Der Bürgermeister berichtet aus Erwitte
Im Oktober 1934 berichtet der Amtsbürgermeister dem Landrat u.a. über Initiativen zur Stärkung der katholischen Jugend in seinem Amtsbezirk und schildert die überraschende Auflösung der bereits im Juli-Bericht erwähnten anonymen Bedrohung eines örtlichen Pfarrers.
„Im Monat September hatte ich berichtet, dass die schulpflichtigen Mädchen von dem Jungfrauenverein in Erwitte, scheinbar als Gegenbewegung gegen den Staatsjugendtag, in einer Jungschar zusammengeschlossen worden sind. Ich habe im Berichtsmonat versucht, Einzelheiten über diesen Zusammenschluss zu erfahren. Bis heute habe ich jedoch noch keine Feststellungen hierüber machen können.
Im Monat Juli hatte ich berichtet, dass dem Vikar Polle in Erwitte ein anonymer Brief zugesandt worden war, in welchem er mit Erschießen bedroht wird, wenn er es noch einmal wagen sollte, im Hochamt zu predigen. In diesem Brief, der die Unterschrift ‚Die Hitlerjugend im Aufträge der S.A.‘ trug, ist der Vikar Polle in der gemeinsten Weise angepöbelt worden. Ich hatte ferner berichtet, dass der Vikar Polle, statt der Polizeibehörde den Brief zu übergeben, für eine weiteste Verbreitung desselben in der Bevölkerung gesorgt hat. Es war dadurch eine scharfe Gegenstimmung gegen die Hitlerjugend erzeugt worden. Die Polizeiverwaltung bekam erst einige Tage nach Eingang des Briefes davon Kenntnis. Die Ermittlungen nach dem anonymen Briefschreiber blieben leider erfolglos und in manchen Familien blieb die Überzeugung haften, dass der Briefschreiber unter der Hitlerjugend zu suchen sei und dass man mithin seine eigenen Kinder der Hitlerjugend nicht anvertrauen dürfe. Vikar Polle hat später noch einmal einen ähnlichen Drohbrief gemeinsten Inhalts bekommen. Nachdem vor einigen Tagen auch der Tierarzt Dr. Kamann in Erwitte einen Drohbrief bekam und denselben hier vorlegte, konnte überraschender Weise festgestellt werden, dass der letzte Brief auch von dem Schreiber der Briefe an Vikar Polle herrührte. Die Polizeiverwaltung war nun in der Lage, nach einer bestimmten Richtung hin erneute Ermittlungen nachdem Anonymus anstellen zu können. Schon 24 Stunden später war der Täter überführt und zu einem Geständnis gebracht worden. Als Täter kommt die 20 jährige Haustochter Elisabeth M. in Stirpe in Frage, die allem Anschein nach die Briefe aus sexuellen Regungen heraus geschrieben hat, Die Verhandlungen sind durch die Hand des Herrn Landrats an die Oberstaatsanwaltschaft in Paderborn abgegeben worden. Ich habe dafür gesorgt, dass das Ermittlungsergebnis im weitesten Maße in der Bevölkerung verbreitet wird und habe feststellen können, dass man fast allgemein befreit aufatmete, als man hörte, dass die männliche Jugend, insbesondere die Hitlerjugend, den gemeinen Anpöbeleien gegenüber einem Geistlichen völlig ferngestanden hat.“