Ankunft der „Westjuden“
Am 18. September 1941 teilte Heinrich Himmler Gauleiter Arthur Greiser die geplante Deportation von 60.000 Juden aus dem Westen nach Litzmannstadt mit. Da zu diesem Zeitpunkt noch 143.000 polnische Jüdinnen und Juden im kleinen Getto-Bezirk lebten, hätte die Umsetzung der Pläne eine Erhöhung auf weit über 200.000 auf engstem Raum bedeutet. Nach lautstarken Protesten der Besatzungsbehörden wurde die Zahl auf ein Drittel reduziert. Um Wohnraum zu schaffen, wurden kurzerhand Schulen geschlossen. Zudem wurde Anfang Oktober ein Teil des Gettos geräumt und umzäunt, um hier ein „Zigeunerlager“ für 5.000 Sinti und Roma einzurichten.
Zwischen dem 16. Oktober und dem 4. November 1941 trafen 20 Transporte mit 19.953 Jüdinnen und Juden aus dem „Altreich“, Wien, Prag und Luxemburg am Bahnhof Radegast (Radogoszcz) ein, wobei die meisten Neuankömmlinge zunächst nicht wussten, wohin sie überhaupt „evakuiert“ worden waren. Am Bahnhof wurden sie mit großer Brutalität in Empfang genommen. Sie mussten sich schnellstmöglich zur Marschkolonne formieren und sich auf den Fußweg zum Getto begeben.[1]
Als sie dort eintrafen, überschritten sie die Grenze in eine andere, für sie bis dahin völlig fremde Welt. Viele der aus dem Westen Deportierten empfanden den Eintritt in das Getto als Schock, da sie derartige Anblicke nicht kannten und folglich auch nicht erwartet hatten. Sie sahen verfallene und verwahrloste Holzhäuser, schmutzige Straßen, die nach Abfällen und allgegenwärtigem Kot stanken. Die einheimische Bevölkerung mit ihrer durch das Gettoleben zumeist schmutzigen und zerlumpten Kleidung war von Hunger und Entbehrung gekennzeichnet und bewegte sich nahezu apathisch wirkend durch die engen, im Wortsinn zum Himmel stinkenden Gassen.
Die Neuankömmlinge wurden zunächst in die zu Sammelunterkünften umfunktionierten Schulen[1] und sonstige Gebäude eingewiesen, wobei sämtliche - stets rund 1.000 - Mitglieder eines Transportes jeweils in einer dieser Unterkünfte zusammengepfercht wurden. Eine „Abteilung für die Eingesiedelten“ kümmerte sich um die Belange der Ankömmlinge und sogenannte „Kollektive“ versuchten, das Alltagsleben in den Massenunterkünften einigermaßen zu regeln, die sie mit den Namen der jeweiligen Herkunftsstadt und der Transportnummer versahen. Für jedes Zimmer wurde ein „Ordner“ ernannt, der für die Einhaltung von „Ruhe und Ordnung“ zuständig war. Jedem „Kollektiv“ wurde durch die Gesundheitsabteilung ein eigener Arzt zugeteilt, dem zwei „Gehilfen“ und drei Pflegerinnen zur Seite gestellt waren.
Aufgrund der unvorstellbaren Enge und angesichts des Umstands, dass die Gebäude nicht für Wohnzwecke vorgesehen waren, gestaltete sich das Leben in den von den dort Untergebrachten als „Lager“ bezeichneten Unterkünften - selbst gemessen an den Getto-„Standards“ - extrem schlecht und unmenschlich. Oft waren die Fenster zerstört und die Türen demoliert, was angesichts des früh einsetzenden Winters kaum erträglich war. Fließendes Wasser und sanitäre Anlagen gab es lediglich in einem einzigen dieser „Lager“, während die Bewohner der übrigen verschmutzte Latrinen auf dem Hof nutzen mussten, deren Wasserpumpen zumeist nicht funktionstüchtig waren.
Erschwerend kam hinzu, dass ein erheblicher Teil der Neuankömmlinge bereits relativ alt und daher unter den gegebenen Umständen für Krankheiten sehr anfällig war. Von den knapp 20.000 Deportierten waren mehr als die Hälfte über 50, ein gutes Viertel sogar über 60, und von den aus Berlin Eintreffenden war gar mehr als ein Drittel über 70 Jahre alt.[2] Das hatte naturgemäß zur Folge, dass ein großer Teil der neuen Getto-Bewohner „arbeitsunfähig“ war oder es angesichts der katastrophalen Lebensumstände sehr schnell wurden. Das wiederum musste das Konzept einer „Rettung durch Arbeit“ von Chaim Rumkowski unterlaufen.
Fußnoten
[1] Bis dahin hatte es im Getto 45 Schulen gegeben, in denen mehr als 17.500 Schülerinnen und Schüler von 648 Lehrkräften unterrichtet wurden. Mit der Ankunft der Transporte aus dem Westen und der damit verbundenen Umnutzung der Schulgebäude brach das Schulsystem zusammen und viele der Jugendlichen mussten fortan in einer der Fabriken arbeiten. (Vgl. Löw, Juden, S. 194ff.)
[2] Erst im April 1942 bestimmte das Reichssicherheitshauptamt, dass Kriegsversehrte und über 65 Jahre alte Juden grundsätzlich nach Theresienstadt zu deportieren seien.