Einmarsch und Besatzung
Am 8. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Łódź ein, wodurch sich alles dortige Leben umgehend fundamental veränderte. Insbesondere die polnischen Jüdinnen und Juden fanden sich in einem rechtsfreien Raum wieder, dessen Lebensbedingungen die deutschen Besatzer sukzessive durch eine Flut von Verordnungen „legalisierten“ und festigten. Sie wagten sich bald nicht mehr aus ihren Häusern, um nicht von nach Arbeitskräften Ausschau haltenden Razzien erfasst zu werden, was das wirtschaftliche und soziale Leben teilweise zusammenbrechen ließ. Aber selbst in ihren Wohnungen konnte sich die jüdische Bevölkerung nicht mehr sicher fühlen.
Am 10. September führten die Besatzer eine Sperrstunde ein, so dass Angehörige der polnischen und jüdischen Bevölkerung zwischen 20 und 6 Uhr ihre Häuser nicht mehr verlassen durften. Fünf Tage später wurde diese Anordnung für den jüdischen Teil verschärft, indem der Zeitrahmen auf 17 bis 7 Uhr ausgeweitet wurde. Ab dem 14. November mussten nicht nur jüdische Geschäfte kenntlich gemacht werden, sondern auch die Menschen wurden öffentlich sichtbar diskriminiert, indem sie verpflichtet waren, eine gelbe Armbinde zu tragen, die ab dem 11. Dezember durch einen gelben Stern ersetzt wurde. Im November musste sowohl die polnische als auch die jüdische Bevölkerung unter Androhung der Todesstrafe ihre Radios abgeben, kurze Zeit später wurde Jüdinnen und Juden verboten, mit Fahrzeugen jedweder Art „auf öffentlichen Wegen“ zu fahren.
Am 13. Oktober wurde der jüdische Gemeinderat aufgelöst und der 63-jährige Chaim Rumkowski zum „Ältesten der Juden“ bestimmt und mit der Bildung eines „Ältestenrates“ beauftragt. Ihm wurden volle Bewegungsfreiheit und sämtliche Kontrollfunktionen über die jüdische Bevölkerung zugestanden, die somit seinen Anweisungen künftig Folge zu leisten hatte. Rumkowski konnte zudem steuerliche Abgaben einzufordern. Die erste Sitzung des aus 31 Mitgliedern bestehenden „Ältestenrats“ fand am 17. Oktober statt.[1]
Seit dem 9. November 1939 war Łódź Bestandteil des „Reichsgau Posen“, welcher ins Deutsche Reich eingegliedert worden war und im Januar 1940 in „Reichsgau Wartheland“ umbenannt wurde. Damit unterstand die Stadt Gauleiter Arthur Greiser, einem radikalen Antisemiten, der seinen Gau schnellstmöglich „judenfrei“ machen wollte. Von diesem Zeitpunkt an wurden erste Deportationen von Jüdinnen und Juden aus dem Wartheland in das „Generalgouvernement“ durchgeführt, in deren Rahmen bis ins Frühjahr 1940 etwa 140.000 Juden - davon rund 71.000 aus Łódź - den Gau verließen, bis diese Umsiedlungspläne aufgrund der Intervention von Generalgouverneur Hans Frank am 23. März 1940 gestoppt wurden. Infolge dieser Umsiedlungen und zusätzlicher Fluchten lebten zu diesem Zeitpunkt noch etwa zwei Drittel der jüdischen Vorkriegsbevölkerung in Łódź.
Fußnoten
[1] Am 11. November inhaftierte die Gestapo die Mitglieder des ersten Ältestenrates und ermordete die meisten von ihnen. Danach hatte Rumkowski Probleme, einen zweiten Rat zusammenzustellen. Das neue, nun 21-köpfige Gremium trat am 5. Februar 1940 erstmals zusammen und setzte sich aus Mitgliedern zusammen, die kaum oder gar keine Erfahrung in öffentlichen Angelegenheiten mitbrachten und über keinen Rückhalt in der Bevölkerung verfügten. Dadurch konzentrierte sich die Macht künftig fast ausschließlich auf Rumkowski.