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Briefzensur im NS-Staat

Das NS-Regime schränkte die freie Meinungsäußerung und das damit eng zusammenhängende Briefgeheimnis unmittelbar nach der Machtübernahme drastisch ein. Das bis dahin als hohes Gut geschützte Grundrecht des Brief-, Post-, Telegrafen- und Fernsprechgeheimnisses wurde bereits einen Tag nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 durch die berüchtigte Verordnung „zum Schutz von Volk und Staat“, die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung”, außer Kraft gesetzt. Zugleich wurde damit der Polizei und hier insbesondere der Gestapo, „die Möglichkeit gegeben, im Interesse der Staatssicherheit die dem Staat und der Staatsführung durch die Tätigkeit der staatsfeindlichen Elemente drohenden Gefahren durch wirksame Maßnahmen in vorbeugender Weise zu beseitigen oder auf ein Mindestmaß zu beschränken” – so der Text einer offiziellen Darstellung aus dem Jahr 1938. Damit wurde zwar nicht das Briefgeheimnis, wohl aber das Postgeheimnis gebrochen, indem auf entsprechende Anforderung der Gestapo oder dem Sicherheitsdienst der SS Postbeamte Briefe zur inhaltlichen Kontrolle aussonderten und an die Polizei weiterleiteten. Nach Überprüfung der Sendungen wurden freigegebene Briefe und Pakete dann zurück ins Postamt geschafft und weiterbefördert. [1].

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erfuhr die Briefzensur eine erhebliche Verschärfung. Etwaige kritische Äußerungen in (Feldpost-) Briefen fielen nunmehr unter den Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“, der mit Gefängnis, Zuchthaus oder gar mit dem Tode bestraft werden konnte. Die deutschen Zensurbehörden, die ihre Arbeit am 12. März 1940 aufnahmen, untersagten die briefliche Übermittlung folgender Inhalte:

- Angaben über dienstliche Vorgänge, die der Geheimhaltung unterliegen,
- Gerüchte aller Art,
- Lichtbilder und Abbildungen, die der Geheimhaltung unterliegen,
- Feindpropaganda, zum Beispiel Flugblätter,
- kritische Äußerungen über Maßnahmen der Wehrmacht und der Reichsregierung,
- jegliche Aussagen, die den Verdacht der Spionage, Sabotage und Zersetzung erwecken.

Die Zwickmühle, in die insbesondere jüdische Briefeschreiber dadurch gerieten, bracht Max Schönenberg im Oktober 1939 in einem Brief an seinen nach Shanghai emigrierten Schwager Julius Kaufmann so plastisch wie pragmatisch auf den Punkt: „Du möchtest gern recht viel von hier wissen. Und wir schrieben und schreiben recht wenig von hier. Mit Absicht. Du hast doch mehr von einem kurzen Gesundheitsbericht, den Du bekommst, als von einem interessanten Lagebericht, den die deutsche oder englische Censur nicht durchlässt.“[2] Bei allem, was die mit der Briefzensur Befassten nicht klar verstanden oder zuordnen konnten, drohte die Gefahr, dass der weitere Transport der Nachricht unterbunden oder derartige unverstandene Passagen zumindest unkenntlich gemacht wurden. Vor diesem Hintergrund richtete Max Schönenberg im November 1940 folgende eindringliche Forderung an seine in der Schweiz lebende Nichte Gerda: „Ich bitte Dich, mit Rücksicht auf die Censur Fremdworte und gar noch griechische Buchstaben zu vermeiden.“[3]

Das, was in Briefen angesichts der gebotenen Vorsicht schließlich noch geschildert wurde, konnte natürlich kein in allen Details getreues Bild des realen Alltags mehr sein, was den heutigen Quellenwert solcher Korrespondenzen zwangsläufig einschränken muss. Sie stellen lediglich eine „Konstruktion von Wirklichkeit unter äußeren und inneren zensierenden Bedingungen“ dar, was sogar dazu führen kann, dass sie jeweils lediglich für bestimmte „Kommunikationspartnerschaften“ Geltung haben können, in denen zuvor die konkrete Form des Nachrichtenaustauschs ausgehandelt worden war.[4] Resultat solcher Absprachen zur Irreführung der Zensur war dann häufig ein kodiertes Schreiben, bei dem durch Nutzung zuvor vereinbarter Tarnbegriffe bestimmte Personen und Orte, aber auch Gefühlszustände und Ereignisse verdeckt kommuniziert wurden.[5]. – Hierauf wird noch zurückzukommen sein.

