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Ankunft und Alltag

Insgesamt kamen seit Juni 1942 rund 42.000 aus dem Reichsgebiet stammende Jüdinnen und Juden in Theresienstadt an. Die erste Station für alle dort Ankommenden war innerhalb des Gettos die sogenannte „Schleuse“, in der sie sich vor Eintritt auf dessen Gelände registrieren lassen und ihr Gepäck nach verbotenen Gegenständen durchsuchten lassen mussten. Bereits bei dieser Gelegenheit büßten die weitaus meisten einen erheblichen Teil ihrer ohne bereits stark reduzierten Habe ein.

Nach Abschluss dieser Prozedur wurde den „Durchgeschleusten“ dann eine Unterkunft zugewiesen. Mit diesem Akt, der bis auf die Ausnahme weniger Prominenter für fast alle Neuankömmlinge mit der Trennung von ihrer Familie einherging, begann ihr grausamer und kaum erträglicher Gettoalltag.

Ab Juni 1942 erreichten zahlreiche große Deportationen aus dem gesamten Reichsgebiet Theresienstadt. Diesen „Großtransporten“ des Sommers 1942 folgten anschließend bis zum Spätsommer 1943 noch zahlreiche kleinere Transporte von älteren Jüdinnen und Juden aus verschiedenen deutschen Städten, bei denen ihr bis dahin geltender Schutz vor einer Deportation entfallen war.

Der Wechsel in der praktizierten Form der Deportation war aus mehreren Gründen erfolgt. Solch kleinere Gruppen ließen sich für die SS deutlich leichter handhaben. So wurden sie etwa in Berlin teilweise per Möbelwagen abgeholt und zum Anhalter Bahnhof gebracht, wo sie speziell dafür vorgesehene und „reservierte“ Waggons eines Zuges besteigen mussten. Außerdem waren in den weitaus meisten Gebieten des Deutschen Reiches, in denen das Verfahren wohl vergleichbar gehandhabt wurde, die jüdische Bevölkerung durch die vorherigen Deportationen derartig zusammengeschmolzen, dass nicht mehr genügend Menschen vor Ort waren, um mit ihnen Großtransporte mit 1.000 Betroffenen zu füllen.

Das Leben im Getto bedeutete zwangsläufig und von Beginn an den Verlust des vorherigen, häufig von ausgeprägter Bürgerlichkeit geprägten Lebens. Statt wie zuvor als gesellschaftlich weitgehend Gleichberechtigte wurden die Getto-Bewohner nun wie Abschaum behandelt, der von allem ausgegrenzt war, dem er sich früher wie selbstverständlich zugehörig gefühlt hatte. Jede bis dahin erbrachte Lebensleistung verlor spätestens in Theresienstadt ihren gesamten Wert, was die dort auf engstem Raum konzentrierten Menschen zutiefst verletzte.

Dem psychischen Absturz folgte der durch die äußeren Lebensumstände verursachte tiefe physische Fall auf dem Fuße. Die Bewegungsfreiheit war auf die jeweils zugewiesene Kaserne beschränkt, während öffentliche Flächen in Theresienstadt zumindest solange nicht betreten werden durften, wie noch nichtjüdische Zivilbevölkerung in der Stadt lebte. Ab Anfang Juli 1942 durfte sich die jüdische Bevölkerung des Gettos dann immerhin bis zur abendlichen Sperrstunde frei bewegen und sich gegenseitig besuchen. Immer wieder aber wurden diese kleinen Freiräume durch längerfristige Ausgangs- und Lichtsperren unterbrochen oder zumindest massiv gestört.

Wie an vergleichbaren Orten auch war das Getto-Leben in Theresienstadt von der ersten Sekunde an insbesondere durch zwei existenzielle Faktoren bestimmt: der Unterbringung und der Versorgung. Nach ihrer Ankunft wurden die weitaus meisten der aus dem Reichsgebiet Eintreffenden zunächst auf die unmöblierten Dachböden der großen Kasernen verteilt, da es sich bei ihnen im bereits extrem überfüllten Getto in aller Regel um die einzigen noch leerstehenden Räume handelte, die sich allerdings als nahezu unbewohnbar erwiesen. Die alten, oft kranken Menschen lagen hier auf nackten Böden. Erst ab 1943, als sich die Verhältnisse in Theresienstadt etwas besserten, konnten die Betroffenen häufiger in Häuser umziehen.

Neben die elende Unterbringung trat der permanente Hunger. Es dauerte nicht lange, und die ersten der dauerhaft von Schmutz und Ungeziefer geplagten Bewohner starben an direkten und indirekten Folgen ihrer Unterernährung. Als Karl Loewenstein im Frühjahr 1943 die Pathologie des Gettos besuchte, zeigte er sich schockiert: „Die Leichen der Verstorbenen, die ich hier sah, bestanden lediglich aus mit Haut überzogenen Knochen. Diese Toten waren im wahrsten Sinne des Wortes verhungert. Ich sah Leichen, die nicht schwerer waren als ein kleines Kind.“[1] Daneben wurden Krankheit und Tod im Getto auch durch die desolaten sanitären Verhältnisse und der absolut mangelhaften Hygiene forciert.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Hájková, Jüdinnen, S. 206.

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