HJ stört kirchliche Feier der Kölner St. Agnes-Pfarre
Am 28. Januar 1934 kommt es an der Kölner Pfarre St. Agnes im Anschluss an die Feier des Pfarrpatroziniums zu einer heftigen Provokation durch die örtliche HJ, in dessen Verlauf einer der Kapläne die Polizei alarmiert. Der Westdeutsche Beobachter berichtet darüber am 29. Januar unter der Überschrift "Unerhörte Provokation katholischer Jugendverbände" und behauptet, das Überfallkommando sei unter der "bewusst unzutreffenden Mitteilung, dass Hitler-Jugend die Pfarrei und die Kirche besetzt hätte" alarmiert worden. Demgegenüber stellen die Kapläne Hein und Metten sowie Pfarrer Janssen den Vorgang folgendermaßen dar:
"Während der kirchlichen Feier des Pfarrpatroziniums, einer Feier, die mit Jugend-Organisationen auch nicht das Geringste zu tun hatte, kamen gegen 18.40 Uhr drei Hitler-Jungen durch das Ostportal in die Kirche, benahmen sich störend und verließen nach einiger Zeit lachend das Gotteshaus. An dem ganzen Verhalten war zu merken, dass man sich orientieren wollte, ob die kirchliche Feier bald zu Ende sein würde.
Kurz nach Schluss der Feier meldet ein Jungmann dem Kaplan Oehm in der Sakristei, dass Angehörige der Hitler-Jugend den Verkauf der Wochenzeitung „Junge Front“ verhinderten, mit dem Bemerken: ‚Der Verkauf sei verboten‘.
Kaplan Heinz sah auf seinem Nanchausewege zur Weißenburgstraße vor der Kirche am Hauptportal ebenfalls gleich nach Schluss der kirchlichen Feier Menschenansammlungen und erfuhr von Zivilisten, dass Kinder, die aus der Kirche kamen, von Angehörigen der Hitler-Jugend belästigt würden. Herr Läpges […] benannte einen Angehörigen des Tambourkorps der Marine-Hitlerjugend namens Lingscheid […]. Da derselbe keinen Ausweis vorzeigen konnte, wurde er von Kaplan Heinz aufgefordert, durch die Kirche mit zur Sakristei zu kommen, dem wurde Folge geleistet. Von den später eingetroffenen Schupobeamten wurde Lingscheid nach einem Verhör in der Sakristei zur Wache abgeführt.
Kaplan Metten hörte, während man auf die Ankunft der Schupobeamten wartete, in der Sakristei, wie gegen die verschlossene Sakristeitüre vom Kirchenraum aus geklopft wurde. Er öffnete und fragt: ‚Was wollt ihr?‘ Einer von den etwa 25 bis 30 Hitlerjungen in Uniform antwortete: ‚Wir wollen unseren Mann wiederhaben.‘ Kaplan Metten schloss die Tür wieder. Es wurde wiederum energisch auf die Tür geklopft, worauf Kaplan Metten hinaustrat und nachdrücklich befahl, den Kirchenraum sofort zu verlassen, dem wurde stattgegeben.
Etwa vier Stunden nach der Abführung des Lingscheid kam Kaplan Heinz von seiner Wohnung zur Pfarrhaus Neußerplatz Nr. 18 und sah einen Trupp Hitlerjungen von der Blumenthalstraße aus heranrücken und die Kirche umzingeln. Die gleichen Beobachtungen wurden ausgesagt von Jungmännern, die am Neußerplatz standen. Die Passanten missbilligten die Umzinglung des Gotteshaues auf das Lebhafteste und sammelten sich in größeren Gruppen an. Ein Zivilist, der sich ‚als Führer‘ der Hitlerjugend ausgab, bedeutet und erklärte in einem Umkreis, worunter sich auch der Kirchenrendant befand, ‚dass die Hitlerjugend Befehl erhalten habe, die Kirche zu besetzen‘. Darauf wurde im Pfarrhaus das Überfallkommando allarmiert. Dieses traf nach etwa 10 Minuten ein und säuberte den Neußerplatz und die Fußwege rings um die Agnes-Kirche.
Es ist anzunehmen, dass die ganze Aktion durch den Gebietsführer Wallwey befohlen war, da der anfangs sistierte Lingscheid schon wusste, dass Herr Wallwey kommen würde. Tatsächlich war auch Herr Wallwey kurz nach dem Eintreffen des Überfallkommandos anwesend und fuhr dann mit diesem vermutlich zum Polizeipräsidium.
Gegen 21.15 Uhr zog ein größerer Trupp singender Hitlerjugend am Pfarrhaus des Herrn Pfarrer Jannssen Neußerplatz 18 vorbei und sang Spottlieder auf die katholische Jugend, die übrigens vom Jungvolk und von der Hitlerjugend schon wiederholt bei Märschen durch die St-Agnes-Pfarre gesungen worden sind.
Das erste Spottlied enthält den Vers:
‚Die Zentrumsjugend schlagt zu Brei‘
das zweite Lied hat folgenden Wortlaut:
‚Seht da kommt die Jungschar her
Von St-Agnes mit dem Holzgewehr
Janssen, Janssen, weine nicht
So ein Zuckerwasser bzw. so ein Jungscharbonze
Beiß ja nicht.‘
Mit dem Lied ‚Auf, auf zum Kampf‘ zog der Trupp ab.
Die Hitlerjugend hat die Besucher der rein kirchlichen Feier belästigt. In der Pfarrgemeinde herrscht nur eine Stimme, die der hellen Empörung. Es lag auch nicht der geringste Anlass zu einer Aktion der Hitlerjugend vor."