Eine besondere Form der Kommunikation war die sogenannte „Gefangenenpost“. Kriegsgefangene, Internierte oder Insassen eines Gettos bzw. Konzentrationslagers sahen sich besonders strengen Kommunikationsverboten oder -einschränkungen unterworfen, die immer auch Isolation, Wehrlosigkeit und Ausgeliefertsein bedeuteten. Die Versorgung von Gettos und Lagern mit zensierter Post war ein nach innen und außen gerichtetes Herrschaftsinstrument. Nach außen wirkte die Versorgung der Familienangehörigen mit Post als gut kontrolliertes Beruhigungsmittel, wobei die Übermittlung selbst rudimentärer Lebenszeichen der Internierten zumindest zeitweise der Gerüchtebildung entgegenwirkte.[6]

Dabei wurden sowohl die Schreibfrequenz als auch die Menge der erhaltenen Post sowie der jeweilige Inhalt durch Lagerordnungen strikt reglementiert. Hierzu wurden in aller Regel vorgedruckte Briefbögen und Postkarten ausgegeben, die nur wenig Raum für schriftliche Mitteilungen ließen. Sowohl der Posteingang als auch deren Ausgang waren einer strengen Kontrolle der von der SS kontrollierten Prüfstellen unterworfen.[7] Die Zensurpraxis war insgesamt von Willkür geprägt, wobei beanstandete Briefe nicht selten vernichtet oder derartig verstümmelt wurden, dass nur noch einzelne Papierschnipsel beim Empfänger ankamen. Auch in diesen Korrespondenzen versuchten einige Schreiberinnen und Schreiber, über Kodierungen oder Geheimsprache Inhalte zu vermitteln, ohne dass die Kontrolleure das bemerkten.[8]

„Wir sind jetzt beide viel ruhiger“, schrieben beispielsweise Isidor und Erna Treidel aus Koblenz im Juni 1943, als sie über Köln nach Theresienstadt deportiert wurden, an Freunde. Die wenigen überlieferten Postkarten, mit denen sie versuchten, Kontakte aufrechtzuhalten, sind allesamt „Beispiele verzweifelter, erzwungener Verschleierung“. Der bewusst gewählte Ton - „Wir hatten hier in jeder Beziehung eine sehr gastliche Aufnahme“ lassen eher an Urlaubsgrüße als an ein Lebenszeichen aus dem Getto und damit dem Vorhof zur Hölle denken. Solche Mitteilungen galten allein der Beruhigung der Zurückgebliebenen.[9] . Das schränkt deren Bedeutung als sehnlichst erwartete „Lebenszeichen“ aber keineswegs ein.

Fußnoten

[1] Vgl. Kilian, Medium, S. 14ff.

[2] Max Schönenberg an Schwager Julius Kaufmann, 22.10.1939.

[3] Max Schönenberg an Nichte Gerda, 18.11.1940.

[4] Humburg, Gesicht, S. 117. Vgl. hierzu auch Jander, Selbst- und Fremdbilder, S. 33ff. Das traf allerdings nicht auf alle überlieferten Korrespondenzen gleichermaßen zu. So ergab eine inhaltliche Analyse von rund 50.000 Feldpostbriefen, dass die meisten Soldaten ihre Meinungen und Ansichten offenbar unbeeindruckt jeglicher Zensurauflagen erstaunlich offen zu Papier brachten. Das hing sicherlich auch mit der Erwägung zusammen, dass angesichts eines derart großen Postaufkommens nur ein kleiner Teil tatsächlich von den Zensurbehörden kontrolliert werden konnte. (Vgl. Buchbender/Sterz, Gesicht, S. 24 und Kilian, Medium, S. 102. Vgl. mit einem interessanten Einzelbeispiel auch Jander, Selbst- und Fremdbilder, S. 34f.). Für die jüdische Bevölkerung war die Notwendigkeit, sich an die Bestimmungen der „äußeren“ Zensur zu halten und diese durch deren „innere“ Variante noch auszuweiten, sicherlich nochmals deutlich größer als für die „Mehrheitsgesellschaft“. Aber auch hier gab es natürlich vorsichtigere und mutigere Schreiberinnen und Schreiber.

[5] Das weitaus sicherere und effektivere Verfahren, das Soldaten immer wieder anwandten, indem sie auf Urlaub fahrenden Kameraden Briefe und Mitteilungen zur direkten Übergabe an die Adressaten mitgaben. war jüdischen Korrespondenzpartnern naturgemäß verschlossen. Vgl. dazu Jander, Selbst- und Fremdbilder, S. 35f.

[6] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gefangenenpost_ (122.7.2021).

[7] Vgl. Kilian, Medium, S. 123ff. und 140ff.

[8] Vgl. Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 1995, S. 149 und Walter Poller: Arztschreiber in Buchenwald. Bericht des Häftlings 996 aus Block 36, Hamburg 1946, S. 221f.

[9] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article204608010/Briefe-aus-dem-Getto-Wir-hatten-hier-eine-sehr-gastliche-Aufnahme.html. Die (transkribierten und kommentierten) Postkarten des Ehepaars Treidel finden sich einschließlich Faksimiles unter https://stadtarchivkoblenz.files.wordpress.com/2019/10/treidel-postkarten.pdf (22.7.2021). Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die Postzustellung in und aus Gettos in aller Regel langsam und vor allem unzuverlässig gestaltete. Postkarten konnten oft monatelang unterwegs sein, was die Gettoinsassen häufig als Zeichen abnehmender Zuneigung interpretierten, während die Außenstehenden das Ausbleiben regelmäßiger Lebenszeichen zumeist als lebensbedrohliche Gefahr interpretierten. (Vgl. Hájková, Mutmaßungen, S. 188).

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