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Das Getto-Archiv

Ein ganz besondere Form von Widerstand war das unbedingte Bestreben der Getto-Bewohner, die Nachwelt über die dortigen Lebensbedingungen zu informieren und so das Bestreben des NS-Regimes zu vereiteln, die jüdische Geschichte auszulöschen. Daher richteten sie im November 1940 ein Archiv ein, dem die Aufgabe zukam, den Überlebenskampf der jüdischen Bevölkerung mittels Aufzeichnungen und Tagebüchern festzuhalten und so den Blick unmittelbar Betroffener in den Mittelpunkt zu rücken und deren Alltag detailliert zu dokumentieren. Wenn die weitaus meisten dieser Chronisten den Holocaust auch nicht überlebten, erreichten sie ihr Ziel dennoch, nämlich - wie Saul Friedländer betonte - zu zeigen, dass „die Opfer ja keine anonyme Masse [waren], sondern Individuen, die eine Geschichte bis zum Tod haben“.[1]

In diesem Zusammenhang entwickelte sich insbesondere die seit Januar 1941 geführte Tageschronik zu einer Quelle von unschätzbarem Wert, in der aus der Unmittelbarkeit des jeweiligen Tages eine beeindruckende Materialfülle zusammengetragen wurde. Der Leser erfährt in diesen in den Büros der jüdischen Verwaltung verfassten Berichten von Gerüchten, kulturellen Ereignissen, Reden Rumkowskis, Fluchtversuchen und vielem mehr. Ab Frühjahr 1944 wurde die in dieser Tageschronik artikulierte Kritik immer deutlicher, denn das Ende des Gettos vor Augen, brachten die Autoren zunehmend den Mut auf, die Realitäten unverblümt zu Papier zu bringen.

Zum gleichen Zeitpunkt begannen die Mitarbeiter des Archivs auch damit, mit der „Enzyklopädie des Gettos Litzmannstadt“ ein weiteres großes Projekt in Angriff zu nehmen. Auf Karteikarten erstellten sie ein Lexikon, in dem wichtige Persönlichkeiten und Institutionen vorgestellt und Begriffe erläutert wurden, die entweder neu entstanden waren oder unter den spezifischen Bedingungen des Gettos eine neue Bedeutung bekommen hatten. So sollten dessen ganz eigene Realitäten für Menschen, die sie nicht erlebt hatten, verständlich gemacht werden. Im Gegensatz zur Tageschronik, deren Einträge in der Unmittelbarkeit des Tagesgeschehens entstanden, unternahmen die Autoren in der Enzyklopädie daher auch den Versuch einer ersten Getto-Bilanz.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Löw, Juden, S. 8f.

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