Dezember 1934: Die Gestapo Aachen berichtet für den Regierungsbezirk Aachen
Rubrik „Katholische Kirche“: „Während der Führer und zahlreiche führende Persönlichkeiten in ihren Reden wiederholt betont haben, dass der "Mythus-Rosenberg" und die Bewegung nicht ein und dasselbe seien, wird bei den Auseinandersetzungen im Lande von Amtswaltern und den Anhängern Rosenbergs in der Bewegung immer das Gegenteil behauptet und betont, dass derjenige, der sich gegen den "Mythus-Rosenberg" wende, zugleich Bekämpfer des Nationalsozialismus und daher Staatsfeind sei. Die Kirche möchte dem Führer glauben, findet aber in der Praxis überall die vorgenannte Einstellung der Amtswalter und der Anhänger Rosenbergs in der Bewegung und stellt bei allen Gliederungen, insbesondere auch bei HJ, Landjahrkursen sowie in der SS fest, dass der Mythus nachdrücklich propagiert wird. Es ist demnach kaum verwunderlich, wenn sie sich angegriffen fühlt und vor allen Dingen der Ansicht ist, dass auch die Hitlerjugend gegen die Kirche und für Rosenberg eintritt. Gegenteiligen Beteuerungen glaubt sie nicht, weil der Reichsjugendführer bald von religiöser Neutralität der Hitlerjugend spricht, bald aber auch, wie gelegentlich einer Kulturkundgebung, erklärt: "Der Weg Rosenbergs ist der Weg der deutschen Jugend". So ist sie im Laufe der Zeit immer skeptischer geworden und heute nicht mehr geneigt, nur die Unterführer verantwortlich zu machen, sondern der Überzeugung, dass man in massgeblichen Stellen keine aufrichtige Haltung zeige. Dadurch fühlt sich immer mehr auch der Teil, insbesondere unter den jüngeren Geistlichen, zu zurückhaltender, wenn nicht gar ablehnender Haltung gezwungen, der der Bewegung an sich bejahend gegenüber steht und gern mitmachen möchte. Auch sonst vermisst die Kirche, dass der vom Nationalsozialismus aufgestellte Grundsatz ihres Schutzes durchgeführt wird. Sie vermißt z. B. das Vorgehen gegen kirchenfeindliche Hetzzeitschriften wie "Der Brunnen" oder "Die Deutsche Revolution" und erklärt, dass diese sich heute Angriffe und Beschimpfungen erlauben könnten, die selbst in der Zeit vor der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus nicht geduldet worden wären, obgleich die damaligen Regierungen sich keineswegs zu derartigem Schutz der Kirche bekannt hätten. Nach einer Meldung des Kirchlichen Anzeigers der Diözese Köln will man allein an einem Zeitungsstand 7 derartige kirchenfeindliche Zeitungen festgestellt haben. Dabei lässt die Kirche z.B. die Zeitung des Grafen Reventlow durchaus gelten. Als das Gefährlichste bei alle dem wird der Mangel an Klarheit in der Haltung des Staates im Rahmen dieser weltanschaulichen Auseinandersetzungen angesehen. Man fühlt, dass sich die Gegensätze immer mehr verhärten und hält sie auf die Dauer für unüberbrückbar. Die Geistlichkeit sieht deshalb nach den von ihr gemachten Erfahrungen heute weitgehend die NSDAP. selbst als Gegner der Kirche an, und jeder Geistliche hält sich immer mehr für verpflichtet, - je nach Temperament und Veranlagung unterschiedlich - gegen ihren Totalitätsanspruch vorzugehen, weil er sich eben gegen die undiskutablen Grundlagen des Christentums richte. Dabei ist für die Kirche das Wichtigste die Jugendfrage. Dass sie auf dem Gebiete der Erfassung der Jugend weitgehende Erfolge zu verzeichnen hat, ist unverkennbar. Zu ihrer Leitung nimmt sie die besten Kräfte sowohl aus der jungen