Menü
Ereignisse
1934
Februar

HJ-Überfall auf das ND-Heim in Münster

In Aufzeichnung über einen HJ-Überfall auf das ND-Heim in Münster vom 1. Februar 1934 wird berichtet:

„PROTOKOLL

Tatbestand:

Am 1. Februar 1934 war vom Bunde Neudeutschland eine Versammlung in Münster für die Eltern und Freunde des Bundes angesagt worden. Die Versammlung war ihrem Wesen nach eine geschlossene Versammlung. Pater Bitter S.J., der Vizepräsident der Deutschen Universität in Tokio, der über dasselbe Thema wiederholt vor anderen Zuhörern, z.B. hier im Großen Hörsaal der Universität und anderswo geredet hatte, war gebeten worden, zu den Eltern zu reden, und zwar sollte er, durch seine vielen Reisen den Zeitgeist der verschiedenen Länder kennend, das Thema behandeln, wie Neudeutschland sich zur heutigen Zeit zu stellen hat. Der Vortrag war im Wesentlichen religiös gedacht, darauf hinzielend, dass die einzige Lösung der Weltkrise zu suchen sei in einer in Christus begründeten Persönlichkeit. Daher wurde das Thema offiziell formuliert: „Neudeutschland in unserer Zeit“. Die Versammlung sollte in der Aula des Städt. Gymnasiums stattfinden, und diese war auf Antrag zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt worden. Die Magistratsverwaltung äußerte auf Befragen, ob die Versammlung bei der Polizei gemeldet werden müsse: nein, es sei ja keine politische Versammlung. Die Polizei war aber trotzdem zur Vorsorge in Kenntnis gesetzt worden. Da P. Bitter, der Redner des Abends, in wenigen Tagen abreisen musste, wurde die Versammlung auf den 1.2.34 festgesetzt, obwohl den Mitgliedern Neudeutschlands nur kurze Zeit blieb, die Versammlung bekanntzugeben. So ist es erklärlich, dass einige Jungen in allzu kurzer Zeit in der Nähe oder auf ihrem Anschlagbrett an der Schule auf einem eigenen Plakat auf die Versammlung hinwiesen, um die säumigen Mitglieder auch zu erfassen. Wie es aus der eigentlichen Einladung und aus der Zeitung ersichtlich ist, war die Versammlung als eine geschlossene gedacht, sogar als Jahresversammlung und Generalversammlung der Mitglieder und Freunde.

Schon am Morgen des 1. Februar gingen die Gerüchte um, dass die HJ beabsichtige, die Versammlung zu sprengen. Tatsächlich erschienen die ersten um 20 Min. vor 20 Uhr, bis sich 19 Uhr 55 Min. etwa 300 Jungen angesammelt hatten. Obwohl es eine geschlossene Versammlung war, war es kaum möglich, die H-J am Eingang zurückzuhalten. Die Polizei wurde überrannt.

Die Sprengung der Versammlung.

Kurz vor 20 Uhr waren selbst die herbeigeeilten Polizeibeamten nicht mehr imstande, die Jungen beim Sturm auf die Aula zurückzuhalten. Oberkommissar Oestermann sah sich gezwungen, die Versammlung schon vor Beginn aufzulösen. Die Neudeutschen bewahrten geradezu eine vorbildliche Disziplin und folgten allen Anordnungen der Polizei. Trotzdem blieb es nicht aus, dass unter den Augen des Oberkommissars ein Hitler-Junge es wagte, Neudeutschen und auch einem Priester zu sagen: „Ihr wisst wohl nicht, was es heißt, wenn ein H-J sich den Schädel einschlägt“. Und zwar geschah dieses ohne jegliches Provozieren. Ähnliche ... (nicht lesbar) dem Hinweis, dass Neudeutschland doch aufgelöst würde, sagte der H-J Biene.

Pater Grauvogel S.J., der geistliche Führer, teilte unter Rücksprache mit Oberkommissar Oestermann den Eltern mit, dass Pater Bitter im Heim auf der Königstr. 36 den Eltern etwas erzählen wollte. Als bereits ein Teil der Eltern im Heim war, kamen die H-J im Dauerlauf an. Das Tor wurde gesperrt und nur Gefolgschaftsführer Bühner und ein anderer eingelassen. Sie erkundigten sich, ob H-J im Heim seien. Dann wurde versucht das Tor aufzubrechen mit einem Rohr und mit Pflastersteinen. Zugleich drangen sie von allen Seiten über Mauern und Dächer auf den Hof, wobei eine Dachrinne am Anbau des Heimes zerstört wurde. Beim Sturm auf das Tor, wo minutenlang schwere Pflastersteine gegen dasselbe geworfen wurden und man versuchte, durch Menschenmassen das Tor einzudrücken, wurden einige Neudeutsche aufs schwerste misshandelt und blutig geschlagen. Besonders sind zu nennen: Fritz Petersen, Willi Schaffer.

