September 1934: Die Gestapo Köln berichtet für den Regierungsbezirk Köln
Rubrik „Katholische Bewegung“: „Im Verhältnis der katholischen Bewegung zur nat.soz. Bewegung und ihrer Gliederungen ist im Berichtsmonat keine Verschärfung eingetreten. Es ist vielmehr im Gegenteil eine wesentliche Beruhigung zu verzeichnen. Die katholische Kirche ist mehr denn je bemüht, ihre Gläubigen zusammenzufassen und bringt dies auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit, so bei Prozessionen, Wallfahrten, Primizfeiern usw. zum Ausdruck. Die Prozessionen tragen teilweise demonstrativen Charakter. Die Wallfahrten, die aus Anlass der Seligsprechung des Gesellenvaters Kolping nach Köln unternommen werden, weisen eine auffallend große Teilnehmerzahl auf. (…) Auffallend ist, dass im Berichtsmonat drei führende Persönlichkeiten aus dem katholischen Jugendleben ihre Stellung bezw. ihren Wohnsitz gewechselt haben. Der als Führer der „Neudeutschen“ bekannte Jesuitenpater Vorspel ist nach Holland verzogen. Der Kaplan Büchler, der Bezirkspräses der katholischen Jugendverbände war, hat eine Berufung als Pfarrektor nach Düsseldorf erhalten. Der Generalpräses der Kolpingbrüder, Dr. Nattermann, ist auf Anordnung des Generalvikars Dr. David seines Postens enthoben und wohnt jetzt in Köln, ohne sein Priesteramt auszuüben. (…)
Es muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass gerade auf konfessionellem Gebiet durch einen vielleicht gut gemeinten, aber im Erfolg schädigenden Dilettantismus mancher Parteigenossen reichlich viel Unheil angerichtet wird. Allzu viel Unberufene sind bemüht, die vom Führer gewünschte Volksgemeinschaft auch innerhalb der katholischen Bevölkerung zu verhindern. Wenn auch seitens der übergeordneten Parteiinstanzen in solchen Fällen durchgegriffen wird, so besteht doch die große Gefahr, dass in der konfessionellen Sache die einheitliche große Linie der Regierungspolitik verloren geht. Es sind schon Anzeichen dafür vorhanden, dass man auch mit der Nachsicht gegenüber dem Treiben klerikaler Kreise nicht Maß zu halten versteht, weil allmählich eine innere Unsicherheit in die maßgebenden Stellen gekommen ist. Es konnte bemerkt werden, dass z.B. Angehörige der Hitler-Jugend, die noch vor Monaten im scharfen Gegensatz zu den katholischen Verbänden gestanden haben, heute eine geradezu unverständliche Milde und Nachsicht gegenüber dem politischen Katholizismus walten lassen wollen.“
Rubrik „Die Bewegung und ihre Organisationen“: „Hitler-Jugend: Die Hitlerjugend ist im Berichtsmonat nach außen hin wenig in Erscheinung getreten. In den Kreisen der H.J. vertritt man die Auffassung, dass man bewusst bis zur Ratifizierung der letzten Konkordatsverhandlungen in Reserve bleiben wolle. Zu Auseinandersetzungen zwischen Hitlerjugend-Angehörigen und Angehörigen der konfessionellen Jugendverbände ist es nicht gekommen. Die elf im Regierungsbezirk vorhandenen Ferienlager wurden anfangs September beendet. Im Regierungsbezirk Köln macht sich ein außerordentlicher Mangel an Heimen für die Hitlerjugend bemerkbar. Der Mangel an geldlichen Mitteln gestattet es der Hitlerjugend leider nicht, neue Heime aufzutun. Der staatliche Jugendpflegefond ist derart gering dotiert, dass auch von dieser Seite eine nennenswerte Hilfe nicht geleistet werden kann. Besondere Schwierigkeiten haben sich in letzter Zeit dadurch ergeben, dass beschlagnahmte und eingezogene Grundstücke, die früher im Eigentum staatsfeindlicher Verbände standen, von der Hitlerjugend nicht mehr benutzt werden können, wenn es bei der Forderung auf entgeltlichen Erwerb dieser Grundstücke durch die Hitlerjugend oder auf Zahlung angemessener Mietsätze verbleibt. Die Hitlerjugend ist einfach nicht in der Lage, derartige Grundstücke zu erwerben, oder angemessene Mieten hierfür zu zahlen. Es erscheint mir dringend notwendig, einmal der Frage nachzugehen, ob nicht seitens des Staates der Hitlerjugend ein finanzielles Entgegenkommen bei dem Erwerb solcher Grundstücke gezeigt werden kann.
Die in letzter Zeit gehaltenen außerordentlich wirkungskräftigen Ansprachen des Reichsjugendführers, die auch gegenüber dem Elternhaus und der Schule eine Klärung bedeuten, haben sich innerhalb der Hitlerjugend günstig ausgewirkt. Die Durchführung des Staatsjugendtages stößt besonders auf dem Lande auf Schwierigkeiten. Bei der einsetzenden schlechten Witterung fehlt es an Räumen, da die Schulklassen durch die Restbestände an Schülern in Anspruch genommen sind. Vor allem aber macht sich ein ganz bedenklicher Mangel an geeigneten Jungvolkführern bemerkbar, da die Hitlerjugendführer sich am Staatsjugendtag zumeist in Arbeit befinden und nur ganz junge Unterführer verfügbar sind. Es ist bemerkenswert, wie selbst unter diesen ganz jungen Führern die Disziplin der kleinen Pimpfe gewahrt bleibt und in Erscheinung tritt. Aber für die Ausfüllung des Staatsjugendtages können die Unterführer naturgemäß bei allen Anstrengungen nicht unbedingte Gewähr leisten.
In der Bevölkerung ist bekannt geworden, dass es nicht bei allen Untergliederungen der Hitlerjugend in Ordnung geht. Man weiß, dass Unterführer wegen Verdachts der Päderastie festgenommen worden sind und dass mehrere Verfahren gegen Hitlerjugend-Angehörige wegen Vergehens gegen § 175 schweben. Diese Tatsachen haben naturgemäß nicht zu einer Stärkung des Vertrauens zur Hitlerjugend beigetragen.“