Selbstzeugnisse als Quelle zum Holocaust
Umso erstaunlicher erscheint es, dass solchen Quellen seitens der Holocaustforschung bislang relativ wenig Interesse entgegengebracht wurde. Zwar hat Raul Hilberg etwa auf die Bedeutung von Tagebücher aus den Gettos hingewiesen und gefordert, in allen verfügbaren Quellen nach Antworten zu suchen[1], doch verzichtete er darauf, auch jene Selbstzeugnisse einzubeziehen, die bereits vor den Deportationen und parallel zu ihnen auf deutschem Boden entstanden. Gerade solchen schriftlichen Äußerungen von unmittelbar von der NS-Verfolgung Betroffener schenkte er in seiner lesenswerten Studie über die Entschlüsselung und Interpretation der „Quellen des Holocaust“ überraschenderweise kaum Beachtung.[2] Stattdessen beschränkte Hilberg sich weitgehend auf amtliches Schriftgut und den in Gettos entstandenen Aufzeichnungen. Erhalten gebliebene Privatbriefe, so heißt es bei ihm lediglich, seien „zum größten Teil isolierte Fragmente“, ohne dass näher auf deren Relevanz für ein Verständnis der damaligen Ereignisse und Stimmungslagen eingegangen würde.[3] Solche, oft in erstaunlichem Umfang überlieferte und inhaltlich so informative wie bedrückende Selbstzeugnisse hatte die Holocaustforschung um die Jahrtausendwende offenbar noch nicht „entdeckt“.[4] Das hat sich seitdem jedoch deutlich verändert. Als Beleg hierfür kann insbesondere das kurz vor seinem Abschluss stehende große Editionsprojekt „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ als Indikator herangezogen werden. In dessen seit 2008 erscheinenden insgesamt 16 Bänden wurden und werden neben den „klassischen“ Quellen zur Geschichte des Holocaust auch eine beachtliche Zahl von privaten Briefen und Tagebuchauszügen in die umfassende Auswahl aufgenommen.
So bedeutsam solche Einzeldokumente für das Verständnis von Lage und Alltag der jüdischen Bevölkerung sicherlich auch sind, so fehlt bislang jedoch noch immer der Versuch, diese zentralen Aspekte jüdischen Lebens vorrangig auf der Grundlage solcher Selbstzeugnisse zu betrachten und zu analysieren. Das soll hier nun versuchsweise, zugleich aber auch in dem klaren Bewusstsein geschehen, dass gerade diese Form der Überlieferung in mehrfacher Hinsicht mit großer Vorsicht und möglichst differenzierter Quellenkritik zu behandeln ist. Da Briefe und Tagebücher damit zur zentralen Grundlage der hiermit vorgelegten Untersuchung werden, gilt es zum genaueren Verständnis dessen, was geschrieben, vor allem aber auch dessen, was verschwiegen wurde, zunächst den spezifischen Bedingungen auf den Grund zu gehen, unter denen das NS-Regime der Bevölkerung und vor allem deren jüdischen Teil überhaupt eine freie Meinungsäußerung zugestand.
Fußnoten
[1] Vgl. mit Bezug auf verschiedene Veröffentlichung Hilbergs Bergen u.a., Alltagsgeschichte, S. 7f.
[2] Vgl. Hilberg, Quellen, passim.
[3] Hilberg, Quellen, S. 45. Weiter heißt es dort ebenso knapp: „Briefe von aus Deutschland nach Polen deportierten Juden, die geschrieben wurden, bevor die Vernichtungsaktionen einsetzten, vermitteln Einblicke in die neue Umgebung. Briefe einer Jüdin in einem kleinen Gefängnis an ihre halbjüdischen Kinder wurden herausgeschmuggelt und sind erhalten geblieben.“ „Persönliche Tagebücher“ finden zwar kurze Erwähnung, doch hat Hilberg hierbei offenbar ausschließlich Dokumente im Auge, die von vornherein mit der Absicht einer „späteren Verbreitung“ der darin niedergelegten Beobachtungen verfasst worden waren. Nicht ohne Grund nannte er als Beispiele für solche Tagebuchschreiber mit Joseph Goebbels, Adam Czerniaków und Raymond-Raoul Lambert führende Repräsentanten des NS-Staates und der jüdischen Selbstverwaltung, deren Aufzeichnungen nach 1945 mit großer Reichweite publiziert wurden. Auf rein private Tagebücher, wie etwa die hier intensiv genutzten Notizen von Berta Frank, geht er nicht ein. (Hilberg, Quellen, S. 20 und v.a. S. 48).
[4] Das erstaunt insofern, als gerade Hilberg – wie bereits skizziert – Zeitzeugenerinnerung als in ihrer Aussagekraft begrenzte Quellen definierte, zugleich aber das Potenzial von zeitgenössischen und insofern authentischen Selbstzeugnissen offenbar weitgehend ignorierte.