Gesundheit
Die Lebensbedingungen im Getto hatten zwangsläufig einen hohen Krankenstand zur Folge. Zwar gab es bereits seit dem 20. Oktober 1939 eine eigene „Gesundheitsabteilung“, doch reichte die nicht aus, die gesamte Getto-Bevölkerung medizinisch zu versorgen. Im Juni 1940 waren fünf Krankenhäuser in Betrieb, die im Mai 1941 über insgesamt 1.200 Betten verfügten und in denen - Stand Winter 1941 - 170 Ärzte arbeiteten. Die Bedingungen waren aber auch in den Krankenhäusern katastrophal, die Ernährung viel zu knapp und die sanitären Zustände unzumutbar. Das war aber durchaus im Sinne der NS-Verantwortlichen, wie aus einem im August 1941 verfassten Bericht des örtlichen Polizeipräsidenten hervorgeht: „Solange die Juden nicht von übergreifenden Seuchen befallen werden, ist ihnen nur in beschränktem Umfange ärztliche Hilfe durch jüdische Arzte oder Heilkundige zuzubilligen.“ [1]
Entsprechend hoch war die Todesrate. Bereits im Frühjahr 1940 begann eine Ruhrepidemie, an der 9.424 Getto-Bewohner erkrankten, von denen 1.117 starben. Sehr bald gab es auch eine Typhusepidemie sowie eine schnelle Verbreitung von Tuberkulose, an der allein im Jahr 1940 bereits 589 589 Erkrankte starben. Offiziell wurden bei 20 Prozent der Getto-Bevölkerung Tuberkulose diagnostiziert, die tatsächliche Zahl dürfte noch weit darüber gelegen haben. Herz- und Kreislaufkrankheiten nahmen angesichts der Bedingungen im Getto drastisch zu und waren bis 1942 die häufigste Todesursache; allein bis Mitte des Jahres zählte man 3.066 Tote, was 27 Prozent aller bis dahin im Getto zu verzeichnenden Todesfällen entsprach.
Unter den Neuankömmlingen aus dem Westen lag die Sterblichkeitsrate doppelt so hoch wie jene der polnischen Getto-Bewohner. Zwischen Oktober 1941 und Mai 1942 starben nahezu 3.200 und somit fast 16 Prozent dieser „Westjuden“. Riva Chirurg erinnerte sich später: „Sie fielen wie Fliegen. Sie fielen einfach.“ Zum einen lag das im Gesundheitszustand bei deren Ankunft begründet. Jeder der eintreffenden Transporte wies durchschnittlich eine 16-prozentige Rate an Kranken auf. Zum anderen zeigten sich gerade die einen anderen Lebensstandard Gewohnten den Zuständen im Getto vielfach nicht gewachsen. Sie bauten angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen in den Sammelunterkünften sowohl physisch wie psychisch schnell ab. Józef Klementynowski beschrieb diesen Prozess am 7. Mai 1942 sehr eindrücklich: „Und doch war es nur ein halbes Jahr, nur sechs Monate, die sich für sie als eine ganze Ewigkeit erwiesen haben! Eine solche Metamorphose hätte man sich bei manchen sogar im Traum nicht ausmalen können. Schatten, Skelette mit Geschwülsten im Gesicht und an den Gliedmaßen, zerlumpt und ausgemergelt.“[1]
Dabei verschlimmerte sich die Lage kontinuierlich weiter, so dass bald neue Epidemien ausbrachen: im November/Dezember 1941 die Ruhr, Anfang 1942 Bauchtyphus oder im März/April 1942 Fleckfieber. Hinzu gesellten sich weitere schwere und ansteckende Krankheiten wie Scharlach. Als im Herbst 1942 eine erneute Typhusepidemie ausbrach, nannte der Leiter der Gesundheitsabteilung des Gettos als Gründe: „Fäkalien verderben das Brunnenwasser. Ferner wirkt der ungenügende Wohnraum verheerend. Tiefstand der sanitären Verhältnisse. Schmutz in den Wohnungen.“[1]
Ab August 1942 wurden die meisten der Getto-Krankenhäuser in Fabriken und Werkstätten umgewandelt und ein Großteil der medizinischen Apparate an die deutsche Verwaltung abgegeben. Damit kam das Gesundheitswesen weitgehend zum Erliegen.
Die unerträglichen Umstände und die völlige Perspektivlosigkeit im Getto ließ insbesondere unter den „Westjuden“ die Selbstmordrate überdurchschnittlich ansteigen. Nahezu täglich wurden neue Fälle verzeichnet.
Fußnoten
[1] Zitiert nach Löw, Juden, S. 176ff.. Zum Folgenden vgl. ebenda, S. 155f.)
[2] Zitiert nach Löw, Öde, S. 41f.
[3] Zitiert nach Löw, Juden, S. 248.