Geistlichkeit als auch aus dem Laien-Element, die sie erst nach eingehender Ausbildung ansetzt. Sie erfasst die Jugendlichen mit geschickter, durchaus zeitgemässer Propaganda und verstärkt vor allen Dingen Symbolik und Treuegefühl. Auf Grund der gegebenen Sachlage taucht im Bezirk immer wieder die Frage auf, ob nicht doch eine Zusammenfassung der gesamten Jugend in der Hitlerjugend unter gleichzeitiger Gestellung von einer Art durch den Staat zu bestätigender Feldgeistlichen für die Lösung der Jugendfrage das Richtige sei. Hinzu kommen im Kampf der Geistlichkeit gegen das Neuheidentum und den - wie oben ausgeführt - für seinen Förderer gehaltenen Nationalsozialismus diejenigen Kräfte in der Geistlichkeit, welche den Rückgang ihres politischen Einflusses nicht verschmerzen können oder fanatische Hasser Preussens und des Nationalsozialismus sind. Sie haben es z.Zt. aber leicht, sich durchzusetzen, denn sie finden so gut wie keinen Widerspruch, wenn sie erklären, sie hätten eben mit ihrer Anschauung Recht gehabt, dass der Nationalsozialismus doch ein Feind der Religion und insbesondere der katholischen Kirche sei. Die katholische Bevölkerung hat den Eindruck, dass man das wärmende Laken der Kirche von ihren Schultern ziehen wolle, ohne ihr einen gleichwertigen Ersatz bieten zu können. Sie ist überzeugt, dass ein Ortsgruppenkulturwart bei weitem nicht einen Kaplan ersetzen kann, der ihr aus dem Katholizismus heraus für jede Situation des Lebens einen Trost zu geben vermag, gleich wie dieser ist. Die Bevölkerung denkt dabei auch an die Erfahrung, die sie mit der Jugend gemacht hat, die nach ihrer Meinung zum Teil aus den alten Verbänden herausgeholt wurde, ehe man das neue Haus und die vorgebildeten neuen Führer bereit hatte.
Im einzelnen darf ich noch auf folgende bemerkenswerten Vorgänge hinweisen:
Es ist nicht nur eine Stärkung der katholischen Jugendorganisationen, sondern auch der katholischen studentischen Korporationen zu verzeichnen. Gerade aus deren Reihen stehen heute wieder zahlreiche Männer in führenden Posten, sodass allgemein die Ansicht herrscht, es sei ihnen allmählich gelungen, im Dritten Reich einen ähnlichen Einfluss zu gewinnen, wie sie ihn vor der Machtübernahme hatten. Auffällig ist, dass sich z.B an der Technischen Hochschule in Aachen ihr Nachwuchs in diesem Semester in erster Linie aus Angehörigen der Hitlerjugend zusammensetzt.
Wegen Verbreitung falscher Gerüchte über den BDM ist vor einiger Zeit ein katholischer Aachener vom Sondergericht in Köln zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das Verfahren war dadurch in Gang gekommen, dass sich einer seiner Bekannten, dem er diese Gerüchte ebenfalls erzählt hatte und dessen Enkel im BDM sind, aus Besorgnis an die zuständige Gauführerin wandte und diese um Aufklärung bat. Sie erstattete alsdann Anzeige bei der Staatspolizei. Unmittelbar nach der Verurteilung des Gerüchtemachers wurde sein Bekannter wiederholt von anderen Personen der Gemeinde beschimpft, weil er seinen Freund ins Unglück gestürzt habe, und als Verräter bezeichnet. Anstatt dass der zuständige Pfarrer hiergegen einschritt, schrieb er dem Bekannten des Verurteilten einen Brief, in welchem er ihm mitteilte, dass die Erregung der Gemeinde gegen ihn so zugenommen habe, dass er ihm nahelegen müsse, nicht mehr so häufig wie bisher zur Kommunion zu gehen, da er für nichts garantieren könne.
