Schein und Propaganda
Im Frühjahr 1943 begann das „Judenreferat“ des Reichssicherheitshauptamtes und die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag“ mit einer umfassenden Inszenierung und einer damit intendierten scheinbaren „Normalisierung“ des Gettoalltags, weil sich rasch darüber verbreitende Meldungen die Geheimhaltung des Massenmords an den europäischen Jüdinnen und Juden zu gefährden drohten. Die damit eingeleitete Täuschungskampagne war auch deshalb notwendig geworden, weil das Getto zu diesem Zeitpunkt mit weit mehr als 40.000 Bewohnern unvorstellbar überfüllt und weit vom idealisierten Bild eines „Alters-Gettos“ für Privilegierte entfernt war. Der erste Schritt der daher eingeleiteten Propagandaaktion war die vermutlich um die Jahreswende 1942/43 vollzogene, der Verharmlosung dienende Umbenennung des Gettos in ein „Jüdisches Siedlungsgebiet“. Das sollte nun geradezu als eine friedliche Oase für ältere Jüdinnen und Juden inszeniert werden, die hier angeblich ihren selbstbestimmten Lebensabend verbringen konnten.
Zuvor galt es brutal „aufzuräumen“ und Platz zu schaffen. Im September 1943 begannen daher Deportationen, um so die Einwohnerzahl von mehr als 40.000 bis zum 1. Januar 1944 auf 34.655 und bis Mai 1944 auf rund 28.000 zu reduzieren. Etwa 17.500 auf diese Weise in Auschwitz Ermordete waren der erste „Preis“ für die Verbesserungen im „Jüdischen Siedlungsgebiet“. Anschließend lief die eigentliche „Verschönerungsaktion“ an, in deren Verlauf alles daran gesetzt wurde, ein Trugbild zu erschaffen: Fassaden wurden getüncht, Geschäfte eingerichtet, ausgewählte Wohnungen renoviert und dem Kaffeehaus am Marktplatz die zentrale Funktion übertragen, die Illusion eines heiteren und entspannten Gemeinwesens zu erzeugen. Dazu passend wurden Blumen gepflanzt, Kinderspielplätze geschaffen, Wegweiser aufgestellt, Straßen und Plätze gereinigt und ein kurparkähnliches Areal mit Musikpavillon eingerichtet. So gelang es dem NS-Regime tatsächlich ein Stück weit, der Weltöffentlichkeit seine Inszenierung als glaubwürdig zu verkaufen - eben weil viele Verantwortliche im Juni 1944 oft wider besseres Wissen ganz einfach glauben wollten, was man ihnen präsentierte.
Dabei wusste man es natürlich längst besser. Im Juli 1943, also kurz vor Beginn der „Aufräumarbeiten“ in Theresienstadt, hatte sich die dortige Lage für Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes bei einem zweitägigen Besuch im Getto noch gänzlich anders dargestellt. Sie zeigten sich anschließend „tief beeindruckt, d. h. äußerst bestürzt“ und rangen förmlich nach Worten. „Die Lage im Getto sei grauenhaft. Es fehlt an allem. Die Leute seien furchtbar unterernährt, die medizinische Hilfe sei völlig ungenügend. Die Wohnungsverhältnisse seien grauenhaft, da in einem Städtchen, wo früher 7.000 Menschen wohnten, jetzt ungefähr 6-7 Mal so viele wohnen.“
Ein knappes Jahr nach Abschluss der „Verschönerung“ besuchte der 27-jährige Arzt Maurice Rossel als - unerfahrener und wohl mit antisemitischen Ressentiments belasteter - Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes am 23. Juni 1944 das Getto. Im Rahmen seines lediglich halbtätigen Besuchs im Getto, das sich laut des dort internierten Otto Pollak bei diesem Anlass als „Wolf im Schaftspelz“ präsentierte, tauchte er offenbar in eine sich gänzlich anders gebende Scheinwelt ein. Überall, so berichtete er anschließend, seien „Möbel in ausreichender Menge vorhanden“ gewesen, und es gebe genügend „Vorhänge, Teppiche, Tapeten, um die Wohnungen angenehm zu machen“. Er habe sich auch davon überzeugen können, „daß die Bevölkerung nicht unter Unterernährung“ leide, um zu einem noch heute mehr als irritierenden Gesamturteil zu kommen: „Es gibt sicher kaum eine Bevölkerung, die so gut versorgt wird wie die von Theresienstadt.“
Die dort Lebenden - wie etwa Käthe Starke - waren ob eines solchen Urteils entsetzt und fassungslos. Es habe, so erinnerte sie sich später, im Getto niemanden gegeben, „der daran gezweifelt hätte, oberstes Gesetz der Mitglieder dieser Kommission sei das Misstrauen. Ausnahmslos waren wir alle davon überzeugt, das Gestellte der Szenerie müsse den Blick hinter die schöne Kulisse schärfen.“[1] - Das Gegenteil war der Fall.[2]