Katholische Kirche zeigt Verteidigungsstrategie auf
Am städtischen Realgymnasium in Köln-Lindenthal sind 1934 85 Prozent der Schüler Mitglied in der HJ. Dies ist, so ein Bericht der Gebietsführung Mittelrhein vom 7. Juli 1934, dem Jesuitenpater Verspel und dem Sturmscharführer Rudi Nettekoven "ein Dorn im Auge". Aus diesem Grund verfasst Verspel am 8. Juni 1934 ein Schreiben an Schulleiter Oberstudiendirektor Dr. Bürger, in dem er für ein Ende der Werbung für die HJ eintritt. Der Brief schließt mit den Worten:
"In weiten Kreisen der kath. Elternschaft schwindet das Vertrauen zur Schulleitung und man fragt sich, ob man die Jungen weiterhin ihnen anvertrauen kann. Vorliegendes Schreiben habe ich zur Kenntnisnahme an die erzbischöfliche Behörde und an die Eltern der Neudeutschen weitergegeben."
Die HJ sieht darin einen "Erpressungsversuch" und den "Gipfel der Unverfrorenheit". Nicht nur würden in dem Schreiben zahlreiche "Unwahrheiten" zu finden sein. Es würden auch die "kath. Belange einer kath. Schülerschaft und einer kath. Elternschaft gegenüber den Staatsinteressen herausgestellt".
Nachdem das Schreiben offenbar nicht den gewünschten Erfolg hat, veröffentlichen Verspel und Nettekoven die wesentlichen Punkte des Briefes in einem Gaubrief, der an alle Jungen verteilt wird. Ein Exemplar des Gaubriefes gelangt auch zur Gebietsführung Mittelrhein, die darin eine "genaue Anweisung zur Durchführung der Propaganda gegen die Hitler-Jugend und gegen den Nationalsozialismus" herausliest und ausführlich in ihrem Bericht vom 7. Juli aus dem Schreiben zitiert:
"IV. Ihr werdet in den letzten Wochen stark umworben. Damit ihr jedem Rede stehen könnt, warum ihr Neudeutschland treu bleibt, merkt folgende klare Antworten:
- a. Solange die HJ den Kampf gegen Kirche und Priesterstand [führt], kommt für mich als kath. Jungen eine Mitgliedschaft nicht in Frage.
Einwurf: Die HJ ist nicht gegen die Kirche!
Antwort:
Über das große Zeltlager der HJ bei Witten berichtet das ‚Wittener Tageblatt‘ vom 23. Mai 1934: Pfingstsonntag. Die Hitlerjungen, die ‚Bedürfnis danach hatten‘, zogen zum Kirchgang ab. Die ‚anderen‘, der Kern jeder Kameradschaft, vertrieben sich die herrlichen Morgenstunden draußen an der Ruhr …
So rückte allmählich die Mittagszeit heran … Der Führer sagte den Spruch: ‚Unsere Seele dem Teufel, unsere Herzen den Mädeln, unser Leben Adolf Hitler, alle Mann ran!‘ …
2. Obergebietsführer Hartmann Lauterbacher, Vertreter des Reichsjugendführers, sagte am 11.5. (lt. ‚Solinger Tageblatt‘ vom 14.5.): ‚Es gibt heute neben dem Felsen Petri noch einen anderen Fels, der Adolf Hitler heißt. Wir müssen es erproben, wer stärker ist. Auf den einen hocken, wenn es darauf ankommt, die alten Weiber, und vor dem anderen steht die junge Generation.‘
3. ‚Der deutsche Sturmtrupp‘ und die ‚Fanfare‘ verletzten wiederholt in Schreiben und Bildern die christliche Überzeugung.
4. Die Zeitschrift ‚Wille und Macht‘, seit März für alle Führer über 16 Jahre in HJ, BDM und DJV vorgeschrieben, hat eine durchaus unchristliche Grundhaltung und bringt oft gehässige Angriffe gegen die Kirche.
b. Als katholischer Junge schulde ich den Bischöfen und dem Heiligen Vater Gefolgschaft. Diese fordern von mir, der kath. Jugendorganisation treu zu bleiben, also:
c. Seit … Jahren kenne ich den Neudeutschen Bund, weiß, war er mir und anderen Jungen gegeben hat. Daraufhin habe ich wohlüberlegt in freier Jungenentscheidung mein Jungenwort gegeben, diese Treue werde ich nicht brechen."
Die HJ sieht in diesen Anordnungen einen "gehässigen Angriff gegen die Nationalsozialisten", die nicht nur in Köln, sondern auch in Landstädten wie Bergisch Gladbach zum Tragen kämen. Hier lehre Studienrat Dr. Honnecker, dass die Nationalsozialisten eine "germanische Religion" einführen wollten. Zudem habe er sich im Religionsunterricht über die Stellung der Kirche zur Sterilisation geäußert, indem er behauptet habe, die Gesetze zur Sterilisation entsprängen lediglich einer "finanziellen Einstellung". Die Kirche verurteile diese Gesetze. Außerdem würde Honnecker ausländische Zeitungen lesen und habe erklärt: "Druckerschwärze schützt vor Lügen nicht."