Menü

Weitere „Aussiedlungen“

In der ersten Zeit nach den im Zuge der „Sperre“ durchgeführten Deportationen verbesserte sich die Ernährungssituation kurzfristig, da große Mengen an Lebensmitteln im Getto eintrafen. Dadurch wurden Herbst und Winter 1942/43 zu einer Zeit, in der dessen Bewohner vergleichsweise gut verpflegt wurden. Dieser Zustand währte jedoch nicht lange, und das Frühjahr 1943 brachte eine erneute und radikale Verschlechterung der Lebensmittelzufuhren ins Getto.

Aber nicht nur das: Zeitgleich wurden neue „Aussiedlungen“ angekündigt, und die Art und Weise, wie sie vorbereitet wurden und durchgeführt werden sollten, erinnerte stark an die „Sperre“ im September des Vorjahrs, was bei der Gettobevölkerung naturgemäß erneut starke Ängste hervorrief. Ohne dass Konkretes bekannt war, kursierten ab Mitte März Gerüchte über „Aussiedlungen zur Arbeit“. Offiziell waren hierfür zunächst offenbar „lediglich“ 1.000 Personen vorgesehen. Am Abend des 24. März steigerte sich die Nervosität im Getto, weil bekannt geworden war, dass die anlässlich solcher Gelegenheiten aktiv werdende „Sonderabteilung“ zum Bereitschaftsdienst aufgerufen worden war. Einen Tag später lag die Arbeit in den Fabriken und Werkstätten weitestgehend still, weil man mit einer Razzia rechnete, während andere Gerüchte mittlerweile von 15.000 zu Deportierenden sprachen.

An all dieser Unruhe und den immer neuen Gerüchten ist ablesbar, dass die Gettobevölkerung über keinerlei konkrete Anhaltspunkte verfügte, an denen sie ihr Handeln hätte ausrichten können. Am Nachmittag des 30. März wurde dann ein Zug mit 20 Waggons im Bahnhof Radegast bereitgestellt. Etwa 1.000 ausgewählte Opfer mussten das Getto verlassen, während der Rest erfüllt von panischer Angst zurückblieb: „Es sollen heute 1.000 abgehen, dem Untergang entgegen“, berichtete Oskar Rosenfeld am 30. März 1943. „Fürchterliche Stimmung im Getto, Angst vor Aussiedlung, so wie im September.“[1] Diese war nur zu berechtigt, nahm der Transport doch den direkten Weg nach Auschwitz.

Nach einer erneuten Phase relativer Ruhe befahl Heinrich Himmler spätestens im März 1944, das zuletzt in Kulmhof tätige SS-Sonderkommando Lange zu reaktivieren und auch das Vernichtungslager wieder in Betrieb zu nehmen. Die Arbeiten, mit denen umgehend noch im gleichen Monat begonnen wurde, waren Anfang Juni 1944 beendet. Daraufhin erfuhren die Getto-Bewohner umgehend, dass wiederum neue „Aussiedlungen“ bevorstanden. Zur gleichen Zeit machten allerdings auch gänzlich anders geartete Nachrichten die Runde, denn weiterhin illegal Radio hörende Getto-Bewohner berichteten von erheblichen, große Hoffnung schürenden Geländegewinnen der Roten Armee. Die letzte Phase des Gettos Litzmannstadt hatte begonnen.

Alle etwaigen Hoffnungen erwiesen sich aber schnell als verfrüht, denn die Deportationen zwischen Getto und Vernichtungsstätte wurden tatsächlich mit hoher Schlagzahl wieder aufgenommen. Zwischen dem 23. Juni und dem 14. Juli wurden in zehn Transporten insgesamt 7.196 von jüdischer Seite ausgewählte und teilweise durch Razzien im Getto zusammengetriebene Menschen nach Kulmhof verlegt und dort ermordet. „Ein Bild des Elends und des Jammers, das zu beschreiben hier nicht möglich ist“, hieß es hierzu am 25. Juni 1944 in der Tageschronik. Und da der jüdische Ordnungsdienst eine regelrechte Jagd auf all jene veranstalteten, die angesichts der nahenden Befreiung alles unternahmen, um der todbringenden Deportation zu entgehen, wurde unter dem 13. Juli festgehalten: „Ein beschämendes, erschütterndes Bild der Straße. Juden hetzen Juden wie Treibwild. Eine richtige Judenhatz, von Juden organisiert.“ Zwei Tage später stellte Kulmhof aus ungeklärten Gründen seine Tätigkeit ein, worauf die Getto-Bevölkerung mit großer Erleichterung reagierte.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Löw, Juden, S. 444f.

Baum wird geladen...