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Ereignisse
1934
Mai

Zeltlager der Neudeutschen aufgelöst

Der Führer der ND-Gruppe Essen-West berichtet über einen Konflikt mit der HJ anlässlich eines Pfingstzeltlagers in der Nähe des Klosters Gerleve bei Coesfeld.

„Um unsere diesjährigen Pfingstferien gänzlich ungestört und unabhängig von der Umwelt zu gestalten, hatten wir auf dem Grund und Boden des Klosters Gerleve ein Zeltlager aufgeschlagen. Nachdem alle zuständigen Behörden benachrichtigt worden waren und wir volle Genehmigung erhalten hatten, begannen wir unser Lager am Samstag, den 19. Mai. Dieses konnte von keinem öffentlichen Weg bemerkt werden, da das Kloster absichtlich diese Stelle wählte, um allen unnötigen Störungen aus dem Weg zu gehen. Hier lebten wir in echt Neudeutscher Gemeinschaft, bis am Mittwoch Abend gegen 18.15 Uhr etwa 20 bis 30 Hitlerjungen in Marschkolonne ins Lager eindrangen. (Sie hatten vorher den Garten des Klosters besichtigt und waren dann um 16 Uhr wieder entlassen worden. Das Erscheinen gegen 18.15 Uhr war also gröblicher Missbrauch der Gastfreundschaft durch die HJ). Im Lager weilte auch der hochw. Herr P. Odo von der Abtei, der unser geistlicher Führer im Lager war. Der Führer der HJ verlangte nach dem Lagerführer und als ich dann hinzugezogen worden war, machte er mir Vorwürfe, dass wir das Lager nicht abhalten dürften. Obgleich ich mit Unterstützung des Herrn Paters heftig dagegen protestierte und ihm sagte, dass das Lager vom Herrn Landrat genehmigt sei, ordnete er an, dass die Zelte von 3 Hitlerjungen durchsucht und ein Banner, das aufgefaltet unter dem Fahnenmast hing, mitgenommen werden sollte. Als einer von den unsrigen sie darauf aufmerksam machte, dass das Diebstahl sei, nahmen mehrere Führer von der HJ, die aus dem Glied getreten waren, gegen den Betreffenden von uns eine sehr drohende Haltung an, und nur dem gütigen Zureden des Paters war es zu verdanken, dass der Neudeutsche nicht von den wütenden Hitler-Jungen misshandelt wurde. Unter Mitnahme der Fahne zog dann die Hitler-Jugend ab. (Sie schlugen einen Weg ein, der nur durch Klostergrund führt und von keinem anderen betreten werden kann, es sei denn, dass man über Felder geht. Pater Odo machte die abziehende HJ noch darauf aufmerksam, jedoch ohne gehört zu werden.

Sofort darauf ging dann P. Odo zum Kloster und benachrichtigte den Stellvertreter des Herren Landrats über die Vorfälle (Der Herr Landrat war selbst im Urlaub). Am folgenden Morgen traf dann der Stellvertreter des Herrn Landrats, Herr van Berendt, in Begleitung des Herrn Regierungsreferendars Feldkamp am Lager ein. Die Hitlerjungen waren schon seit 7.30 Uhr im Lager in Begleitung von 2 Beamten der Gendarmerie zu Billerbeck, ein Hitlerjunge wurde sogar dabei überrascht, wie er über die Klausurmauer stieg und dabei einen Spalierobstbaum stark beschädigte. Der das Lager und die Zelte untersuchende Oberwachtmeister fand alles in Ordnung und wartete auf das Erscheinen des Herren Berendt. Als die beiden Herren dann erschienen, gab zunächst der Hitlerjunge Rohloff vom Oberbann Münster, der auch am Abend vorher die HJ führte, einen Bericht gegen uns, woraus hervorging, dass sie 1. am Mittwoch Nachmittag unerlaubter Weise in die Klausur des Klosters eingedrungen waren, und 2. sich die ganze Nacht durch bis 24 Uhr in der Umgebung des Lagers (20m Umkreis) (...), also auf Klostergrund, aushorchend aufgehalten hatten. - Die Anklage selbst war teilweise so haltlos und wurde von uns so leicht widerlegt, dass Herr Regierungsreferendar sie fast ganz fallen ließ und der HJ befahl, das gestohlene Christusbanner bis spätestens Donnerstag Mittag beim Oberwachtmeister in Billerbeck abzugeben und die Klausur unverzüglich zu verlassen. Er bezichtigte sie des qualifizierten Hausfriedensbruchs und machte sie darauf aufmerksam, dass Hitlerjugend Gott Dank noch keine polizeiliche Gewalt hätte und dass die HJ das Gastrecht als Führer verletzt hätten.

