Menü
Ereignisse
1934
Juli

„Förderung der Hitlerjugend“ – Ermittlungsergebnisse aus dem Amt Anröchte

Am 26. Juli 1934 überreichte der Anöchter Amtsbürgermeister dem Landrat seine „Erhebungen über den Stand und die Förderung der Hitlerjugendbewegung“ sowie seine Einschätzung der Lage: „Zusammenfassend ist zu berichten, dass die Führerfrage in den kleinen Gemeinden von ausschlaggebender Bedeutung sein wird. Offensichtlich mangelt es an geeigneten Führerinnen für die weibliche Jugend. An einklassigen Schulen, an denen ausschließlich nur Lehrer tätig sind, tritt dieses besonders in Erscheinung. Nach den getroffenen Feststellungen kann es als eine Erfahrungstatsache gewertet werden, dass mit der Einstellung und Regsamkeit der Lehrpersonen die Betreuung und die Erziehung der Jugend im Sinne des nationalsozialistischen Staates steht und fällt. Junge Führer und Führerinnen aus den Reihen der gleichalterigen Kinder können nur dann wirksam führen, wenn ihnen die Lehrpersonen aus ganzem Herzen und mit voller innerer Kraft betreuend und beratend zur Seite stehen.“

In die „Ermittlungen“ waren auch die NSDAP-Ortsgruppenleiter des Amtsbezirks eng einbezogen worden, die nicht nur die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch die Geistlichen beurteilten. Mit Blick auf die Pfarrer von Anröchte, Mellrich und Berge, so teilte der zuständige NS-Funktionär mit, seien ihm „bislang Klagen nicht zu Ohren gekommen“. Anders würde es sich dagegen mit dem Anröchter Vikar verhalten, der „nach wie vor die Interessen der früheren Sturmschar“ vertrete, für die er auch werbend tätig sei. So sollte der Geistliche „versucht haben, Jungen aus der Hitlerjugend in die Sturmschar herüberzuziehen, indem er bei den Eltern vorstellig geworden“ sei.

Der Ortsgruppenleiter von Horn zeichnete zu diesem Zeitpunkt ein vorwiegend positives Bild in seinem Zuständigkeitsbereich. Im Ort würden drei Geistliche wohnen, die die neun Gemeinden des Kirchspiels Horn betreuen würden. „Die Haltung des Pfarrers Stahl und des Vikars Schaut sind einwandfrei. Ihre ganze Einstellung ist offensichtlich für die Idee des Nationalsozialismus. Der Pastor selbst hat sich mehrfach bei Versammlungen und bei sonstigen passenden Gelegenheiten sich für den neuen Staat durch Wort und Tat eingesetzt. Vikar Schaut verhält sich neutral. Es ist mit bekannt, dass er schon mal werbend für den B.D.M. eingetreten ist. Irgendwelche Klagen über Entgleisungen in der Kirche oder Missbrauch der Kanzeltätigkeit sind mir nicht zu Ohren gekommen.“ Aber auch in Horn gab es aus NS-Perspektive ein „schwarzes Schaf“: „Anders verhält es sich mit dem Vikar Rupieper. Sein Verhalten war bis vor kurzer Zeit gegensätzlich. Es hat sich jedoch gebessert, seitdem er weiß, dass man sein Tun nicht gutheißt und er ein Verfahren zu gewärtigen hat.“ Damit sah der Ortsgruppenleiter das Problem jedoch keinesfalls als gelöst an: „Von einer ehrlichen bejahenden Haltung kann jedoch keine Rede sein.“

Aus Altengesecke wurde mit etwas Unsicherheit gepaartes Positives gemeldet: Der Ortspfarrer, so hieß es, sei „wie früher viele andere Geistliche gegen den Nationalsozialismus eingestellt“ gewesen. „Seit der Machtübernahme hat er sich grundsätzlich umgestellt.“ Ob das allerdings auf innerer Überzeugung beruhe, vermochte der Ortsgruppenleiter nicht zu sagen. Am 1. Mai habe der Pfarrer ihm gegenüber aber geäußert, „er wäre froh, dass es so gekommen sei“. „Er meinte damit die Machtübernahme durch Hitler.“ Der Geistliche beschäftige „sich auch intensiv mit nationalsozialistischer Literatur“ und halte die NS-Zeitung „Rote Erde“. „Einen Missbrauch der Kanzel für politische Zwecke habe ich seit der Machtübernahme nicht mehr feststellen können. Vor dieser hat er allerdings recht oft und stark den Nationalsozialismus angegriffen.“ Was die Hitlerjugend angehe, so ließe der Pfarrer „den Dingen ihren Lauf“. „Er hemmt die Entwicklung in keiner Weise. Zusammenfassend muss ich sagen, dass die Gemeinde mit seiner politischen Haltung zufrieden ist.“

Für die Befragung der einzelnen Lehrkräfte entwickelte man in Anröchte einen eigenen Fragebogen, der für jeden einzeln in ausgefüllter Form und ergänzt um die jeweilige Beurteilung des zuständigen Ortsgruppenleiters an den Landrat weitergeleitet wurde.

[Die Ergebnisse der Einzelbefragungen sind hier gesondert eingestellt.]
Baum wird geladen...