Während die Geistlichkeit seinerzeit die Einführung des Staatsjugendtages und die Freistellung des Sonntags von Veranstaltungen der Hitlerjugend pp. durchaus begrüsste, weil diese Veranstaltungen am Sonntag angeblich das religiöse Leben gefährdeten, geht sie neuerdings zum Angriff auf den Staatsjugendtag über. Auch diesmal dient als Begründung die angebliche Gefährdung des religiösen Lebens, nämlich der Beichte usw. M.E. fühlt sie sich stark genug, nunmehr ihrerseits zum Angriff übergehen zu können. (…) Neugründungen von Ortsgruppen katholischer Vereine und Jugendorganisationen sind immer noch zahlreich zu verzeichnen. (…)
Als Ausfluss der kritischen Stimmung, welche in katholischen Kreisen hinsichtlich der seelsorglichen Betreuung des Arbeitsdienstes, der Landhilfe und der Landjahrkurse herrscht, ist ein Erlass anzusehen, welcher im Kirchlichen Anzeiger der hiesigen Diözese erschienen und am 2. Weihnachtstag von den Kanzeln verlesen sowie in den Tageszeitungen veröffentlicht wurde. In ihm wird auf die angeblichen religiösen Nöte der jungen Katholiken in den vorerwähnten Gemeinschaften hingewiesen und zu Sammlungen aufgefordert, um diesen Nöten entgegentreten zu können. Da der Wortlaut des Erlasses in einigen Fällen so gehalten war, dass er als allgemeine Kritik an Arbeitsdienst, Landjahr und Landhelferkursen aufgefasst werden musste, habe ich beim Bischöflichen Generalvikariat einige Änderungen erwirkt. Trotzdem hat die Bevölkerung in verschiedenen Fällen eine solche allgemeine Kritik bei der Verlesung des Erlasses herauszuhören geglaubt.“
Rubrik „N.S.D.A.P. und ihre Gliederungen“: „Im Freiwilligen Arbeitsdienst lässt offenbar die Auswahl der Unterführer vielfach noch zu wünschen übrig. Sie sollen häufig durchaus unangebrachte Kommis-Methoden anwenden. Der den weiblichen Arbeitsdienst behandelnde Film "Ich für dich und du für mich" hat in der Öffentlichkeit eine schlechte Kritik gefunden. Gerade von denjenigen, welche den Arbeitsdienst mitgemacht haben, wird er als unwirklich und kitschig bezeichnet. Das sei umso bedauerlicher, als man gerade aus dem Arbeitsdienst heraus gute Filme drehen könne, wo es doch Menschen und Landschaft in vorbildlicher Weise gebe.
Bezüglich der Hitlerjugend herrscht ganz allgemein die Ansicht, dass es hier z. Zt. sehr im Argen liegt und insbesondere das Problem der Führer-Auswahl noch durchaus ungelöst ist. Mit der Führung durch Gleichaltrige sind durchweg schlechte Erfahrungen gemacht worden. Die Jugend will Vorbilder und Überlegenheit sehen. Eine grundlegende Änderung scheint, wenn nicht unabsehbare Folgen entstehen sollen, dringend notwendig. Aus allen Teilen des Bezirks gehen Klagen über das schlechte Benehmen und die Disziplinlosigkeit der Hitlerjugend ein. Sie zeige eine Überheblichkeit, die nicht mehr tragbar erscheine, zumal sie durch nichts gerechtfertigt sei. Die Schuld liege auch hier in erster Linie an den jugendlichen Führern, die sich ihrem Posten meist charakterlich nicht gewachsen gezeigt hätten. Es sei aber auch nicht verwunderlich, wenn ein noch nicht 20-jähriger Bannführer, der als solcher überall herangezogen und bevorzugt behandelt werde, einen gewissen Höhenrausch bekomme. Auffällig ist, dass viele Angehörige der Hitlerjugend, die durch Kurse in anderen Organisationen ältere tüchtige Führer kennen gelernt haben, die Hitlerjugend in zahlreichen Fällen alsbald verlassen. Man ist heute weitgehend der Ansicht, dass der Reichsjugendführer seiner Aufgabe nicht in der erforderlichen Weise gewachsen sei.
Unterstützt worden sind die Beobachtungen in der Öffentlichkeit durch den in der Presse veröffentlichten Brief eines Weimarer Pfarrers, betreffend das Benehmen der Jugend sowie durch den im hiesigen Grenzbezirk vom Auslande her bekannt gewordenen Briefwechsel zwischen dem Reichsjugendführer und dem evangelischen Reichsjugendpfarrer Zahn.“