Die „Sperre“
Ende August 1942 ordnete das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) an, sämtliche Gettobewohner unter zehn und über 65 Jahren sowie alle Kranken und Beschäftigungslosen nach Kulmhof zu deportieren. Das Getto sollte durch diese Maßnahme zu einem reinen Arbeitslager werden. Was dann allerdings passierte, kam für die Getto-Bewohner völlig unerwartet: Am 1. und 2. September räumte die Gestapo gemeinsam mit dem jüdischen Ordnungsdienst in einem ersten Schritt die Krankenhäuser und brachte sämtliche 1.253 Patienten ins Vernichtungslager.
Vom 5. bis 12. September galt im Getto dann eine „Allgemeine Gehsperre“, in deren Verlauf die vom RSHA definierten Personenkreise zusammengeholt und deportiert wurden. Am 5. September, einem Samstag, blieben zu Beginn der „Sperre“ die Fabriken geschlossen. Die Getto-Bewohner liefen voller Panik umher und versuchten, Lebensmittel zu kaufen. Ab 17 Uhr mussten sich dann alle in den Wohnungen aufhalten, während die Häuserblocks vom jüdischen Ordnungsdienst abgesperrt und bewacht wurden. Jüdische Polizisten kamen mit Listen in die Wohnungen, in denen Eltern verzweifelt versuchten, ihre Kinder vor deren Zugriff zu verstecken. Mütter mussten eigenhändig ihre Kinder übergeben, Gestapoleute erschossen Mütter vor den Augen ihrer Kinder und Kinder vor den Augen ihrer Mütter. Nach der „Sperre“ wurden später in einigen Verstecken verhungerte Kinder entdeckt, da deren Eltern nicht daran gedacht hatten, dass sie selbst zur Deportation ausgewählt werden könnten.
Am 12. September 1942 wurde die „Allgemeine Gehsperre“ beendet, der statt der von deutscher Seite geforderten 20.000 „nur“ 15.685 Menschen zum Opfer fielen - unter ihnen allein 5.860 Kinder. Außerdem ermordeten deutsche „Evakuierungspolizisten“ im Zuge von Razzien in diesen Tagen nahezu 600 weitere Menschen im Getto selbst.
Diese Tage stellten einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Gettos dar. Das galt einerseits hinsichtlich dessen nun stark veränderter Bevölkerungsstruktur und seiner Umwandlung in ein Arbeitslager; im Zuge von Gettoauflösungen im Warthegau waren fast 18.000 junge und kräftige Jüdinnen und Juden zusätzlich nach Litzmannstadt gekommen. Aber auch mit Blick auf die Selbstwahrnehmung der Menschen bedeuteten diese grausamen Tage einen gravierenden Wandel, denn spätestens jetzt wussten alle mit Sicherheit, dass die „Ausgesiedelten“ keineswegs zur Arbeit oder in ein anderes Lager, sondern in den sicheren Tod fuhren. Das war sicherlich auch ein Grund dafür, dass sich die Betroffenen ihrer Deportation in einem bis dahin unbekannten Ausmaß widersetzten.
Trotz aller Verzweiflung und dem Bewusstsein allgegenwärtiger Gefährdung setzte nach der „Sperre“ aber auch eine Phase relativer Ruhe und Sicherheit ein. Die Arbeiter kehrten am 14. September 1942 wieder in ihre Fabriken und Werkstätten zurück. Im Dezember 1942 zählte man 87.615 im Getto lebende Menschen, von denen 75.650 einer Beschäftigung in den zu diesem Zeitpunkt 94 Fabriken und den zahlreichen Werkstätten nachgingen und von denen etwa 1.200 krankheitsbedingt vorübergehend arbeitsunfähig waren. Die übrigen absolvierten nach Angaben Rumkowskis eine Umschulung und galten als „Reserve“, die „sukzessive zum Einsatz“ gelangen sollte.