Etwa 50 Mann drangen auf illegale Weise, gegen das Verbot des eigenen Führers in das private Besitztum Königstr. 36 ein. Auch fehlte es nicht an den niedrigsten Mitteln, um Neudeutschland als provozierend hinzustellen. Es sei darauf hingewiesen, dass ein Schreckschuss von einem H.J abgegeben wurde und man höhnend Neudeutschland zurief: „Damit könnt ihr uns nicht bange machen!“ Die Sprache der Jungen war im Allgemeinen derart, dass man sie wirklich nicht als anständig bezeichnen konnte. Umso befremdender war es, dass einige von ihnen sogar eine höhere Schule besuchen wollen. Einem SA-Mann rief man zu: „Du schwarzer Junge, du Märzgefallener!”

Unter anderem wurden auf dem Privatbesitz der Häuser geistliche Herren tätlich angegriffen und mit hässlichen Worten beschimpft. Studienassessor Dr. Vinnenberg wurde angegriffen und mit Fausthieben bearbeitet und zu Boden gezogen. Er wurde bald von Jungen und Privatleuten befreit. Studienrat Kuhlmann wurde in ungezogener Weise in seiner priesterlichen Ehre gekränkt.

Weitere Tätlichkeiten wurden vermieden durch das auf Telefonanruf herbeigerufene Überfallkommando. Auch dabei konnte man bemerken, dass die HJ geraume Zeit nicht gehorchen wollte. Es ist kaum abzusehen, welche Übergriffe und Angriffe auf Privateigentum noch erfolgt wären, wenn die Polizei nicht tätlich zugegriffen hätte.

Im Verlauf des Abends musste das Überfallkommando noch einmal gegen Übergriffe der H-J herbeigerufen werden. Es sei besonders darauf hingewiesen, dass der Überfall auf die Versammlung von der H-J geplant war, (wie viele Neudeutsche beweisen können und auch der geistliche Führer, da mehrere Male telefonisch angerufen wurde, die Hitlerjungen hätten etwas gegen die Neudeutschen vor).

Herrn Kaplan Huesmann sagte ein HJ auf Befragen, was er denn am Abend tun wolle - es war gegen 19.12 Uhr – „Wir haben Befehl, eine Versammlung zu sprengen“. Demnach wurde der Befehl von einer führenden höheren Stelle der H-J gegeben. Zusammenfassend darf man wohl sagen, dass Neudeutschland in keiner Weise diese durchaus unberechtigte und unerhörte Belästigung von Seiten der Hitlerjugend herausgefordert hat.

Warum Neudeutschland eine Versammlung mit religiösem Thema nicht abhalten darf, ist uns unbekannt. Auch dürfte das nicht dem Sinne des Konkordates entsprechen, das die kath. Organisationen schützt.“

Aus den Mitteilungen Nr. 4 des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin vom 10.3.1934:

„In Münster sollte am 1. Februar in der Aula des Städt. Gymnasiums eine Versammlung der Neudeutschland-Jugend stattfinden, in der Pater Bitter von der Deutschen Universität in Tokio einen Vortrag über „Neudeutschland in unserer Zeit“ halten wollte. Die Ortspolizeibehörde in Münster hatte im Einvernehmen mit der Regierung gegen die Versammlung Einwendung nicht erhoben. Kurz vor Beginn der Versammlung übten auf dem Hofe des Gymnasiums etwa 150 Hitler-Jungen. Der Polizeikommissar der Stadt Münster ließ sich von dem befehlenden Unterbannführer die Erklärung abgeben, dass eine Störung der Versammlung nicht beabsichtigt sei. Trotzdem stürmten die angetretenen Hitler-Jungen auf einen ausdrücklichen Befehl die Aula. Dem Polizeioberkommissar, der die Versammlung auflöste, gelang es, schwere Tätlichkeiten zu verhindern. Nach der Räumung des Gymnasiums versuchte die Hitler-Jugend in das ND-Heim einzudringen. Es kam zu Zusammenstößen, die durch das herbeigerufene Überfallkommando unterdrückt wurden.

Zusammenstöße zwischen der HJ und den konfessionellen Jugendverbänden von teilweise erheblicherem Ausmaß ereigneten sich in letzter Zeit auch in Andernach, Koblenz, Gelsenkirchen, Aachen und Bielefeld. In Fritzlar waren Schlägereien zwischen HJ und katholischer Kirchenjugend an der Tagesordnung.“

Baum wird geladen...