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Ereignisse
1934
Januar

Pfarrer aus Köln-Bayenthal stellt Strafantrag gegen HJ-Führer

Bei einer Pfarrweihnachtsfeier am 7. Januar 1934 in Köln-Bayenthal kommt es massiven Störungen durch etwa 15 Mitglieder der Hitlerjugend, die sich unter den Zuschauern befinden. Vier von ihnen gehen während der Veranstaltung auf die Bühne, entrollen dort eine HJ-Fahne und befestigen diese an der Wand. Erst auf Einschreiten des Pfarrers nehmen sie die Fahne herunter. Die etwa 400 Zuschauer, zumeist Erwachsene, sind empört.

Im Laufe des Abends stören die Hitlerjungen zudem die Aufführung des Weihnachtsspiels durch das Ein- und Ausschalten von Taschenlampen, durch das Rauchen von Zigaretten und Pfeifen und das Klappern mit den Hacken.

Am darauf folgenden Sonntag kommt es erneut zu einer Auseinandersetzung mit der HJ. Auf dem Heimweg von einem Religionsvortrag, abends gegen 22 Uhr, bemerken mehrere Mitglieder des Jungmännervereins, dass Mitglieder der HJ den Bürgersteig vor der St. Matthiaskirche mit einem Schriftzug in schwarzer Farbe versehen. Sie benachrichtigen den Präses, Kaplan Peifer, und erhalten den Auftrag, ggf. die Namen der Täter festzustellen. Nach Abzug der "Schreibkolonne" versuchen sie den Text zu lesen, werden aber plötzlich von zahlreichen Hitlerjungen umringt, die auf einen Pfiff hin erscheinen und die Jungmänner zur Wache führen möchten. Als sich diese dagegen verwehren, angefasst zu werden, kommt es zu einer tätlichen Auseinandersetzung, bei der Gefolgschaftsführer Bohnekamp einem der Jungmänner mit der Faust aufs Ohr schlägt.

Die Auseinandersetzung ruft zahlreiche Bewohner der umliegenden Häuser auf die Straße.

Dem Ältesten der Festgenommenen erklärt Bohnekampf nun, es sei eine Schreibkolonne überfallen worden, und die Jungen müssten mit auf die Wache. Als sie die Jungen erneut packen möchten, beginnen die Handgreiflichkeiten von Neuem. Schließlich nimmt der Vater eines der Jungen seinen Sohn trotz Widerspruchs des Gefolgschaftsführers mit nach Hause. Die übrigen Jungen nimmt der Präses mit in seine Wohnung. Dort benachrichtigt er die Polizei und erbittet Schutz, da die HJ den Platz vor seinem Haus bewachen.

Bohnekamp erscheint nun sowohl in der Wohnung des Präses als auch in der Wohnung des bereits nach Hause gegangenen Jungmannen und fordert, die Personalien festzustellen.

Über den Vorfall verfasst Peifer einen Bericht für das Erzbischöfliche Generalvikariat in Köln, in dem er bemerkt, dass ein Teil der Hitlerjungen vor dem Vorfall "stark dem Alkohol zugesprochen" hätten.Er fügt hinzu, dass er bereits in der Woche zuvor Herr Dr. Funk von der Obergebietsführung von den Spannungen in der Bayenthaler HJ in Kenntnis gesetzt habe und auch Bohnekamp über die "Absichten seiner Gruppe" telefonisch benachrichtigt habe.

Damit haben die Auseinandersetzungen jedoch noch kein Ende. Bereits am Sonntag nach dem samstäglichen Streit erfolgt eine erneute Provokation. Nun verteilt die HJ nach den letzten beiden Messen ein Flugblatt, auf dem sie behauptet, auf der Weihnachtsfeier sei die HJ-Fahne "in der gemeinsten Weise" beschimpft worden:

"Deutsche Eltern.
Deutsche Jugend.
Wisst Ihr von den Vorfällen bei der Feier der kath. Pfarrgemeinde in Bayenthal?
Wisst Ihr, dass ein Führer der kath. Sturmschar den traurigen Mut hatte, eine Fahne der Hitler-Jugend in der gemeinsten Weise zu beschimpfen?
Wisst Ihr, was das bedeutet, das Freiheitszeichen des Nationalsozialismus, das Symbol der deutschen Art- und Blutgemeinschaft zu beleidigen?
Deutsche Eltern.
Wollt Ihr Eure Kinder aus der großen Volksgemeinschaft ausschließen?
Wollt Ihr nicht mit am Aufbau unseres Vaterlandes arbeiten?
Wollt Ihr die Verantwortung tragen, indem Ihr Eure Kinder in Organisationen gehen lasst, die wir als staatsfeindlich bezeichnen müssen?
Die Hitler-Jugend allein ist Deutschlands Zukunft.
Die Hitler-Jugend allein baut das neue Deutschland.
Die Hitler-Jugend allein ist die Nation von morgen.
Deutsche Jugend! Fort von den Verrätern von Land und Volk!
Deutsche Jugend! Hinein in die Jugend des Staates!
Deutsche Jugend! Hinein in die Hitler-Jugend!
Du gehörst zu uns!!!"

Auf Nachfrage ergibt sich, dass die HJ mit dem Flugblatt auf einen angeblichen "Pfui"-Ruf aus dem Zuschauerraum reagiert hat. Seitens der Kirche wird ein solcher Zwischenruf allerdings nicht bestätigt. Der Pfarrer bemerkt zudem in seinem Bericht über den Vorfall, dass man, sollte es einen solchen Ruf tatsächlich gegeben haben, dafür nicht die Festleitung verantwortlich machen könne. Zudem hätte ein solcher Ausruf dann wohl eher dem "flegelhaften Benehmen" der HJ und nicht der Fahne gegolten.

Während der Flugblattaktion behauptet Bohnekamp vor Kirchenbesuchern, Peifer habe die Fahne der HJ beschimpf und sei als "Hetzer" bekannt.

Daraufhin stellt Peifer gegen Wilmar Bohnekamp Strafanzeige "wegen Verbreitung unwahrer Nachrichten und öffentlicher Beleidigung". Zudem stellt er als Präses des katholischen Jungmännervereins Strafantrag gegen den Verfasser des Flugblatts, der Bohnekamp laut eigener Aussage bekannt ist. In dem Flugblatt werde gegen einen "nichtgenannten Führer unseres Vereins der Vorwurf gemeinster Beschimpfungen der Fahne der Hitlerjugend, gegen die Organisaiton als solche der Vorwurf der Staatsfeindlichkeit erhoben". Darin sehe der Verein eine "schwere Beleidigung".

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