Menü

Gedenken

Die Erinnerung an das Getto Litzmannstadt und das Gedenken an die dort verübten Verbrechen und deren Opfer lag sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite nach Kriegsende lange weitgehend brach.

In Deutschland hat lange Zeit die Auseinandersetzung um die Vertreibung der Deutschen die Erinnerung an deren Rolle in Łódź überlagert. Diese selektive Erinnerung wurde erst durch verschiedene Gerichtsverfahren wegen NS-Verbrechen[1] und die Ausstellung des Jüdischen Museum Frankfurt über den spektakulären Fund von Farbfotos aus dem Getto[2] aufgebrochen und verändert.

Auf polnischer Seite erfolgte erst in den 1990er-Jahren eine Hinwendung zum Gedenken an die jüdischen Opfer. Bis dahin war das Gedenken in Łódź eng mit den politischen Interessen der herrschenden kommunistischen Partei verknüpft, die ihrerseits gegen Juden gerichtete Proteste mehrfach instrumentalisierte, um von der eigenen Rolle während der NS-Zeit oder politischen wie ökonomischen Krisen abzulenken.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Gettogelände wurde 2004 im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Auflösung des Gettos aufgrund einer privaten Initiative schließlich ein „Park der Überlebenden“ - der Park Ocalałych - mit einer Fläche von etwa 8,5 Hektar angelegt. Die Initiatorin selbst, eine Getto-Überlebende, pflanzte dort im Gedenken an das im Getto Durchlittene auch den ersten „Erinnerungsbaum“. Mehr als 400 weitere Bäume wurden von weiteren Überlebenden gepflanzt. Zum gleichen Anlass wurde ein „Pfad des Gedenkens“ eingeweiht, in dessen Verlauf sich 38 Orte und Objekte finden, an denen Gedenktafeln angebracht sind, die über die jeweilige damalige Funktion informieren und an das Getto erinnern.

Im „Park der Überlebenden“ verbindet mittlerweile eine Allee den „Hügel der Erinnerung“ mit einem auf seiner Spitze stehenden Denkmal in Form einer Parkbank mit dem zweiten Hauptelement des Parks, dem Denkmal für die Polen, die zwischen 1939 und 1945 Jüdinnen und Juden gerettet haben. Dieses 2009 eingeweihte Denkmal von Czesław Bielecki verbindet die Symbole zweier Nationen: den polnischen Adler mit ausgebreiteten Flügel und den Davidstern, der aus Tafeln mit den Namen von fast 7.000 Polinnen und Polen besteht, die mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern” ausgezeichnet wurden.

Der „Pfad des Gedenkens“ endet an der Bahnstation Radegast (Radogoszcz), die während der deutschen Besatzung nicht nur als Umschlagplatz für Nahrungsmittel, Heizmittel und Rohstoffe sowie als Verladebahnhof für die im Getto produzierten Waren diente, sondern an dem auch die Deportation von mehr als 150.000 Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager Kulmhof und Auschwitz ihren Anfang nahm. Auf dem Bahnhofsgelände wurde 2005 eine Holocaust-Gedenkstätte eingeweiht, die das hölzerne Bahnhofsgebäude, einen originalgetreuen Zug der Reichsbahn, Grabsteine und Gedenktafeln sowie einen den Weg in die Vernichtungslager symbolisierenden Tunnel umfasst, der zu einem Denkmal in Form eines an ein Krematorium erinnernden Turmes führt, das die Inschrift „Du sollst nicht töten“ trägt. Im Bahnhofsgebäude selbst wurde ein Museum eingerichtet, in dem unter anderem die Listen jener, die von deportiert wurden, eingesehen werden können.[1]

Fußnoten

[1] Die Taten im Getto Litzmannstadt standen dabei nicht im Zentrum. Es sei aber verwiesen auf Hans Biebow, der seit Mai 1940 als Leiter des Gettos fungierte. Er konnte nach Kriegsende zunächst in Deutschland untertauchen, bis er 1947 verhaftet wurde. Nachdem ihn die Alliierten an Polen ausgeliefert hatten, wurde er am 30. April 1947 in Łódź zum Tode verurteilt und dort am 23. Juni 1947 hingerichtet. Walter Zirpins, der von Mai 1940 bis zum Februar 1941 die Kriminalpolizei im so genannten „Roten Haus“ geleitet hatte, blieb ohne Bestrafung. Ein spätes Ermittlungsverfahren gegen den inzwischen in der bundesdeutschen Bürokratie weiter aufgestiegenen Beamten wurde 1960 kurz vor seiner Pensionierung zwar eröffnet, aber ohne weitere Folgen für ihn wieder eingestellt. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Getto_Litzmannstadt (29.9.2021)).

[2] 1987 tauchten in einem Wiener Antiquariat aus dem Besitz des Finanzleiter der deutschen Gettoverwaltung, Walter Genewein aus Salzburg, fast 500 Farbdias aus dem Getto Litzmannstadt auf, den das Jüdische Museum Frankfurt erwarb und 1990 zum Mittelpunkt einer Ausstellung zur Geschichte des Gettos gemacht. Weil in diesem Konvolut die Wirtschaftsbetriebe des Gettos und die Werbung für deren Arbeit standen, reagierten Getto-Überlebende auf diese Farbdias befremdet, teils sogar schockiert. Zu sehr unterschied sich der Blick des an Ausbeutung und Vernichtung der Getto-Bewohner beteiligten Fotografen von ihren eigenen Erinnerungen, in denen Hunger, Seuchen, Deportation und Tod dominierten. Einige der Aufnahmen wurden auch zur Grundlage des 1998 entstandenen Dokumentarfilms „Fotoamator / Photographer“ des polnischen Regisseurs Dariusz Jablonski. (Vgl. https://www.juedischesmuseum.de/erkunden/dokumente-fotografien/detail/farbdias-der-deutschen-gettoverwaltung-in-Łódź / (29.9.2021)

[3] Vgl. https://www.gedenkstaettenforum.de/uploads/media/GedRund134_28-34.pdf und https://erinnerungsorte.org/miejsca/lodz-park-der-ueberlebenden-und-denkmal-fuer-die-polen-die-juden-gerettet-haben/ (29.9.2021).

Baum wird geladen...