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Unterschiedliche Welten

Es waren aber nicht nur die für sie vorher unvorstellbaren Lebensbedingungen im Getto, die den Neuankömmlingen jede auch nur rudimentäre Form des Einlebens erschwerten und zunehmend unmöglich machten. Erschwerend kam hinzu, dass hier auch in gesellschaftlicher, mentaler und religiöser Hinsicht Welten aufeinanderprallten, die ein Miteinander kaum zuließen.

Es handelte sich bei den Neuankömmlingen hauptsächlich um assimilierte Juden - auch etwa 250 Christen waren darunter -, von denen manche schon als Kinder getauft worden waren und keinen Bezug mehr zum Judentum hatten. Die Juden aus dem Westen entstammten einer anderen Kultur, ihre Mentalität unterschied sich stark von derjenigen der polnischen Juden - allein schon durch ihr elegantes Äußeres. Viele entstammten höheren und gebildeten Schichten oder waren Kaufleute, während nur wenige zur Arbeiterschaft zählten. Es handelte sich um Ärzte, Professoren, Rechtsanwälte, Journalisten, Maler, Musiker oder Schriftsteller, die in keiner Weise auf das vorbereitet waren, was sie nun erwartete.

Während zumindest Teile der polnischen Jüdinnen und Juden die Westjuden weniger als Schicksalsgenossen, sondern vor allem als Deutsche betrachteten, fühlten die sich ihren Glaubensschwestern und -brüdern oftmals überlegen und empfanden sie gar als schmutzig, unzivilisiert und zurückgeblieben. Hinzu gesellte sich eine hohe Sprachbarriere, die den aus dem Westen Kommenden unüberwindlich erschien. „Man sitzt wie in einem Bienenschwarm: polnisch, jiddisch, hebräisch - nur nicht deutsch“, notierte Alice Chana de Buton. „Man ist völlig isoliert, hat keine Ahnung von dem, was gesprochen wird.“[1] Unter solchen Umständen war das nunmehr unumgängliche Zusammenleben der verschiedenen Gruppen im Getto übermäßig stark belastet, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Zu den Ressentiments kamen noch die praktischen Folgen der massiven Überfüllung des Gettos, die umgehend auch Auswirkungen auf die Versorgungslage zeitigten.

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