Einführung: Briefe als „Spiegel der Zeit“
So, wie sich die jüdische Bevölkerung nach der NS-Machtübernahme nicht plötzlich als homogene Masse mit gleicher Sichtweise, religiöser Orientierung und Lebensgewohnheiten präsentierte, so fiel natürlich auch das, was jede einzelne Jüdin und jeder einzelne Jude in Selbstzeugnissen artikulierte, unterschiedlich aus. In Briefen und Tagebüchern wurde also nicht „die“ Lebenswirklichkeit der jüdischen Bevölkerung in Deutschland oder auch nur jener in Köln zum Ausdruck gebracht, sondern stets lediglich die jeweils individuelle Sicht auf die Dinge. Und die war oft wohl weitaus stärker von der sozialen Herkunft aus (groß-) bürgerlichem oder ostjüdischem Milieu, dem Grad der Assimilation, der Stellung zum Zionismus und/oder der konkreten religiösen Orientierung bestimmt als durch die Tatsache eines abstrakten, vom NS-Regime aber stets pauschal betonten „Jüdischseins“. Unterschiedliche Herkunft, Sichtweisen und Handlungsoptionen einzelner mussten sich naturgemäß auch in deren Selbstzeugnissen niederschlagen und sind daher zunächst immer im individuellen Kontext und unter gebührender Berücksichtigung von Familien und Korrespondenzpartnern zu betrachten.[1] Es kann in dieser Untersuchung somit also lediglich um den Versuch gehen, aus zeitgleichen Äußerungen unterschiedlicher Menschen Momentaufnahmen zu „destillieren“, die von erheblicher inhaltlicher Bedeutung und Intensität sein können, aber stets nur die Beurteilung des Augenblicks darstellen, da künftige Entwicklungen zum Zeitpunkt des Verfassens der Schriftstücke natürlich noch unbekannt war.
Trotz dieser und weiterer, noch zu diskutierender Einschränkungen eröffnen Selbstzeugnisse wohl einen, wenn nicht gar den wichtigsten Zugang zum Verständnis des jüdischen Alltags zwischen 1933 und 1945. Im Gegensatz zu einer solchen Einschätzung baute die Forschung zur jüdischen Geschichte im besagten Zeitraum lange Zeit auf andere Quellen. Beate Kosmala etwa fand diese „zugleich überall und nirgends“ und nutzte, um die Kenntnisse über die damalige Lage möglichst systematisch auszubauen, „diverse Textsorten, die mit unterschiedlichem zeitlichen Abstand zum Geschehen entstanden“ sind. Ihr Hauptaugenmerk legte sie dabei jedoch vorwiegend auf das, was die Oral History zu den verschiedenen Untersuchungsfeldern zutage gefördert hat. Abgesehen davon, dass es zwischenzeitlich kaum mehr Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur NS-Zeit mehr gibt und die Forschung daher zunehmend auf die entsprechenden Erkenntnisse aus früheren Projekten zurückgreift, die somit selbst „zum Text“ und zur Quellengrundlage werden[2], gibt es in dieser Hinsicht weitere methodische Probleme zu berücksichtigen. So liegt es etwa auf der Hand, dass auf Zeitzeugenerinnerungen basierende Analysen den Blickwinkel auch deshalb massiv einschränken, weil in den Erinnerungen Überlebender naturgemäß traumatische, besonders brutale und einschneidende Ereignisse einen großen Raum einnehmen, während die langen Phasen zwischen solchen Zäsuren und damit das, was man gemeinhin als Alltagsleben unter der Verfolgung bezeichnet, weitaus weniger intensiv und detailliert erinnert werden.[3]
Daraus resultierende Langzeitfolgen sah das Comité des Délégations Juives bereits 1934 in seinem „Schwarzbuch“ voraus: „Wie viele Fabriken, Großhandelsfirmen, Kaufmannsgeschäfte im Stillen abgewürgt worden sind, ohne daß je eine Zeitung eine Zeile darüber gemeldet hat, ohne daß auch die geängstigten Besitzer je ein lautes Wort darüber gesprochen haben, davon wird selbst eine spätere Geschichtsschreibung schwerlich jemals ein vollständiges Bild geben können.“[4] Was hier auf die wirtschaftliche Ausplünderung fokussiert ist, betraf unter dem NS-Regime wohl jeden Bereich jüdischen Lebens. Durch die totale Kontrolle der öffentlichen Meinung, die Gleichschaltung der Presse sowie durch Überwachung und Denunziation verlor die jüdische Bevölkerung schrittweise ihre Individualität und das zuvor breite Spektrum ihrer eigenen „Stimmen“, was dazu führte, dass sie sich bald nur noch untereinander im eigenen Milieu austauschen konnte. Weil die Inhalte dieser Kommunikationsformen insbesondere durch die Ermordung der meisten, die die Zeit der NS-Herrschaft miterlebten, nahezu völlig verloren gingen, bleibt zur - stets sehr lückenhaft bleibenden - Rekonstruktion des damaligen jüdischen Alltags fast ausschließlich die in aller Regel zufällige schriftliche Überlieferung in Form von Selbstzeugnissen.
Fußnoten
[1] Gerade deshalb wurden die weitaus meisten hier einsehbaren Selbstzeugnisse samt Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte sowie der Vorstellung der jeweiligen Autorinnen und Autoren und deren Umfeld in ihrem vollen Umfang zugänglich gemacht.
[2] Bergen u.a., Alltagsgeschichte, S. 7f. Schon Raul Hilberg hatte den Erkenntnissen aus Zeitzeugenbefragungen. für die er das von Steven Spielberg initiierte Video-Archiv, das Yale Video Archiv und jene des USHMM und von Yad Vashem nannte, eine deutliche Begrenztheit attestiert, weil sie aufgrund ihrer zwangsläufigen Beschränkung auf Überlebende keinesfalls repräsentativ für die damalige jüdische Bevölkerung stehen könnten. (Vgl. Hilberg, Quellen, S. 50ff.)
[3] Vgl. Bergen u.a., Alltagsgeschichte, S. 10. Damit soll keineswegs die Bedeutung von Zeitzeugenbefragungen und der damit oft erzielte große Erkenntnisgewinn in Zweifel gezogen werden. Solche Interviews stellen jedoch eine völlig eigene Quellengattung mit ihren spezifischen Möglichkeiten und Grenzen dar. Im Kontext des Gesamtprojekts sind viele solcher Zeugnisse unter dem Menüpunkt "Menschen" in ausführlichen, in ihrer Mehrzahl videogestützten Lebensgeschichten Kölner Jüdinnen und Juden einsehbar. Sie tragen ihre Erlebnisse und Sichtweisen zu zahlreichen Aspekten - allerdings aus der Rückschau - Wichtiges bei.
[4] Comité des Délégations Juives (Hg.): Das Schwarzbuch. Tatsachen und Dokumente. Die Lage der Juden in Deutschland 1933, Paris 1934; zitiert nach Bopf, Arisierung, S. 11.