dem Verpflegungssatz der Wehrmacht. Verwaltung und Küche werden von bewährten Verwaltern auf der Hitler-Jugend geführt. Auf eine vorbildliche Ernährung wird schon deshalb Wert gelegt, weil das Lager mit der vormilitärischen Ertüchtigung auch einem Erholungszweck dienen soll. Vor allem der berufstätigen Jugend bietet das Lager einen Ausgleich für ihren heute besonders angestrengten Arbeitseinsatz.
Die Bewährung
Über die Ergebnisse der Wehrertüchtigungslager liegen berufene Urteile der Wehrmacht vor. Nicht nur Kommandeure von Ersatzeinheiten, sondern auch Offiziere der Front bestätigen die militärisch bedeutungsvolle Tragweite der jugendgemäßen Ausbildung. Als Frontsoldaten sind die Jungen aus den Wehrertüchtigungslagern in der Regel überlegen. Die Ritterkreuzträger, die direkt von der Front kommend, wiederholt Wehrertüchtigungslager besuchten, verbanden mit wertvollen Anregungen hohe Worte der Anerkennung. Generale und Offiziere, die in maßgeblichen Stäben Dienst leisten, erblicken in den Wehrertüchtigungslagern einen nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der soldatischen Erziehung.
Die vormilitärische Ausbildung der Hitler-Jugend ist von der weltanschaulichen und charakterlichen Erziehung nicht zu trennen. In seiner Rede zum 30. Januar hat der Reichsjugendführer an das Vorbild der Jugend erinnert, die auf den Trümmern vieler Kampffelder von Sewastopol mit dem Gelöbnis ihres Liedes „Unsere Fahne ist mehr als der Tod“ ihr Leben erfüllte. Da der höchste Einsatz immer aus einem vollen und einsatzbereiten Herzen kommt, wurden in die Wehrertüchtigungslager auch die weltanschauliche Ausrichtung aufgenommen. Die Jugenderziehung, die in den Einheiten mit Führermangel rechnen muss, gewinnt durch das Wehrertüchtigungslager eine wichtige Hilfestellung. Aus der Jugend des Führers gehen seine treuesten Soldaten hervor. Die Wehrertüchtigung ist das beste Vermögen, mit dem die Jugendbewegung den heranwachsenden Nachwuchs für den weiteren Lebensweg ausstatten kann.“