Auflösung und Ende
Es war noch keine Woche seit der Abfahrt des letzten Deportationszuges am 28. Oktober 1944 vergangen, als Getto-Kommandant Karl Rahm befahl, den Kolumbarium genannten Urnenhain mit der Asche der Ermordeten aufzulösen. Im Getto hielten sich nun noch etwa 11.000 Menschen auf, unter ihnen 819 Kinder unter 15 Jahren.
Angesichts der bevorstehenden deutschen Niederlage wurde Theresienstadt von Seiten der NS-Verantwortlichen nun eine völlig andere Rolle zugewiesen. So nahm Heinrich Himmler geheime Verhandlungen mit Vertretern internationaler jüdischer Organisationen auf, um auf diesem Weg Getto-Bewohner gegen Geld und Güter - wie etwa LKWs - einzutauschen. Tatsächlich kamen solche Geschäfte zustande, und am 5. Februar 1945 verließ im Rahmen dieses eigentümlich anmutenden Tauschgeschäfts ein Transport mit 1.200 Personen das Getto in Richtung Schweiz. Seine Abwicklung verdeutlichte, wie misstrauisch jeder Aussage von NS-Seite nach den Erfahrungen der Vergangenheit begegnet wurde, denn die Getto-Bewohner reagierten auf das überraschende Angebot mit tiefem Misstrauen und befürchteten eine erneute Täuschung. Da ihnen aber erstmals die Teilnahme freigestellt worden war, fanden sich schließlich doch noch genügend Teilnehmer, um den Transport aufzufüllen.
Noch aber stand Theresienstadt unter der Kontrolle des NS-Regimes, was auch durch einen letzten Besuch Eichmanns am 5. März 1945 verdeutlicht wurde. Er galt der Vorbereitung eines neuerlichen Besuchs einer Rote Kreuz-Delegation, der tatsächlich am 6. April 1945 in der im Juni 1944 errichteten Kulisse des „verschönerten“ Gettos stattfand. Und wieder gelang es, den gewünschten Eindruck zu erwecken, der die Delegation allen Ernstes von einem „kleinen jüdischen Staat“ sprechen und die „sozialen Errungenschaften“ im „jüdischen Siedlungsgebiets“ loben ließ.
Es wurde jedoch immer unübersehbarer, dass sich das Ende näherte. Nachdem am 15. April aufgrund einer schwedischen Intervention eine Gruppe dänischer Juden das Getto verlassen hatte, waren ab dem 20. April wieder große personelle Zuwächse zu verzeichnen, da auf der Flucht vor der Roten Armee mehre Evakuierungstransporte mit rund 15.000 Passagieren aus Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald und aus deren Außenlagern in Theresienstadt eintrafen. Zugleich hatte man auch hier damit begonnen, die Spuren der Verbrechen zu verwischen. So wurden etwa im April 1945 die Akten der Lagerkommandantur ebenso verbrannt wie die seit August 1943 hierhin ausgelagerten Bestände des Reichssicherheitshauptamts.
Nachdem Paul Dunant als Vertreter des Roten Kreuzes die SS am 30. April 1945 hatte davon überzeugen können, das Getto in dessen Obhut zu übergeben, wurde dieser Akt am 5. Mai offiziell vollzogen. An diesem Tag verließ mit Karl Rahm auch der letzte SS-Führer das Lager, und mit Benjamin Murmelstein legte auch der letzte „Judenälteste“ sein Amt nieder. Ungläubig notierte Eva Mändl in ihr Tagebuch: „Ist es möglich, dass wirklich Schluss ist? Einfach unglaublich. Die Deutschen sind angeblich schon weg von hier, niemand weiß etwas, verrückte Stimmung, alles in Erwartung ... “, um dann zu ergänzen: „Schluss! Konec!“[1]
Drei Tage später marschierten am 8. Mai 1945 Truppen der Roten Armee in Theresienstadt ein. Nachdem die neue tschechische Regierung am 10. Mai zusammengetreten war, löste sie am folgenden Tag das Getto offiziell auf.