Oktober 1934: Die Gestapo Dortmund berichtet für den Regierungsbezirk Arnsberg
„Am schärfsten und intensivsten aber geht der Kampf auch weiterhin um die Jugend. Mit allen Mitteln, von der Kanzel, bei Hausbesuchen, in Müttervereinen, überall wirbt der Pfarrer für die katholischen Jugendverbände. Dabei sind diese, besonders auf dem Lande, meist materiell gegenüber der Hitlerjugend stark im Vorteil. Sie haben schöne Heime, während bei der HJ die größte Heimnot herrscht und sogar die Durchführung des Staatsjugendtages im Winter in Frage stellt. Die Beiträge in den konfessionellen Verbänden betragen 10 Rpf monatlich, werden auch wohl ganz erlassen, während sie bei der HJ verhältnismäßig hoch sind und auch die Ausrüstung viel Geld kostet. Daneben spielt gerade in streng katholischen Gegenden das durch den Beitritt zur Jungschar erstrebte besondere Wohlwollen des Ortspfarrers eine große Rolle. Dazu kommt, dass in diesen Gegenden auch die Lehrerschaft noch vielfach die Werbung für die katholischen Jugendverbände unterstützt. Bezeichnend ist die Äußerung einer Lehrerin an dem Lyzeum in Attendorn, welche bei der Propaganda für den Jungmädchenbund u.a. von der herrlichen Kettler-Feier sprach, bei der Tausende von katholischen Jungen und Mädchen mit flatternden Christusbannern aufmarschiert seien, die aber abgebrochen werden musste, ‚weil ein Kanzler Hitler sprach‘. Auch der Sinn des Staatsjugendtages mit seiner propagandistischen Wirkung für die HJ wird von den Lehrern vielfach verfälscht, wenn sie den staatspolitischen Unterricht der Nichtmitglieder der HJ mit Spielen, Spazierengehen und Rätselraten, wie es geschehen ist, ausfüllen. Andererseits klagen die Eltern der HJ-Angehörenden, dass ihnen die Kinder am Sonnabendnachmittag, wenn sie in der Wirtschaft gebraucht werden, durch den Staats jugendtag entzogen, und dass sie infolge der Unreife und Unfähigkeit vieler Führer überanstrengt werden und auch sonst Schaden nehmen. So wurden in der Berichtszeit wieder eine Reihe sittlicher Verfehlungen von Hitler-Jugendführern festgestellt.
Daneben nimmt der Kampf um die Jugend auf Seiten der katholischen Verbände oft auch Formen an, welche einen glühenden Fanatismus und Hass gegen die Bewegung verraten. So hat der z.Zt. auf Wanderschaft befindliche Bezirksführer der katholischen Jungschar in Herne einem zur HJ übergetretenen Mitglieds einen Brief geschrieben, in welchem er den Jungen als schuftigen Verräter bezeichnet und ihm prophezeit, dass er nach dem 13. Januar 1935 sein Hemd wieder werde wechseln müssen; dann käme die Entscheidung und alle Herren Nazis würden gewesen sein, auch der Adolf. Ermittlungen nach dem derzeitigen Aufenthalt des Briefschreibers sind eingeleitet. Die Werbeplakate an den Kirchentüren sprechen von dem reinigenden gegenwärtigen Märtyrertum der Jungscharen und enthalten oft auch ausgesprochen staatsfeindliche Tendenzen. In verschiedenen Fällen mussten sie entfernt und Verfahren eingeleitet werden. Folgende Sätze aus solchen Plakaten sind für die Art der Werbung kennzeichnend:
‚Am Staatsjugendtag gehen unsere Jungen gern und froh in die Schule, weil sie von berufenen Lehrpersonen unterrichtet sein wollen. So wird dieser Tag ungewollt ein „Tag der Jungschar". Wir sind zwar ‚nur‘ Christus-Jugend, aber das ist unser Stolz. Auf uns sieht nicht nur ein Volk.‘
‚Wir sind in Deutschland des Christentums über 1 Million und wissen, dass uns Nachteile erstehen, wissen auch, dass wir nur die Fahne zu verlassen brauchen, um es „besser" zu haben, aber wir wissen an erster Stelle, dass es in den Seelen von Millionen junger und älterer Deutscher Nacht zu werden droht - und das verpflichtet uns, zu kämpfen, zu helfen und treu zu sein IX.‘
‚Trotz schwerer Zukunft bringt uns keiner aus unserer Gemeinschaft, wir halten zu unseren Präsessen in eiserner Treue!‘
‚Katholische Priester und deutsche Männer sind wachsam und kämpfen mit uns.‘
Diese Arbeit ist auch nicht ohne Erfolg geblieben. In einzelnen Kreisen haben besonders die Jungmädchenbünde erheblichen Zuwachs erfahren, sogar neue Vereine mussten gegründet werden. Oft sind das aber örtliche Erscheinungen, welche ihren Grund in dem Mangel an geeigneten Führern in der HJ. haben.“