Personal und Häftlinge
Geleitet wurde das KZ Kaiserwald von Eduard Roschmann, dem füheren Leiter des Rigaer Gettos, der mit Blick auf die dortigen Zustände mit dem Beinamen „Schlächter von Riga“ versehen worden war.
Das im KZ eingesetzte Personal verfügte über große Handlungsspielräume, die Einzeltätern erhebliche Möglichkeiten im Spektrum ihres persönlichen Verhaltens eröffnete, was wiederum den Lageralltag der Häftlinge stark mitbestimmte. So waren die Entscheidungen im Rahmen der Selektionen, die kurz vor der Räumung des Lagers zunahmen, zumeist lebensentscheidend. Wer als „arbeitsunfähig“ kategorisiert wurde, wurde umgehend in der Nähe des Lagers erschossen. Ab Anfang 1944 teilte die SS immer wieder männliche Kaiserwald-Häftlinge zu den sogenannten „Enterdungsaktionen“ der „Sonderaktion 1005“ zu, in deren Rahmen die Leichen der in den Jahren 1941/42 bei Massenerschießungen Ermordeten exhumiert und verbrannt wurden. Sie alle wurden nach ihrem Einsatz ermordet.
Als wichtigstes Sammel- und Durchgangslager für jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Baltikum durchliefen zwischen Frühjahr 1943 und Herbst 1944 mindestens 18.000 Häftlinge das KZ Kaiserwald, von denen die weitaus meisten folgenden drei großen Personengruppen zuzuordnen waren:
1.) den rund 5.000 lettischen Jüdinnen und Juden, die die Massenerschießungen des Jahres 1941 überlebt hatten,
2) den etwa 5.900 Überlebende jener ehemals mindestens 25.000 deutschen, österreichischen und tschechischen Jüdinnen und Juden, die 1941/42 ins Reichskommissariat „Ostland“ deportiert und 1943 ins KZ Kaiserwald überstellt wurden,
3) den geschätzt 4.400 litauischen Jüdinnen und Juden, die aus den dortigen Gettos - vor allem aus Kaunas und Vilnius - überstellt wurden.
Im Lager selbst befand sich jedoch jeweils nur ein recht kleiner Teil der nach Kaiserwald eingewiesenen Häftlinge. So waren bis zum 18. August 1943 bereits 7.874 Jüdinnen und Juden dort registriert worden, von denen sich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich 1.950 im KZ selbst befanden. Von hier aus machten sich täglich Marschkolonnen zu den jeweiligen externen Arbeitsplätzen in den Außenkommandos auf den Weg.
Nach der Besetzung Ungarns im März 1944 wurden vermehrt auch ungarische Jüdinnen und Juden nach Kaiserwald deportiert, zudem auch ehemalige Insassen aus dem Getto in Litzmannstadt. Im Mai 1944 waren dort schließlich 11.878 Gefangene im Stammlager und seinen Außenlagern registriert, davon 6.182 Männer und 5.696 Frauen; lediglich 95 von ihnen galten als „Nichtjuden“. Sie alle versuchten dort unter katastrophalen Bedingungen sowohl im Haupt- als auch in den Nebenlagern zu überleben, wobei neben dem Hunger und Krankheiten insbesondere der Sadismus der Wachen viele Todesopfer forderte.