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Ereignisse
1934
Juli

„Förderung der Hitlerjugend“ – Ermittlungsergebnisse aus Geseke

Am 19. Juli 1934 überreicht der Bürgermeister von Geseke dem Landrat in Lippstadt die Ergebnisse seiner Erhebung und „Vernehmungen“ „zwecks Förderung der Hitlerjugend“. Für die Geseker Volksschule ergibt sich folgendes Bild:

 

Klasse    Schüler       HJ

Ia               64           44
Ib               65           23
IIa              57           22
IIb              64           28
IIIa             54           24
IIIb             62           13
IIIc             65           26
IVa             57           10
IVb             60             4
IVc             57           13
Va              55             4
Vb              54             7
Vc              50             5

Ges.          764         223

 

Ergänzt wird sein Schreiben um Äußerungen der Geseker NSDAP-Ortsgruppenleitung über die örtlichen Volksschullehrer und Geistlichen. Die Befragungen, so wird nach Lippstadt mitgeteilt, seien sämtlich vom Sachbearbeiter, dem SS-Sturmführer H., durchgeführt worden. In ihnen heißt es im Einzelnen:

„Es erscheinen:

1.) Rektor               Molitor
2.) Lehrer               Hämling
3.) Lehrer               Arend

und erklären mit dem Gegenstand der Vernehmung bekannt gemacht» übereinstimmend folgendes:
Wir haben in den letzten Tagen genaue Nachprüfungen über die Ursachen angestellt, aus denen ein Teil der Volksschüler der HJ bezw. Jungvolk bislang ferngeblieben ist. Die 4 oberen Jahrgänge haben eine durchschnittliche Klassenstärke von 60 Schüler, also eine Gesamtschülerzahl von rund 240. Davon sind rund 50% den NS-Jugendorganisationen eingegliedert. Von den restlichen 50% geben als Grund ihres Fernbleibens folgendes an:

Mitgliedschaft der Jungschar                                                 38
Mittellosigkeit der Eltern                                                       46
Mitgliedschaft des Turnvereins                                               26
Zeitmangel wegen Hilfeleistung in der häuslichen Wirtschaft     28
Elterliches Verbot                                                                  18
Es beabsichtigen später einzutreten                                        17

Übereinstimmend schien bei dieser besonderen Nachfrage wie bei allen übrigen Hinweisen und Empfehlungen betr. Eintritt in die NS-Jugend-Organisationen die geldliche Seite hindernd zu sein. Es handelt sich hauptsächlich um Söhne von Arbeitslosen, stark Verschuldeten oder kinderreichen Familien, die die Anschaffungskosten für die Bekleidung und die Beitragsleistungen tatsächlich nicht zahlen können. In vielen Fällen begnügen sich die Eltern auch damit, von mehreren Kindern nur eins in die Organisation zu schicken. Vereinzelt trat auch die Furcht vor Ungehörigkeiten der Unterführer in Erscheinung, da es Vorgekommen sein soll, dass seitens der Unterführen Schläge verabreicht wurden. Es erweckte fernerhin den Anschein, und geht auch aus gelegentlichen Äußerungen der Eltern hervor, dass das Auftreten des hiesigen Arbeitsdienstes am 23.6.34 zum mindesten nicht fördernd gewirkt hat, ihre Söhne dem Jungvolk anzuvertrauen. Die Schule hat kein Zwangs- oder Machtmittel in der Hand, den Eintritt zu erzwingen. An ständig sich wiederholenden propagandistischen Hinweisen, Empfehlungen, Darlegungen der Notwendigkeit der Mitgliedschaft hat es bislang hier nicht gefehlt. Das Elternhaus folgt leider nicht allen unsern Intentionen.
Bei rund 50 Schülern sind mehrere der angegebenen Gründe vorhanden und sind diese daher auch mehrfach in den oben angeführten Zahlen enthalten. Die sich daher ergebende Summe von 173 entspricht somit in Wirklichkeit nur einer Zahl von rund 120.