Dem Kloster drückte Herr Feldkamp noch seine Genugtuung über das ausgezeichnete Verhalten des Neudeutschen Führers und überhaupt aller Jungen des Lagers aus. Für und war damit die Sache erledigt.

Für die HJ schien die Sache nicht so schnell abgetan zu sein. Wie groß war nämlich mein Erstaunen, als am Freitag Abend gegen 20 Uhr wiederum 3 Hitlerjungen in Begleitung eines Herren in Zivilkleidung auf einem privaten Zugang im Lager erschienen. Der Herr gab sich als Beamter der Geheimen Staatspolizei aus und erkundigte sich über mehrere Einzelheiten, u.a. auch über mein Alter und meinen Namen. Er schrieb sich noch die Anzahl der grauen Hosen (21) und Kletterwesten (3) auf und ließ auf sein Verlangen die Junges zum Essen antreten. (Es stellte sich nachher heraus, dass der betreffende dieses Auftreten als 'Wehrsport' bezeichnete!) Der Staatsbeamte begab sich dann mit dem inzwischen herbeigeholten P. Odo, der sein Erstaunen über das abermalige Eindringen auf Klostergrund über die Felder ausdrückte, in Begleitung der 3 Hitlerjungen zum hochw. Herrn Abt ins Kloster. Er befahl uns, einstweilen das Lager ruhig fortzuführen. (P. Odo wurde sogleich die Mitteilung gemacht, dass das Lager geschlossen werden müsse).

Nach einer Unterredung von etwa 1 ½ Stunden kam P. Odo zum Lager und sagte mir, dass das Lager bis Samstag Morgen 10 Uhr zu räumen sei. Die 4 Herren hätten sich unter Mitnahme von 9 grünen Hemden entfernt. Grund der Aufhebung war: 'Öffentlichkeit das Lagerplatzes'. Dieses ist jedoch durch die obige Beschreibung des Platzes glatt widerlegt.

Am Samstag fuhren wir dann um 9.05 Uhr in aller Ordnung und Disziplin mit dem Auto von Gerleve nach Essen zurück."

Diesen Bericht schickte der ND-Gruppenführer am 12. Juni 1934 mit folgendem Kommentar an die Redaktion der katholischen Jungendzeitschrift „Junge Front":

„Ich dachte mir nun in Verbindung mit unserem geistlichen Gauleiter Kaplan Prohaska, die Vorfälle in einem kurzen Hinweis zusammen zu fassen und ihn in der 'Jungen Front' zu veröffentlichen. Es ist ja sehr wichtig und notwendig, dass die Aufsicht immer wieder Tatsachen zu hören bekommt, die auf das Verhalten und Aufführen der HJ hinweisen.

Der Hinweis könnte vielleicht ungefähr so lauten:

In den Pfingstferien hielten 90 Essener Neudeutsche im Garten eines Klosters in Westfalen ein feines Zeltlager ab. 2 Tage vor Schluss d. Lagers kamen 3 Hitlerjungen und ein Beamter d. geheimen Staatspolizei und dieser löste das Lager auf, trotzdem schon zahlreiche Hitlerjungen 2 Tage vorher in das Klostergebiet eingedrungen waren, ein Christusbanner entwendet und schließlich daraufhin vom zuständigen Landrat eine schwere Rüge erhalten hatten. Grund der Auflösung: Öffentlichkeit des Lagerplatzes! (Klostergrund!)

Sollten Sie noch etwas hinzuzufügen oder zu verbessern haben, können Sie das ja machen. Hoffentlich finden wir den Abdruck bald in der 'Jungen Front'."

Die Antwort der Redaktion der „Junge Front" fiel jedoch ernüchternd aus. „Der Bericht über Euer Zeltlager usw. hat uns interessiert und wir danken Euch dafür. Veröffentlichen kann man aus mancherlei Gründen nichts davon. Aber vielleicht habt Ihr gelegentlich einmal einen anderen Beitrag für uns."

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