Es erscheinen die Lehrerinnen Fräulein Wernze, Fräulein Volkshausen, Fräulein Haselhorst und erklären mit dem Gegenstand der Vernehmung bekannt gemacht, übereinstimmend folgendes:
In den 3 oberen Mädchenklassen sind 73 Kinder nicht in dem B.D.M. wegen Mittellosigkeit der Eltern. Die Väter sind zum Teil schon seit 4 Jahren dauernd arbeitslos und ist es Ihnen tatsächlich nicht möglich, irgendwelche Gelder in dieser Beziehung für die Kinder zu erübrigen. 9 Kinder sind sehr schwächlich und können nach ärztlicher Aussage den Dienst nicht mitmachen. 40 Kinder müssen hinterher nachmittags den Eltern helfen bei Garten-, Feld- und Hausarbeit oder, wo viele Geschwister vorhanden sind, diese beaufsichtigen, damit die Mutter entlastet wird. Zudem haben die 2 oberen Klassen schon wöchentlich 3 und die 3. Klasse 2 Schulnachmittage. 12 bis 14 Kinder waren anfangs schon dem B.D.M. angeschlossen, haben aber ohne Entschuldigung gefehlt und wurden daher gestrichen.“

Die NSDAP-Ortsgruppe Geseke teilte in diesem Zusammenhang mit:

  1. 1.) Lehrer Lukas war früher aktives Mitglied der Zentrumspartei, ist heute noch sehr kirchlich und in seiner politischen Einstellung gleichgeblieben. Er hat die Klasse Ia vergangenen Ostern von Lehrer Spindeldreher übernommen. Seit dieser Zeit ist die Anzahl der Hitlerjugendmitglieder aus dieser Klasse von rund 60 auf 44 zurückgegangen, die Zahl der Abonnenten der Jugendzeitschrift ‚Hilf mit‘ von rund 60 auf 25.
  1. 2.) Lehrer Hämling ist in den ersten Nachkriegsjahren Demokrat gewesen, später ist er politisch nicht mehr hervorgetreten, heute sympathisiert er nach unserer Ansicht ehrlich mit der N.S.D.A.P..
    3.) Lehrer Arend hat früher mit der S.P.D. sympathisiert, seine heutige Einstellung ist unklar, sicherlich ist er kein Nationalsozialist.
    4.) Molitorist politisch nicht hervorgetreten, weil sehr wahrscheinlich Zentrumsanhänger, ist sehr kirchlich eingestellt, gibt sich aber allem Anscheine nach ehrlich Mühe, als Lehrer den Forderungen des Nationalsozialismusses nachzukommen.
    5.) Lehrer Schauerte stand politisch bis März 33 weit links, war großer Judenfreund, fanatischer Hasser der N.S.D.A.P.. Dass sich seine innere Einstellung wesentlich geändert hätte, ist nicht anzunehmen.
    6.) Die Lehrerinnen Wernze. Volkhausen, Haselhorst und Sauer sind politisch nicht hervorgetreten, nach wie vor kirchlich eingestellt und bestimmt keine Nationalsozialisten.

Über die ortsansässigen Geistlichen heißt es aus derselben Quelle:

1). Pfarrer Balkenhohl ist erst nach der Machtübernahme als Pfarrer an die hiesige Pfarrkirche gekommen. Politisch ist er nicht hervorgetreten. Über seine politische Einstellung ist uns nichts Ungünstiges bekannt geworden.
2.) Vikar Fuest ist Frontkämpfer gewesen, durchaus national eingestellt und sympathisiert unserer Meinung nach mit dem Nationalsozialismus.
3.) Dechant Vogt ist fanatischer Hasser des Nationalsozialismus und versucht, wo irgend möglich, der N.S.D.A.P. Abbruch zu tun.
4.) Dasselbe gilt vom Vikar Loddenkemper, gegen den kürzlich ein Verfahren bei der Staatspolizei wegen seiner Äußerungen gegen die N.S.D.A.P. geschwebt hat.
5.) Rektor Baks war früher die treibende Kraft der hiesigen Zentrumspartei. An seiner Einstellung hat sich nichts geändert.
6.) Vikar Preising und Pfarrer Leuffeld sind erst vor zirka 4 Wochen nach hier versetzt worden. Genaueres lässt sich über sie nicht sagen. Für Preising dürfte aber schon genügen, dass er Leiter der hiesigen D.J.K. ist und sich um ihre Erhaltung außerordentlich bemüht.
7.) Der evangelische Pfarrer Koopmann ist außerordentlich orthodox, fanatischer Hasser der Glaubensbewegung ‚Deutsche Christen‘ und Gegner der N.S.D.A.P.“

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